Regine Sylvester
Regine Sylvester Bildrechte: MDR/RBB/Hoferichter & Jacobs

Ostfrauen Die Lust auf Erfahrung

"Ich will alles!" Drei Worte, die das Lebensgefühl von Regine Sylvester als Frau in der DDR getroffen haben. Die Autorin über Liebe, Aufmüpfigkeit und selbstbewusste Ostfrauen.

von Regine Sylvester

Regine Sylvester
Regine Sylvester Bildrechte: MDR/RBB/Hoferichter & Jacobs

Es gibt ein Foto, ungefähr von 1985. Ich stehe vor dem Fenster im Arbeitszimmer. An der Scheibe klebt ein lila Flyer, den eine Freundin mitgebracht hatte: "Ich will alles!" Drei Worte, ein Ausrufungszeichen. Das kam von Feministinnen im Westen.

Dieses alte Foto hilft, mich an mich zu erinnern.

Mich verband mit ihnen nicht viel. Etwas Missionarisches ging von ihnen aus. Sie sprachen über Männer wie über Gegner. Einmal war eine Bekannte aus Köln zu Besuch. Sie trug eine Kette. Der Anhänger – ein großer Ring mit einem schrägen, inneren Metallstück – sah aus wie eine kleine Guillotine. Sie nannte das Teil einen Schwanzabschneider. Sie hatte nicht vor, ihn zu benutzen, aber das Statement war mir unangenehm. Dieser Frauenspruch dagegen "Ich will alles!", der war gut. Er traf mein Gefühl: eine Mischung aus Bildungshunger, Lust auf Erfahrung und Aufmüpfigkeit. Er traf meine Ziele: Frau sein, schlau sein, kinderlieb und bindungsfähig.

Regine Sylvester Regine Sylvester wurde in Berlin-Mitte geboren und ist nie von dort fortgezogen. Seit vielen Jahren arbeitet sie als Journalistin u.a. für die Wochenpost, Stern, Berliner Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Brigitte Woman, Die Zeit. Außerdem ist sie Film- und Fernsehautorin, zum Beispiel für "Die Alleinseglerin". Lesen kann man von ihr außerdem den Roman "Vorgeschriebene Flughöhe" und die Kolumnen-Sammlungen "Bis hierher. Und wie weiter?" und "Soll man so leben?".

Ich arbeitete als Journalistin und liebte meine kleine Tochter. Ihr Vater hatte uns verlassen, wir waren nicht verheiratet. Ich war traurig, aber ich hasste nicht. Davor war ich mit einem anderen Mann verheiratet gewesen – das war auch schiefgegangen. Weil ich als Assistentin an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg etwas mehr als er verdiente, bezahlte ich die Kosten der Scheidung für den Mann und für mich – jeweils 70 Ostmark. Man musste in der DDR nicht zusammenbleiben, weil eine Scheidung zu teuer gewesen wäre.

Arbeit
Arbeiterin an einem Kreuzspulautomaten in einem DDR-Textilbetrieb. Bildrechte: IMAGO/Ulrich Hässler

Ich war etwa zwölf und horchte an der Tür, als Tante Anni aus München in unserer Küche weinte. Sie redete mit meiner Mutter – der Herbert wolle sich scheiden lassen, wegen einer jungen Frau. Tante Anni sagte: "Ich war immer Hausfrau und bin von ihm abhängig. Was soll ich bloß machen?" Das merkte ich mir. Niemals wollte ich abhängig sein von einem Mann.

Ich war allerdings oft verliebt.

Verliebt zu sein ist auch ein Gefühl von Abhängigkeit, aber ein schönes. Man kann sich das Lächeln nicht aus dem Gesicht wischen. Gedanken, die sonst in alle Richtungen fliegen, richten sich auf einen Menschen wie Eisenspäne auf Magneten. Bei beiderseitigem Gefallen folgten Blicke, Worte, Küsse, Anfassen, Sex. Zwischen den Stationen mussten nicht Monate, Verlobungen oder Eheversprechen liegen. Manchmal ging das alles ganz schnell. Uneheliche Kinder trugen kein Stigma. Viele Studentinnen waren Mütter.

Mann und Frau an einem FKK-Strand
Keine Angst vor nackter Haut: FKK gab es an jedem Tümpel. Bildrechte: IMAGO

Ich erinnere mich an die öffentliche Lockerheit im Land. FKK, die Freikörperkultur, war eine Massenbewegung, eine gänzlich unorganisierte Szene, die bis an den letzten Tümpel reichte. 1987, zur 750-Jahr-Feier von Berlin, fuhr beim Festzug auch ein Wagen mit Nackten an Erich Honecker und anderen Politikern auf der Tribüne vorbei – man stelle sich das mal heute vor.

Die DDR war in den Anfangsjahren moralisch durchaus kleinbürgerlich. Ich wäre 1966 fast von der Uni geflogen, weil ich nach der Arbeit beim Ernteeinsatz mit einem Studenten geduscht hatte. Es gab Zimmerkontrollen in Wohnheimen. Im Hotel beobachtete das Personal die Aufzüge und führte nichtangemeldete Männer und Frauen zurück ins Foyer. Später wurde der Staat toleranter, die Energie reichte nicht für Nebenschauplätze, man sah nicht mehr so genau hin.

Privat machten die Leute sowieso, was sie wollten. Wenn die repräsentative Umfrage des Hamburger Gewis-Instituts von 1990 stimmt, dann waren 80 Prozent der Ostdeutschen mit ihrem Sexualleben zufrieden – auch wenn sie noch kein Sexspielzeug oder andere Erregungshilfen benutzten. Auf dem Gebiet waren wir seinerzeit – vor dem Zugang zum Reich von Beate Uhse – schüchtern. In einem Hotel an der Ostsee hing ein großer runder Spiegel über einem großen runden Bett. Das Zimmer hatte ich ahnungslos für ein Wochenende mit dem Vater meiner Tochter gebucht. Der wollte im ersten Impuls das Haus durch eine Hintertür verlassen. Er blieb dann doch. Aber wegen des Spiegels fand die Liebe im Dunkeln statt.

Küssen
Knutschen während einer Politveranstaltung der FDJ in Berlin, 1973. Bildrechte: IMAGO/NBL Bildarchiv

Der Leipziger Sexualforscher Professor Kurt Starke sagte im Interview: "Beim Start ins Sexualleben waren die ostdeutschen Frauen die eifrigsten, schnellsten und agilsten. Dann kam eine Weile nichts. Ostdeutsche Jungen und westdeutsche Mädchen waren fast gleichauf. Dann kam wieder eine Weile nichts. Die trägsten, die spätesten waren die westdeutschen Männer. Sie hatten am ehesten Berührungs-, Versagens- und Prestigeängste. Das hat sich aber inzwischen angeglichen." Professor Starke sagt auch, dass sich die Menschen heutzutage trennen, wenn die Liebe vergeht, und er fährt fort: "Das ist ein großer zivilisatorischer Fortschritt."

In den Dimensionen der Menschheitsgeschichte mag das so sein, aber der einzelne kleine Mensch, gerade im Liebeskummerklumpen eingefroren, der verzweifelt – ohne einen einzigen Gedanken an Zivilisation und Fortschritt zu verlieren. Meistens wird man ja nicht einfach so verlassen. Auch Teilgeständnisse verschlimmern die Lage. Es gibt diesen Witz. Ein Ehepaar liegt im Bett, die Frau fragt in die Stille: "Woran denkst du?" Und der Mann antwortet: "Kennst du nicht."

Die DDR machte eine frauenfreundliche Sozialpolitik, sie musste das auch.

Frauen waren zu über 80 Prozent berufstätig, ihre Arbeit wurde gebraucht. Die Betreuung der Kinder wie Krippe, Kindergarten, Schulspeise, Ferienlager kostete wenig Geld. Die Pille – in der DDR hieß sie zuerst "Wunschkindpille" und nicht "Antibabypille" wie im Westen – kostete gar nichts. Der monatliche Haushaltstag wurde voll bezahlt. Frauen bestimmten über eigene Berufstätigkeit und ihr in die Ehe eingebrachtes Vermögen. Sie waren, anders als bis 1977 in der Bundesrepublik, nicht zur Führung des Haushalts verpflichtet. Sie erlebten Anerkennung auch außerhalb ihrer Familien. Wenn ich über Frauen von damals im Osten schreibe, falle ich ins "Wir" – ohne nachzudenken.

Der Unterschied war die Jahreszahl auf dem Banner.

Frauentag
Parteichef Erich Honecker hält eine Rede anlässlich des Internationalen Frauentags 1984 in Berlin. Bildrechte: IMAGO/Stana

Vor etwa 35 Jahren habe ich angefangen, den Frauentag in meiner Wohnung zu feiern. Die Fotografin Sibylle Bergemann arrangierte ein Foto von uns und rannte auf ihren Platz, bevor der Selbstauslöser klickte. Seit Sibylles Tod im Jahr 2010 macht meine Tochter dieses jährliche Gruppenbild – auf dem ersten hatte sie noch eine Zahnlücke. Eine Feier nur mit Frauen war eine Ausnahme. Meine Freundinnen und ich haben in Mann-Frau-Gemischen gearbeitet, getanzt und geschlafen. Die offiziellen Rituale zum Internationalen Frauentag waren zum Zeremoniell erstarrt. Erich Honecker saß im Staatsrat zwischen ausgewählten Frauen, die an diesem Tag die Clara-Zetkin-Medaille bekamen. Bis 1989 brachte das "Neue Deutschland" am nächsten Tag das immer gleiche Titelbild: Honecker als Zentralfigur, das gleiche Arrangement der Tische, das gleiche Ambiente mit der Thälmann-Statue. Es sah aus wie eines dieser Suchbilder: Finde den Unterschied!

Dann feiern wir uns eben selber, dachten wir. So ist es zu diesen Festen in meiner Wohnung gekommen. Ich sorge mit einer gewissen Penetranz dafür, dass alle am Tisch bleiben und einander zuhören bis in die Nacht.

Unser Leben in der DDR war nie perfekt und nie wirklich gerecht.

Viele Männer drückten sich vor Hausarbeiten. Frauen verdienten weniger als Männer, weil sie oft in den schlechter bezahlten Berufen arbeiteten. Aber Arbeit und selbstverdientes Geld führten zu einer besonderen Sozialisation: Unabhängigkeit, Selbstbewusstsein und Anerkennung. Viele von uns haben das verinnerlicht, gespeichert wie auf einer Festplatte.

Ärztin
Reihenuntersuchung, 1987. Bildrechte: IMAGO/Werner Schulze

Das öffentliche Bild der Frau war das einer Arbeiterin auf dem Kran, einer Bäuerin auf dem Traktor, einer Ärztin im weißen Kittel, einer Polizistin in Uniform. Es ging nicht um Schönheit, nicht um Alter. Artikel 7 der DDR-Verfassung von 1949 lautete: "Mann und Frau sind gleichberechtigt. Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen, sind aufgehoben." So fing es an.

Wir waren emanzipiert, ohne viel darüber zu reden.

Diese Haltung spiegelte sich im Film und in der Literatur, auch in der Fernsehdramatik. Oft bekamen Frauen große Rollen – hier nur wenige Beispiele: "Der geteilte Himmel", "Die besten Jahre", "Das Kaninchen bin ich", "Der Dritte", "Bis dass der Tod euch scheidet", "Rotfuchs", "Anlauf", "Die Legende von Paul und Paula", "Das Versteck", "Unser kurzes Leben", "Solo Sunny". Die Ähnlichkeit der Frauenrollen bestand in der Suche nach einer Liebe ohne Kompromisse. Ganz sein, intakt bleiben, lieben und geliebt werden. Und das gute Ende war nicht sicher.

Christa Wolf, Brigitte Reimann, Sarah Kirsch, Helga Königsdorf, Irmtraut Morgner oder Helga Schütz schrieben aus dieser Perspektive ihre Bücher. Die sozialistische Gesellschaftsordnung setzte Rahmen und Grenzen, aber das reichte eben doch nicht zum Glück. Maxie Wanders berühmtes Buch "Guten Morgen, du Schöne. Protokolle nach Tonband" erschien 1977 in der DDR, ein Jahr später in der Bundesrepublik. Sie hatte Gespräche mit neunzehn ganz verschiedenen Frauen geführt. Man sollte das Buch wieder lesen. Die Autorin führt durch einen weiblichen Kosmos. Wie interessant die alle waren, aufrührerisch und schonungslos und ohne Selbstmitleid. Maxie Wander ist bald nach Erscheinen des Buches mit 44 Jahren an Krebs gestorben. Sie hatte eine Fortsetzung der Gespräche geplant – mit Männern. Da hätte ich vielleicht einen männlichen Kosmos entdeckt.

Man redete in der DDR immerzu über "das Frauenbild", über das sich die Gesellschaft verständigen müsse. "Das Männerbild" ist kein Thema geworden. Damals nicht und heute auch nicht.


Dieser Text ist entstanden im Rahmen des Projekts "Ostfrauen" des Rundfunk Berlin-Brandenburg und des Mitteldeutschen Rundfunks. wurde geboren in Berlin-Mitte und ist nie von dort fortgezogen. Seit vielen Jahren arbeitet sie als Journalistin u.a. für die Wochenpost, Stern, Berliner Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Brigitte Woman, Die Zeit. Außerdem ist sie Film- und Fernsehautorin, zum Beispiel für „Die Alleinseglerin“.
Lesen kann man von ihr außerdem den Roman „Vorgeschriebene Flughöhe“ und die Kolumnen-Sammlungen „Bis hierher. Und wie weiter?“ und „Soll man so leben?“.


Über dieses Thema berichtet der MDR im TV: "Ostfrauen - Wege zum Glück" | 08.03.2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. März 2019, 11:01 Uhr