Ungarischer Energieexperte Balaszs Felsmann
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"Paks II kommt zu früh und ist ökonomischer Nonsens."

06. März 2018, 18:10 Uhr

Balázs Felsmann arbeitet im Forschungszentrum für regionale Energie-Politik in Budapest und berät Behörden, Organisationen sowie Unternehmen im Energiesektor. Er ist kein Atom-Gegner, findet Paks II aber trotzdem falsch.

Was kritisieren Sie an Paks II?

Ich denke, dass das Timing das größte Problem von Paks II ist. Das neue AKW soll 2026 in Betrieb genommen werden, das alte - Paks I - aber erst zwischen 2032 und 2037 abgeschaltet werden. Der parallele Betrieb ist aus ökonomischer Sicht Nonsens. 2026 wird das ungarische Stromnetz keinen Bedarf an zusätzlichen 2400 Megawatt haben.

Ich denke, man muss bei der ganzen Diskussion zwei Fragen berücksichtigen. Erstens: Braucht Ungarn überhaupt ein neues AKW? Und zweitens: Braucht es ein AKW unter solchen Bedingungen und zu diesem Zeitpunkt? Die zweite Frage beantworte ich mit einem klaren Nein. Bei der ersten Frage wäre ich etwas vorsichtiger und toleranter im Hinblick darauf, dass Ungarn keinen besonders großen Spielraum hat.

Wir sind nicht reich an Wasserenergie und wir haben keine fossilen Rohstoffe. Wenn wir also unsere Möglichkeiten betrachten und uns zwischen Technologien mit einem niedrigen CO2-Ausstoß entscheiden wollen, sollten wir die nukleare Technologie nicht ganz ausschließen. Die tatsächliche Frage ist, welchen Nutzen hat die Anlage Mitte der 2020er Jahre? Warum wartet man nicht? Ich denke, für einen Ökonomen ist das die größte Frage und das Unverständlichste.

Sie meinen also, Paks II ist unrentabel - vor allem aufgrund der parallelen Laufzeit mit Paks I. Können Sie das näher erläutern?

Das Geschäftsmodell geht von einer 90%igen Auslastung des Kraftwerks aus. Beim Parallelbetrieb von Paks I und II werden wir aber mehr produzieren als wir brauchen. Man muss die Leistung des Kraftwerks also sehr viel öfter herunterregulieren als es das Geschäftsmodell vorsieht. Zum Beispiel auch dann, wenn die Wasserstände der Donau im Sommer nicht ausreichen, um die Blöcke von Paks I und II zu kühlen.

Damit steht die Rentabilität in Frage, selbst dann, wenn die Strompreise erheblich steigen würden. Außerdem macht der Parallelbetrieb zusätzliche Investitionen in die Stromnetzentwicklung nötig, die aber nach dem Abschalten von Paks I wieder überflüssig ist. Eine sinnlose Investition, die zudem bei den veranschlagten Kosten für Paks II - 12,5 Milliarden Euro - nicht berücksichtigt wurde. Für all diese Verluste oder Ausgabenüberschreitungen wird der ungarische Steuerzahler herhalten müssen.

Was halten Sie davon, dass Paks II zu 80 Prozent mit einem Kredit aus Moskau finanziert wird?

Es war interessant und merkwürdig, wie die Entscheidung der Regierung 2014 quasi als Überraschung zustande kam, dass das Kraftwerk mit russischer Finanzierung gebaut wird. Ich sage "Überraschung", weil noch im Herbst 2013 von einer Ausschreibung die Rede war. Ich denke, es wäre viel ruhiger um Paks II, wenn es eine richtige Ausschreibung gegeben hätte - selbst wenn Rosatom diesen Wettbewerb gewonnen hätte.

Warum fand kein richtiger Wettbewerb statt? Warum hatte es die Regierung so eilig, diesen Vertrag im Januar 2014 abzuschließen? Ich denke, darauf haben wir bis heute keine zufriedenstellende Antwort bekommen. Der russische Kredit, den Ungarn damals aufgenommen hat, ist für heutige Verhältnisse nicht günstig, sondern teuer.

Der ungarische Haushalt hat sich seitdem so gut entwickelt, dass wir heute zu einer viel besseren Gegenfinanzierung in der Lage wären. Die Regierung macht es sich zu einfach, wenn sie sagt, es hätte niemand anderen gegeben mit einer Finanzierung für 30 Jahre. Sie hat ja niemand anderen gefragt.

Wäre es nicht besser für Ungarn, in die erneuerbaren Energien zu investieren?

Das Wachstum der erneuerbaren Energien ist eine grundsätzliche Frage und es ist sehr schade, dass Ungarn einer alten Technologie "hinterherläuft" und diese dann auch noch 60 Jahre betreiben muss, nur weil es die vielen innovativen Errungenschaften, die uns in den nächsten Jahren bevorstehen, noch nicht sieht.

Wir sollten uns nochmal vergegenwärtigen, was in den letzten zehn Jahren geschehen ist, zum Beispiel in der Entwicklung der Sonnenenergie: Zwischen 2008 und 2015 gab es eine Preisverringerung von 80 Prozent bei der Solarenergie. Man sagt, dass es im nächsten Jahrzehnt auch hinsichtlich der Energiespeicherung eine revolutionäre Entwicklung geben wird.

Indem Ungarn sich heute der Nukleartechnologie verschreibt, verbaut es sich sehr viele Optionen für die Zukunft. Indem es auf eine Technologie setzt, bei der die Runterregulierung sehr schwierig und teuer ist, wird es gar keine andere Möglichkeit haben, als die Erneuerbaren zurückzustellen. In Ungarn betrifft das vor allem die Windenergie. Im Grunde hat man mit administrativen Werkzeugen die Investition in Windenergie im Land schon jetzt unmöglich gemacht.

Bei der Sonnenenergie ist das Bild positiver: sie funktioniert relativ gut mit der Kernkraft zusammen. Nachts gibt es keine Sonne, doch der Wind stoppt nicht, wenn die Sonne untergeht. Wie gesagt, ich finde, der Bau von Paks II ist eine voreilige Entscheidung. Wir hätten die Zeit, auch noch Anfang der 2020er Jahre über ein neues AKW zu diskutieren.

Macht sich Ungarn mit dem Atom-Deal noch abhängiger von Russland?

Indem wir den nuklearen Anteil verstärken, verringern wir dadurch unsere Abhängigkeit vom Gas. Wenn man es so betrachtet, steht am Ende beider Energiequellen ein und dasselbe Land. Ich würde also sagen, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit keinen Unterschied macht.

Weder wächst unsere Abhängigkeit, noch wird sie geringer, sie ändert sich nur ein bisschen. Auf jeden Fall lässt sich aber sagen: Ungarn hat gar nicht erst versucht, aus dem russischen Verhältnis auszutreten und eventuell in andere Richtungen Kontakte zu knüpfen.

Russische, Ungarische, Tschechische und Ukrainische Flagge 2 min
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2 min

Wie steht es um die Beziehungen Russlands zu seinen osteuropäischen Nachbarn? Dieser Frage sind wir in Teil I der Reportage in Ungarn, Tschechien und der Ukraine nachgegangen.

Mi 28.02.2018 17:53Uhr 01:31 min

https://www.mdr.de/heute-im-osten/projekte/wir-und-russland/video-179062.html

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Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: HEUTE IM OSTEN: Reportage | 10.03.2018 | 18:00 Uhr