Interview "Die Selbstmordattentäter sind zurück"

Zu dem Anschlag auf die U-Bahn in St. Petersburg hat HEUTE IM OSTEN mit der Moskauer Investigativ-Journalistin Irina Borogan gesprochen. Borogan ist spezialisiert auf Russlands Sicherheitsorgane und Geheimdienste.

Der Täter soll aus Kirgistan in Zentralasien stammen. Für wie wahrscheinlich halten Sie diese Aussage der Ermittler?

Das ist durchaus wahrscheinlich, insofern, als schon seit einigen Jahren Auswanderer aus Zentralasien in den Reihen des sogenannten IS gekämpft haben. Es ist durchaus möglich, dass sie Selbstmordattentäter vorbereitet und nach St. Petersburg entsandt haben, als Putin dort zu einem Termin war. Russland hat sich ja am Krieg in Syrien beteiligt und Stellungen des so genannten IS bombardiert.

Was bedeutet dieser Anschlag für die Sicherheit Russlands?

Für Russlands Sicherheit bedeutete das: Es gab nach drei Jahren wieder den ersten Anschlag in Russland außerhalb des Kaukasus (Der Nord-Kaukasus ist Russlands Krisenregion, vor allem nach zwei blutigen Kriegen in Tschetschenien, Anm. d. Red.). Die Selbstmordattentäter sind zurück. Das heißt, die Geheimdienste leisten schlechte operative Arbeit im neuen Terroristen-Umfeld  – nämlich unter den Auswanderern aus Zentralasien.

Wird der Kreml diesen Anschlag nun nutzen, um noch schärfer gegen seine Kritiker im Lande vorzugehen – vor allem nach den jüngsten Protesten gegen Korruption und angesichts der LKW-Fahrerproteste?

Irina Borogan
Irina Borogan Bildrechte: Irina Borogan

Ich weiß nicht, wie die Staatsmacht jetzt reagieren wird. Die Sicherheitskräfte und Geheimdienste haben ja schon jetzt mehr als genug Macht. Früher hat der Kreml Terroranschläge zur Einschränkung der Demokratie im Land benutzt. Zum Beispiel nach der Geiselnahme in Beslan, da wurde die Direktwahl der Gouverneure abgeschafft (Gouverneure regieren in Russland die regionalen so genannten föderalen Objekte des Landes, vergleichbar in etwa mit den Bundesländern in Deutschland; die Gouverneure wurden bis zur Geiselnahmen von Beslan 2004 von der Bevölkerung gewählt; danach, bis 2012, wurden, sie vom Präsidenten ernannt; Anm. d. Red.). Seitdem haben der Kreml und die Dienste ohnehin schon zu viele Befugnisse bekommen. Um die Opposition zu unterdrücken, haben sie schon jetzt alle Mittel. Obwohl das natürlich nicht heißt, dass sie diesen Anschlag nicht doch ausschlachten werden.

Irina Borogan ist investigative Journalistin. Zusammen mit Andrej Soldatow hat sie im Jahr 2000 das unabhängige Web-Portal Agentura.Ru gegründet. Borogan und Soldatow veröffentlichen dort Informationen zu den russischen Geheimdiensten. Borogan schreibt regelmäßig u.a. für die "Moscow Times", für "Foreign Policy" und "Foreign Affairs". Beide Journalisten hatten zum Beispiel bei den Olympischen Spielen in Sotschy 2014 Abhörmaßnahmen des Staates ans Licht gebracht.

Über dieses Thema berichtet MDR auch in MDR Aktuell: TV | 04.04. 2017 | 19:30 Uhr