Interview Polnische Priester predigen auf Youtube

Youtube hat derzeit fast zwei Milliarden Nutzer pro Monat. Sicher ist auch das ein Grund, weshalb polnische Priester immer öfter auf Youtube predigen. Und das durchaus erfolgreich. Einige haben bereits bis zu einer halben Million Abonnenten und bezeichnen ihre Kanäle als "katholisches Netflix". Auch Pfarrer Remigiusz Recław aus Łódź nutzt Youtube, um seine religiösen Botschaften zu teilen. Im Interview erklärt er, was hinter dem Trend steckt.

von Olivia Kortas

Pfarrer in einer Kirche
Seelsorge auf Youtube: Pfarrer Remigiusz Recław aus Łódź Bildrechte: Mocni w Duchu - Jezuici TV

Pfarrer Recław, findet die Kirche der Zukunft auf Youtube statt?

Youtube und Facebook sind Kommunikationsmittel. Vor allem Youtube ist eine große Hilfe für uns und sein Einfluss wächst. Es reicht aber nicht, Videos zu gucken. Ich muss beim Beten meine Augen schließen, um Gott nahe zu sein. Vor allem aber fehlt im Internet die lebendige Beziehung. Sie ist eine Voraussetzung für den Glauben.

Für diese lebendige Beziehung muss ich mich in eine Kirchenbank setzen?

Die lebendige Beziehung ist der menschliche Kontakt und dieser entsteht vor allem in der Kirche. Die Kirche ist schließlich eine Gemeinschaft lebender Menschen, nicht virtueller Kontakte.

Auch Ihnen folgt auf Youtube eine große Gemeinschaft: Rund 60.000 Follower hat der Kanal Ihrer Kirchengemeinde "Mocni w Duchu" (Die Starken im Geiste).

Das stimmt, und diese Gemeinschaft wächst enorm und wir laden mittlerweile täglich ein Video hoch. Wir haben 2010 angefangen zu experimentieren. Zunächst haben wir unsere Messen und Gebete auf Disketten gebrannt und verteilt. Später haben wir sie auf einer Website übertragen und erst 2014 haben wir Youtube für uns entdeckt. Heute erreichen wir mit den Videos unserer Messen 16.000 bis 20.000 Menschen.

Das sind mehr, als in Ihre Kirche passen.

Richtig, in unsere Kirche passen 3.000 Leute.

Warum zeigen Sie Messen, obwohl Sie sagen, online fehle der menschliche Kontakt?

Das war tatsächlich eine schwere Entscheidung. Eine Messe ist ein einmaliges Ereignis, vergleichbar mit dem Kabarett. Der Kabarettist erzählt seinen Witz auch kein zweites Mal, denn dann ist der Zauber vorbei. Auf Youtube können unsere Messen aber unendlich oft abgespielt werden. Wir leben heute aber in einer anderen Geschwindigkeit. Kaum jemand hat jeden Sonntag Zeit, in die Kirche zu gehen. Wenn er auf der Autofahrt statt Radio eine halbe Messe hört, dann ist das zumindest etwas. Wir wollen es den Gläubigen leichter machen.

Auf Ihrem Kanal beantworten Sie Fragen wie "Warum ist Masturbation eine Sünde?" und "Macht es Sinn, für die Rückkehr der Exfreundin zu beten?". Sie wollen wohl junge Menschen erreichen?

Die Nutzer schicken mir ihre Fragen zu und ich beantworte sie. Auf das Alter habe ich keinen Einfluss. Es überrascht mich aber, welche Themen die Leute interessant finden. Ein Klickhit war Video 113. Wir haben es Anfang Dezember hochgeladen und bislang haben es mehr als 180.000 Leute gesehen. Die Frage, die ich darin beantworte, lautet: Was soll ich beichten, wenn ich keine große Sünde begangen habe? Ich mache diese Videos, weil ich die Denkweise der Leute beeinflussen kann. Ich sage ihnen nicht nur, wie ich denke, sondern auch, warum ich so denke.

Beeinflussen die Videos auch Ihre Messen?

Wenn ich auf dem Kanal ankündige, dass eine Beichte stattfindet, kommen mehr junge Leute. Beichten können sie nur bei uns in der Kirche. Wir sehen, dass die Jungen interessiert sind, wir müssen sie besser abholen. Am Inhalt meiner Messe verändere ich aber nichts.

Im vergangenen Jahr feierte in Polen der Film "Kler" einen riesigen Erfolg. Er thematisiert Pädophilie und Korruption in der Kirche. Ist Youtube eine Alternative, wenn die Polen der Institution Kirche den Rücken kehren?

In Polen wird die Kirche stark attackiert, viel stärker als in Deutschland, denn sie drückt sich mutiger aus. Sie sagt direkt und laut, dass Abtreibung verboten werden sollte. Studien zeigen aber, dass die Jugend in Polen immer konservativer wird. Sie schätzt die traditionelle Familie, die Ehe zwischen Mann und Frau. Die Kirche reagiert auf die Denkweise der Jugend, aber sie reagiert vielleicht zu langsam. Ich persönlich freue mich über jeden, der betet, egal auf welchem Weg. Ich glaube dennoch nicht, dass Youtube eine Antwort auf die Krise der Kirche sein kann.

Trotzdem haben auch Sie auf Youtube Erfolg. Warum?

Vor einigen Jahren gab es in Polen das sogenannte Churching. Das heißt: Die Menschen sind nicht in die Kirche in ihrer eigenen Pfarrei gegangen, sondern in die Kirche, in der ihnen der Pfarrer am besten passte. Sie suchen nach dem guten Wort, nach einem talentierten Sprecher. Das wird durch Youtube noch extremer. Es ist einfach, den Priester zu finden, der einem am besten gefällt.

Ihre Person rückt dabei in den Vordergrund, auf Facebook haben Sie eine Fanpage. Sie werden zum religiösen Influencer.

Klar, ich riskiere, dass ein Kult um meine eigene Person entsteht. Aber es hilft auch nicht, wenn ich sage: Entfernt Euren Like bei mir und gebt ihn dafür Jesus, denn Jesus hat keinen Kanal auf Youtube und auch kein Profil auf Facebook. Ich kann nur betonen, dass die Leute nicht mir folgen, sondern Jesus. Ich ermögliche nur den Kontakt.

Ein Mann in Priesterkleidung
Bildrechte: Jezuici Łódź

Unser Interviewpartner Pfarrer Remigius Recław

Unser Interviewpartner Pfarrer Remigius Recław

Remigius Recław, 41, ist Pfarrer in der jesuitischen Pfarrgemeinde in Łódź, der drittgrößten Stadt Polens. Er trat 1996 dem Jesuitenorden bei und erhielt zehn Jahre später die Priesterweihe. Recław ist Direktor des jesuitischen Glaubens- und Bildungszentrums "Mocni w Duchu", das täglich Videos auf einem Youtube-Kanal hochlädt.

(zuerst veröffentlicht am 11.01.2019)


Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV: 12.10.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Januar 2019, 08:21 Uhr

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