Polnischer Kinderarzt wehrt sich gegen Impfgegner

2018 haben sich in der europäischen Region laut Weltgesundgesundheits-Organisation (WHO) so viele Menschen mit Masern angesteckt wie seit zehn Jahren nicht mehr. Als eine Ursache nennt die WHO die steigende Zahl der Impfgegner. In Polen machen diese seit Monaten durch streitbare Aktionen auf sich aufmerksam. Die neueste richtete sich gegen einen Warschauer Kinderarzt, der sich jedoch zur Wehr setzte.

Sie sollten aufhören, mit Spritzen polnische Kinder zu töten – solche Vorwürfe müssen sich Kinderärzte in Polen von radikalen Impfgegnern anhören, wie der Warschauer Kinderarzt Dr. Paweł Grzesiowski. Er sieht mittlerweile sogar sein Leben in Gefahr. "Oft musste ich Drohungen im Internet gegen mich lesen. Dass man mit solchen wie mir Schluss machen soll. Sie ermuntern dazu, uns umzubringen. Das ist die Wahrheit. Und jeder von uns fühlt sich bedroht", erzählt der Arzt.

Petition gegen impfende Ärzte

ein polnischer Arzt im Gespräch
Der polnische Kinderarzt Paweł Grzesiowski. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine Initiative, die gegen die Ärzte mobilisiert, ist "STOP NOP". Sie kämpft gegen die gesetzliche Impfpflicht in Polen und hat Grzesiowski zum Feindbild erklärt, weil er Mitglied einer Impf-Expertengruppe ist. In einer Online-Petition hat "STOP NOP" seine Entlassung und die anderer Experten gefordert. Der Vorwurf lautet: Grzesiowski wäre von der Pharmalobby gekauft. Über 24.000 Polen haben die Petition bisher unterschrieben.

Niederlage für Impfgegner

Justyna Socha aus Poznán ist die Urheberin der Petition. Sie ist das Gesicht und die Chefin von "STOP NOP". Nun musste sie sich vor Gericht verantworten. Denn Grzesiowski hatte sie wegen falscher Tatsachen-Behauptungen angezeigt. Das Gericht in Poznán bekannte sie für schuldig. Socha muss wegen Verleumdung 10.000 Zloty Strafe und 5.000 Zloty für die Prozesskosten zahlen. Das sind umgerechnet fast 4.000 Euro. Die "STOP NOP"-Chefin will in Berufung gehen. Nach dem Prozess meinte sie: "Das ist ein schlechtes Urteil. Ein Urteil, das zeigt, dass es in Polen keine Meinungsfreiheit gibt."

Sorgerechts-Entzug für Impfverweigerer?

Bildcollage Mann und Mutter die ihr Baby stillt
Haben ihr Kind aus der Geburtsklinik "entführt": Elternpaar aus Bialogard. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Prozess ist der bisherige Höhepunkt in einer Reihe von weiteren Aktionen der Impfgegner. Im Juni 2017 waren Hunderte Demonstranten vor dem Bezirksgericht im nordpolnischen Inowrocław erschienen. Einem Paar, das sich weigerte, seine beiden Töchter impfen zu lassen, drohte der Entzug des Sorgerechts und das Gericht sollte darüber entscheiden. Die Impfverweigerer jubelten, als das Paar weinend vor Erleichterung aus dem Gerichtsgebäude herauskam und mitteilte, dass es seine Kinder behalten dürfe. Auch Vize-Justizminister Patryk Jaki kommentierte den Fall in einem Brief an die Staatsanwaltschaft und den Gesundheitsminister. Der Impfzwang sei "eine Diskriminierung der polnischen Bürger gegenüber den anderen Einwohnern der EU".

120.000 Unterschriften gegen Impfpflicht

Die Mitglieder des Vereins "STOP NOP" fühlten sich durch den Brief des Vize-Justizministers ermutigt und starteten eine Unterschriftensammlung zur Abschaffung der Impfpflicht. Rund 120.000 Menschen haben unterschrieben, der entsprechende Gesetzentwurf lag im Oktober 2018 im Parlament vor und wurde von diesem angenommen.

Großteil der Bevölkerung pro Impfen

Laut einer Umfrage der EU-Kommission sind nur rund 78 Prozent der Polen der Meinung, dass es wichtig ist, Kinder impfen zu lassen. Damit ist Polen Schlusslicht in Europa. In Deutschland waren es 92 Prozent und bei den impffreudigen Portugiesen sogar 98 Prozent. Dennoch lassen 90 Prozent der Polen ihre Kinder impfen, nur eine Minderheit von ca. 30.000 Kindern wird nicht geimpft.

Ärzte warnen vor Epidemien

Wie die staatliche Hygienebehörde PZH (eine Entsprechung des deutschen Robert-Koch-Instituts) mitteilt, lag die Durchimpfungsrate von Kindern 2017 bei 93 Prozent – dabei drohen bereits unterhalb von 95 Prozent Epidemien. Ärzte warnen, dass überwunden geglaubte Krankheiten wie Masern schon bald wieder Tausende Kinderleben fordern könnten.

Demonstration von Impfgegnern in Polen
Immer mehr Polen fordern eine Abschaffung der allgemeinen Impfpflicht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die neuesten Zahlen zu Masernfällen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stützen diese Befürchtung. Demnach hätten sich 2018 in der Europaregion so viele Menschen mit der Krankheit angesteckt wie seit zehn Jahren nicht mehr. In den 53 Ländern, neben der EU zählt die WHO auch Russland, die Türkei, Israel sowie Usbekistan und Aserbaidschan zur Region, gab es fast 82.600 Masernfälle. 72 Kinder und Erwachsene seien an Masern gestorben. Als eine Ursache für den Anstieg nennt die WHO die wachsende Zahl der Impfgegner.

Auch in Polen macht sich die wachsende Impfmüdigkeit offensichtlich bereits bemerkbar, wie steigende Erkrankungszahlen zeigen: Während laut staatlicher Hygienebehörde 2010 nur 13 Fälle von Masern registriert wurden, waren es 2018 bereits 128 Fälle.

Steigende Zahl der Impfgegner

Polnische Ärzte beobachten schon seit einigen Jahren, dass die Zahl der Impfverweigerer rasant steigt. 2008 lag sie noch bei etwa 3.000 Fällen, inzwischen sind es rund 30.000. Durch aggressives Vorgehen, wie die Online-Petition gegen den Warschauer Kinderarzt, machen vor allem radikale Impfgegner in der Öffentlichkeit auf sich aufmerksam.

(man)

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: Heute im Osten - Reportage | 09.02.2019 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Februar 2019, 12:22 Uhr