Kosovo Rückzug aus Prizren - Abschied der Bundeswehr

Die Bundeswehr packt ihre Koffer: Nach fast zwei Jahrzehnten verabschiedet sich ein Großteil der deutschen Truppe aus dem Kosovo - und macht Platz für ein Innovationscamp.

von Marius Emsel

Die Bundeswehrsoldaten im kosovarischen Feldlager Prizren haben alle Hände voll zu tun. Sie zählen, packen und verladen: Von der einzelnen Patrone bis zum tonnenschweren Militärfahrzeug, "alles was nicht verschlissen ist, geht zurück nach Deutschland", erzählt Obermaat Toni W. Zusammen mit anderen Soldaten kontrolliert und koordiniert er den riesigen militärischen Umzug. Waffen und Munition werden per Flugzeug transportiert, der Großteil des Kriegsgeräts gelangt auf dem Landweg wieder zurück in die Heimat.

100 Soldaten aus Sachsen-Anhalt im Kosovo

Obermaat Toni Wunderlich
Toni W., Materialbewirtschaftungsunteroffizier. Bildrechte: Bundeswehr

Der 29-Jährige ist einer von ungefähr 100 Soldaten aus Burg in Sachsen-Anhalt, die seit vier Monaten das Feldlager im Süden des Landes abbauen und in den kommenden Monaten selbst abziehen. Offiziell verabschieden sich die deutschen Soldaten aus Prizren am 4. Oktober 2018 - nach fast 20 Jahren. Es wird jedoch noch bis zum Jahresende dauern, bis die Bundeswehr das Lager an die Republik Kosovo übergibt.

Die Möbelpacker der Bundeswehr

Viel ist nicht mehr übrig vom 40 Hektar großen Feldlager der Bundeswehr. Ganze Gebäude sind verschwunden, viele Tonnen Material und mehr als 100 Container haben die Soldaten schon nach Deutschland geschickt. Jeden Tag, an dem Obermaat Toni W. über das Militärgelände geht, sieht er wie das Camp immer leerer wird. "Das erlebt man nicht alle Tage, wie ein voll funktionsfähiges Camp nach und nach zurückgebaut werden", so der Soldat aus Burg.

Osteuropa

Rückzug der Bundeswehr Koffer packen in Prizren

Bis zum Ende des Jahres will die Bundeswehr im kosovarischen Prizren die deutsche Flagge einholen. Das heißt vor allem eins: eine Menge Arbeit.

Das Bundeswehrfeldlager Prizren im Kosovo
Zwar ist der Bundeswehreinsatz im Kosovo noch nicht vollständig vorbei - denn ein paar Dutzend Soldatinnen und Soldaten bleiben in der Hauptstadt Pristina. Weil aber der Großteil der Deutschen in Prizren stationiert ist, endet mit dem Abzug von dort auch ein Stück Bundeswehr-Geschichte. (DPA/me, Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im TV am 18.05.2018 | 17:45 Uhr) Bildrechte: IMAGO
Das Bundeswehrfeldlager Prizren im Kosovo
Zwar ist der Bundeswehreinsatz im Kosovo noch nicht vollständig vorbei - denn ein paar Dutzend Soldatinnen und Soldaten bleiben in der Hauptstadt Pristina. Weil aber der Großteil der Deutschen in Prizren stationiert ist, endet mit dem Abzug von dort auch ein Stück Bundeswehr-Geschichte. (DPA/me, Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im TV am 18.05.2018 | 17:45 Uhr) Bildrechte: IMAGO
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Damit die Bundeswehr beim Transport nach Deutschland keine gefährlichen Krankheitserreger einschleppt, wird vorher noch einmal alles kräftig gesäubert. Jedes Fahrzeug, das kosovarischen Boden berührt hat, muss in einer Waschanlage desinfiziert werden – mit Ameisensäure, als Vorsichtsmaßnahme gegen Tierseuchen wie das Q-Fieber. Erst dann dürfen die Fahrzeuge verladen werden.

Aufbruchsstimmung in Prizren

Soldaten
Zusammen mit seinen Kollegen kontrolliert Toni W. (Mitte) das Material, das zurück nach Deutschland geht. Bildrechte: Bundeswehr

Im Bundeswehrfeldlager Prizren herrscht Aufbruchsstimmung - auch bei Toni W., er freut sich auf seine Familie. Nach der Verabschiedung im Oktober bleibt jedoch ein kleiner Teil der Truppe in der Hauptstadt Pristina, etwa 80 Soldaten. Im Rahmen der NATO-Mission werden sie dort kosovarische Sicherheitskräfte (die "Kosovo Security Force") bei der Ausbildung beraten.

Die Bosnienmission ist der mittlerweile längste Auslandseinsatz der Bundeswehr. Nach den Einsätzen in Mali und Afghanistan war dort das drittgrößte deutsche Einsatzkontingent stationiert. Zu Hochzeiten waren im Lager Prizren mehrere tausend Soldaten stationiert, um den Frieden im Kosovo zu sichern.

Der Krieg im Kosovo

Vor rund 20 Jahren begann der NATO-Einsatz im Kosovo. Nach dem Krieg auf dem Balkan sollten die KFOR-Truppen mit deutscher Beteiligung den Abzug der jugoslawischen Truppen und die Entmilitarisierung des Kosovo überwachen. Knapp 130.000 deutsche Soldaten beteiligten sich über die Jahre an der Mission.

Es war das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, dass sich deutsche Soldaten an einem Kampfeinsatz beteiligten - ausgerechnet unter Außenminister Joschka Fischer von den Grünen und ohne ein Mandat der UN. Anlass für den Kampfeinsatz waren gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen serbischen Streitkräften und der Befreiungsarmee des Kosovo. Dabei kam es auch zu systematischen Überfällen, Vertreibungen und Massenmorden an der kosovarischen Bevölkerung. Wochenlang warf die NATO damals Bomben auf militärische Ziele in Serbien, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, so die Argumentation. Nach den Luftangriffen akzeptierte Belgrad die internationale Kontrolle. Die KFOR rückte ein, darunter auch deutsche Soldaten.

Heute hat sich die Sicherheitslage im Kosovo stabilisiert. Das merkt Obermaat Toni W. auch in Prizren selbst: "Wenn man durch die Straßen läuft, wird man nach Fotos gefragt und freundlich von der Bevölkerung empfangen. Die Innenstadt Prizrens ist touristisch und ein Ort zum Treffen für die Bürger."

Bundeswehr macht Platz für Technologiepark

Fast zwei Jahrzehnte nach dem Kampfeinsatz zieht sich die Bundeswehr nun zu großen Teilen aus dem Kosovo zurück. Und damit fällt der Startschuss für einen Innovations- und Trainingspark, der auf dem Gelände des Bundeswehrfeldlagers in Prizren entstehen soll. Das Angebot richtet sich an junge Start-Ups im Kosovo sowie an Jugendliche, die eine duale Berufsausbildung absolvieren oder selbst ein Unternehmen gründen wollen. Finanziert wird das Projekt von der Bundesrepublik, der kosovarischen Regierung und der Stadt Prizren. Für Obermaat Toni W. ist der Park vor allem für Jugendliche eine gute Chance, um Fuß zu fassen: "Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass etwas Vernünftiges aus dem Feldlager entsteht, wenn wir Soldaten nach Hause gehen."

Ähnlich einem deutschen Vorbild, dem Technologiepark Adlershof in Berlin, soll in Prizren ein Hotspot entstehen für Forschung, Lehre und Industrie - aber auch ein Ort zum Austausch, Arbeiten und Wohnen. So bleibt nach dem Abzug der Bundeswehr nicht nur die Infrastruktur des Feldlagers erhalten, sondern auch die Hoffnung auf eine nachhaltige Perspektive für die Bevölkerung des Kosovo, die mit Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität zu kämpfen hat.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: TV | 18.05.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Oktober 2018, 12:00 Uhr