Wegen Kaliningrad: Polen baggert eigenen Ostseekanal

Ein russischer Militärhafen macht dem polnischen Seehandel zu schaffen. Deshalb lässt die Regierung in Warschau nun einen Kanal durch ein Naturschutzgebiet baggern. Das Projekt ruft bereits Kritik hervor.

Die polnische Regierung hat beschlossen, für umgerechnet circa 220 Millionen Euro einen Schifffahrtskanal an der Ostsee zu bauen. Am Sonntag hat das Parlament einen entsprechenden Entschluss gefasst. Das lokale Infrastrukturprojekt könnte als Randnotiz durchgehen. Doch es ist massiv geopolitisch aufgeladen und illustriert die schwierige Beziehung der polnischen Regierung zu Russland.

Verschwörungstheorien und historische Ängste

Die polnische Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) betont immer wieder lautstark, dass Russland eine Gefahr für die Sicherheit des Landes darstelle. So behauptet der Parteivorsitzende Jaroslaw Kaczyński seit dem Tod seines Bruders Lech im Jahr 2010, dass russische Geheimdienste in den Absturz der Maschine des damaligen Präsidenten involviert gewesen seien.

Außerdem verweisen Regierungspolitiker immer wieder auf die vermeintliche militärische Bedrohung durch den großen Nachbarn. So warnten mehrere erst jüngst vor der großen Militärübung "Zapad" (deutsch: Westen), die Russland Ende September in der Region abhält. Dabei würden die Truppen auch üben, die so genannte "Suwałki-Lücke" zur russischen Exklave Kaliningrad zu schließen.

Russischer Militärhafen als Bedrohung

Die liegt zwischen Polen und Litauen an der Ostsee und wird von Warschau, aber auch den baltischen Staaten argwöhnisch beäugt. Russland soll dort zum einen Iskander-Mittelstreckenraketen stationiert haben, die ganz Zentraleuropa erreichen können. Außerdem betreibt es bei Baltijsk einen wichtigen Militärhafen. Der bringt die PiS nun dazu, das seit 2007 geplante Bauprojekt anzugehen.

Denn Kaliningrad und Polen werden durch eine 70 Kilometer lange Landzunge verbunden, die Frische Nehrung. Diese trennt die dahinter liegende Bucht - das Frische Haff - von der offenen Ostsee. Die einzige Durchfahrt durch die Nehrung befindet sich aber auf russischer Seite, genau beim Militärhafen Baltijsk.

Kanalbau mit langem Vorlauf

Deshalb müssen alle Schiffe, die zum polnischen Hafen Elbląg wollen, die russischen Gewässer durchfahren. Warschau sieht darin eine Gefahr für die Sicherheit. So könnte die russische Marine das Haff einfach abschotten. Auch ein Eindringen der russischen Marine in die polnischen Binnengewässer hält man für möglich.

Daher soll der neue Kanal einen eigenen Ostseezugang auf polnischer Seite ermöglichen. Der würde dann nahe dem polnische Festland an der schmalsten Stelle der Nehrung liegen, beim Örtchen Kąty Rybackie. Neben der sicheren Zufahrt ins Haff würde der Kanal den Hafen in Elbląg auch attraktiver für den Seehandel machen und der Region so auch wirtschaftlich helfen, erklärte das Schifffahrtsministerium.

Kritik von Umweltschützern

Das Projekt wird jedoch auch kritisch gesehen. So wäre bereits die Entsorgung der ausgebaggerten Erde ein Problem, da diese bei ähnlichen Bauvorhaben Nistplätze von Wasservögeln beschädigt hätte. Außerdem würde der empfindliche Lebensraum am Lagunen-Boden durch die Schifffahrt und die Einschleppung fremder Arten erheblich verändert, bemängeln Umweltschützer.

Auch die wirtschaftlichen Vorteile seien überschaubar. Nur 60 Kilometer entfernt liegt Danzig, das über den größten Hafen Polens verfügt. Dort werden jährlich fast 1,2 Millionen Container umgeschlagen. Durch den Kanal bei Elbląg könnten auch nur Schiffe fahren, die nicht mehr als drei Meter Tiefgang haben. Sollte die kommerzielle Schifffahrt dennoch erfolgreich sein, wäre dies wiederum eine Gefahr für die Fischerei im Frischen Haff. Die ist derzeit einer der größten Wirtschaftszweige in der Bucht.

Die Regionalverwaltung und die Regierung in Warschau sind jedoch überzeugt von dem Projekt. Im Herbst beginnen bereits die Ausschreibungen. Ende 2018 könnte dann gebaut werden. Vier Jahre später sollen die ersten Schiff durch den rein polnischen Kanal fahren.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im TV: TV | 08.09.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. September 2017, 17:01 Uhr