Polnischer Soldat vor gepanzerten Geländewagen.
Auf der größten Militärparade seit 1966 präsentierte die polnische Armee uhr neustes Material. Im Gegensatz zu diesen neuen US-Fahrzeugen soll der Rest aber in einem desaströsen Zustand sein. Bildrechte: dpa

Polens Armee: Die marode Schutzmacht?

Polen feierte diese Woche mit einer riesigen Militärparade das hundertjährige Bestehen seiner Armee. Doch die ist in einem besorgniserregenden Zustand, berichten ehemalige Militärs und Insider. Dabei will das Land seine Armee eigentlich massiv ausbauen.

Polnischer Soldat vor gepanzerten Geländewagen.
Auf der größten Militärparade seit 1966 präsentierte die polnische Armee uhr neustes Material. Im Gegensatz zu diesen neuen US-Fahrzeugen soll der Rest aber in einem desaströsen Zustand sein. Bildrechte: dpa

100 Flugzeuge, 200 Fahrzeuge und 1.000 Soldaten marschierten und rollten durch oder überflogen die polnische Hauptstadt Warschau am vergangenen Mittwoch. 100.000 Menschen beobachteten sie dabei. Die riesige Militärparade war die größte in Polen seit mehr als 50 Jahren und sollte die Schlagkraft der Armee unter Beweis stellen. Doch um die soll es außerordentlich schlecht bestellt sein.

Wenig und schlechtes Material

"Es gibt keine Hubschrauber für die Armee, es gibt keine versprochenen Drohnen, es gibt nicht einmal ein halbes Schiff. Es gibt nichts", lautet das desaströse Urteil des pensionierten Generals Waldemar Skrzypczak, das er gegenüber der liberalen polnischen Wochenzeitung "Newsweek" abgab. Skrzypczak war von 2006 bis 2009 selbst Befehlshaber der polnischen Landstreitkräfte.

Es fehlt an Waffen und Munitionskäufe seien auf Eis gelegt, berichteten andere Insider dem Magazin. Ebenso, dass bereits ausgemusterte sowjetische T-72-Panzer wegen des Fahrzeugmangels kurzfristig wieder in Dienst gestellt wurden.

Noch schlechter soll es um die polnische Marine bestellt sein. Nach Angaben des ehemaligen Konteradmirals Adam Mazurek sind nur zehn Prozent der derzeit betriebenen Schiffe für einen langfristigen Gebrauch geeignet. Der Rest wandere früher oder später auf Verschrottungslisten. Die Flotte sei eine der ältesten in Europa, Neuanschaffungen seien jedoch nicht geplant.

Nie gebaute polnische Helikopter

Auch in der Luft sieht es düster aus. Zur Militärparade am Mittwoch flogen zwei sowjetische Helikoptermodelle über Warschau. Die Maschinen des dritten Typs, ein polnisches Modell aus den 1970er Jahren, seien nicht einsatzfähig gewesen, sagte ein Militärangehöriger. Dabei sollte die Luftwaffe eigentlich bereits moderne französische Hubschrauber besitzen.

Diese wurden unter der Vorgängerregierung der liberalen "Bürgerplattform" (PO) bestellt. Doch die neue nationalkonservative Regierung der Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) stoppte den Kauf nach ihrer Amtsübernahme 2015 kurzfristig. Stattdessen sollte ein polnischer Hersteller die dringend nötigen Helikopter entwickeln. Passiert ist seitdem kaum etwas.

Freiwillige gegen "russische Bedrohung"

Die Ausstattung des Militärs steht dabei im Widerspruch zu den Ambitionen der nationalkonservativen Regierung. Die beschwört regelmäßig eine Bedrohung durch Russland und will das Land massiv aufrüsten. So unterstützt das Verteidigungsministerium Freiwilligeneinheiten, in denen Zivilisten die Landesverteidigung üben.

Durch ein Gesetz aus dem November 2016 existiert eine "Armee zur Territorialverteidigung" (WOT), die in die reguläre Armee eingegliedert ist. In ihr bekommen Freiwillige militärische Schulungen und können im Verteidigungsfall mobilisiert werden. Bis 2019 soll die WOT über 53.000 Menschen umfassen, gerade einmal 10.000 sind es jedoch aktuell.

Unbezahlbare Division zum Schutz Warschaus

Auch das reguläre Personal soll aufgestockt werden. So verspricht Premierminister Mateusz Morawiecki seit längerem die Aufstellung einer vierten Division mit bis zu 30.000 Soldaten östlich der Hauptstadt Warschau. Diese soll die Stadt gen Osten absichern. Damit würde die Armee um ein Drittel wachsen, obwohl sie bereits jetzt nicht genug Nachwuchs rekrutieren kann.

Außerdem stehen die Chancen auf eine schnelle Umsetzung des Projekts trotz der öffentlichen Ankündigungen schlecht. So schätzt der Vize-Verteidigungsminister Tomasz Szatkowski die Kosten für die Aufstellung der zusätzlichen Division auf umgerechnet 17,5 Milliarden Euro. Das entspreche fast dem doppelten des gesamten jährliches Verteidigungshaushalts Polens, der bei circa 10 Milliarden Euro liegt.

Budgetsteigerungen gegen US-Schutz

Präsident Andrzej Duda und Leszek Surawski fahren auf einem Geländewagen mit einer Parade durch Menschengruppe.
Staatspräsident Duda versprach bei der Militärparade in Warschau mehr Geld für die polnische Armee. Bildrechte: dpa

Auch deshalb versprach Staatspräsident Andrzej Duda bei den Feierlichkeiten zum Jahrestag der Armee eine Anhebung der Militärausgaben. Sie sollen bis 2024 von derzeit 1,99 auf 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Damit entspräche Polen auch den Forderungen des US-Präsidenten Donald Trump, der die NATO-Partner vehement auffordert, mehr Geld für die Verteidigung aufzuwenden.

Experten zufolge würden zwar auch die 2,5 Prozent nicht ausreichen, um die nötigen Modernisierungen durchzuführen, seien aber ein wichtiges Signal an den wichtigsten Verbündeten in Washington. Denn ein Blick auf die Parade in Warschau zeigt auch: das neuste Material der polnischen Armee stammt aus den USA. Auch die multinationale 5.000 Mann starke NATO-Eingreiftruppe im Nordosten Polens steht unter Führung des US-Militärs. Den Schutz Polens bewerkstelligen derzeit andere.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: Radio | 18.07.2017 | 10:07 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. August 2018, 13:37 Uhr