Soldaten und bewaffnete Zivilisten kämpfen im Dezember 1989 in den Straßen Bukarests gegen Anhänger des gestürzten Diktators
Soldaten und bewaffnete Zivilisten kämpften im Dezember 1989 in den Straßen Bukarests. Bildrechte: dpa

Rumänien Strafprozess wegen blutiger Revolution geplant

29 Jahre nach dem Sturz der kommunistischen Diktatur in Rumänien ist immer noch unklar, wer die über 900 Toten der 1989er-Revolution zu verantworten hat. Drei Anläufe für einen Strafprozess waren im Sande verlaufen. Doch nun könnte es bald zu einer Anklage gegen die erste Nachwende-Regierung kommen.

von Annett Müller

Soldaten und bewaffnete Zivilisten kämpfen im Dezember 1989 in den Straßen Bukarests gegen Anhänger des gestürzten Diktators
Soldaten und bewaffnete Zivilisten kämpften im Dezember 1989 in den Straßen Bukarests. Bildrechte: dpa

Dieser Tage fragte das rumänische Online-Portal Hotnews, wie wichtig es ihren Lesern sei, dass womöglich noch ein Strafprozess gegen frühere hochrangige Politiker angestrengt würde, die man der blutigen Revolutionsereignisse von 1989 verdächtige? Die große Mehrheit der rund 2.500 beteiligten Leser stimmten für die Antwort "Gerechtigkeit ist immer wichtig". Sie wollen einen Prozess.

Der letzte gestürzte Machthaber im Ostblock

Elena Ceausescu steht mit ihrem Mann vor einem Geländer.
Das rumänische Diktatoren-Ehepaar: Elena und Nicolae Ceausescu Bildrechte: IMAGO

Doch wozu ist ein Strafverfahren nötig? Im Jahr 29 nach der rumänischen Revolution wird immer noch ein Großteil der Verantwortlichen für die blutigen Ereignisse von 1989 gesucht. Der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu war der letzte kommunistische Machthaber, der im Ostblock gestürzt wurde. Während andere längst entmachtet waren, residierte er bis kurz vor Weihnachten 1989 in seinem luxuriösen Palast in Bukarest. Als sich die Massenproteste vom westrumänischen Timisoara auf andere Städte ausbreiteten, ergriff der Diktator mit seiner Frau die Flucht. Wenige Stunden später nahmen die Behörden beide fest und sperrten sie am 22. Dezember 1989 in eine Militärkaserne in Targoviste, rund 80 Kilometer von Bukarest entfernt.  

Hunderte Tote in Revolutionstagen

Das Diktatoren-Ehepaar saß fest, ihr Regime war gestürzt und dennoch kam es in den Tagen danach zu schweren Straßenkämpfen. In nur vier Tagen starben über 940 Menschen, mehr als 3.000 wurden verletzt. Es war die einzige Revolution im Ostblock, die blutig verlief. Das staatliche Fernsehen berichtete live rund um die Uhr von den Gefechten, meldete, dass angebliche Terroristen aus dem Ausland die Ceausescus wieder an die Macht zurückholen wollen. Alle redeten von den Terroristen, nur keiner sah sie. Militärs schossen um sich, fühlten sich von vielen Seiten bedroht.

"Es herrschte eine Menge Verwirrung in den Revolutionstagen. In der Hysterie haben viele Militärs den Kopf verloren", meint der Bukarester Historiker Bogdan Murgescu im Interview mit dem MDR. Für ihn sind bis heute zwei wichtige Fragen ungeklärt: "Wer hat das Chaos in den Dezembertagen von 1989 provoziert? Wer brachte die Theorie der angeblichen Terroristen in Umlauf, die die Straßenkämpfe erst richtig anheizte?"

Dreimal Verfahren eingestellt

Bürger demonstrieren 1989 vor dem eroberten Regierungsgebäude des Diktatos Ceausescu in Bukarest gegen die neue Regierung
Aufständische Bürger am 26. Dezember 1989 vor dem eroberten Regierungsgebäude des Diktators. Bildrechte: dpa

Genügend Zeit, die Antworten zu finden, wäre in den vergangenen drei Jahrzehnten gewesen. Es wurden fast 5.000 Ermittlungsverfahren angestrengt, gegen knapp 200 Personen Anfang der 1990er-Jahre auch Anklage erhoben. Doch nur ein kleiner Bruchteil der Beschuldigten wurde verurteilt. Ein riesiges Revolutionsverfahren, in dem es um 700 Tote ging, ist dreimal eingestellt worden - wegen Inkompetenz und weil alte Kader in den neuen Positionen saßen, die keinerlei Interesse an der Wahrheit haben. 2016 musste das Verfahren wieder aufgenommen werden, weil der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) darauf drängte. Bis heute fragen sich daher viele Rumänen: Wer hat in den Revolutionstagen auf uns geschossen? Vor allem die Angehörigen der Revolutionstoten drängen hier unermüdlich auf eine Antwort.

Zustimmung von Johannis gilt als sicher

Am Montag kündigte die rumänische Generalstaatsanwaltschaft an, gegen die erste Nachwende-Staatsführung vorgehen zu wollen. Sie strebt ein Strafverfahren gegen Ex-Präsident Ion Iliescu und Ex-Ministerpräsident Petre Roman wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" an. Damit es zur Anklage kommt, muss Staatschef Klaus Johannis grünes Licht für die Strafermittlungen gegen die früheren Staatsgrößen geben. Johannis' Zustimmung in den kommenden Tagen gilt als sicher, schließlich hatte der Rumäniendeutsche in der Vergangenheit betont, dass es inakzeptabel sei, nicht zu wissen, wer schuldig sei.

Das einzige Land mit blutiger 1989er-Revolution

Rumänien war das letzte osteuropäische Land, das im Wendejahr 1989 aufbegehrte. Das Ceausescu-Regime galt als das brutalste im Ostblock. Ein Rückblick auf die Ereignisse.

Der rumänische Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu (M) winkt am 24.11.1989 nach dem Parteitag in Bukarest der jubelnden Bevölkerung zu.
Als alle Länder des Ostblocks ihre Führungen im Wendejahr 1989 bereits gestürzt hatten, da nahm der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu Ende November 1989 noch ein Bad in der Menge. Das Bild entstand nach einem Parteitag in Bukarest. Bildrechte: dpa
Der rumänische Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu (M) winkt am 24.11.1989 nach dem Parteitag in Bukarest der jubelnden Bevölkerung zu.
Als alle Länder des Ostblocks ihre Führungen im Wendejahr 1989 bereits gestürzt hatten, da nahm der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu Ende November 1989 noch ein Bad in der Menge. Das Bild entstand nach einem Parteitag in Bukarest. Bildrechte: dpa
Rumänien - Denkmal für die Opfer der 1989er Revolution
Am 22. Dezember 1989 floh der Diktator mit einem Hubschrauber vom Dach des ehemaligen Zentralkomitees (ZK) der Kommunistischen Partei in Bukarest (links im Bild). Wenige Stunden später wurde das Diktatorenehepaar festgenommen und tagelang in einer Militärkaserne eingesperrt. Rechts im Bild ein Denkmal für die Opfer der Revolution. Bildrechte: MDR/Annett Müller
Die Häuserplakette in der Innenstadt von Bukarest erinnert an den 21. und 22. Dezember 1989.
Auf der Plakette in der Innenstadt von Bukarest steht: Hier starben Menschen für die Freiheit. Die rumänische Hauptstadt hatte Ende Dezember 1989 die meisten Opfer des Umsturzes zu beklagen. Das rumänische Staatsfernsehen streute damals Gerüchte, dass Ceausescu-Anhänger das Regime wieder an die Macht zurückbringen wollten. Bildrechte: MDR/Annett Müller
Rumänien - Ceausescu-Graffiti
Das Graffiti in Bukarest zeigt den früheren Diktator Nicolae Ceausescu. Unter seinem Bild steht: "Komme in fünf Minuten zurück" - eine Anspielung auf die Nostalgie im Land. Bildrechte: MDR/Annett Müller
Rumänien - Rumänisches Parlament
Der ehemalige Diktator Nicolae Ceausescu ließ sich ab Mitte der 1980er-Jahre eine Machtzentrale in Bukarest errichten, in die er aber nicht mehr einziehen konnte. In dem Gebäude residiert seit den 1990er-Jahren das rumänische Parlament. Bildrechte: Annett Müller/MDR
Bürger demonstrieren 1989 vor dem eroberten Regierungsgebäude des Diktatos Ceausescu in Bukarest gegen die neue Regierung
Die ersten Proteste gegen den rumänischen Diktator hatte es vom 16. Dezember 1989 an im westrumänischen Timisoara gegeben. Die Unruhen weiteten sich in den Tagen danach auf Bukarest und andere Städte aus. Am 21. Dezember 1989 hielt Ceausescu vor 50.000 bestellten Arbeitern seine letzte Rede, die mit Buh-Rufen endete. Bildrechte: dpa
Soldaten und bewaffnete Zivilisten kämpfen am 28. Dezember 1989 in den Straßen Bukarests gegen Anhänger des gestürzten Diktators.
Nach dem Sturz des Diktators, der das Land fast ein Vierteljahrhundert regierte, herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände im Land. Rumänien war damit das einzige Land im Ostblock, dessen Revolution im Wendejahr blutig verlief. Bei den Straßenkämpfen starben vom 15. Dezember bis 31. Dezember 1989 landesweit über 1.100 Menschen, mehr als 3.000 wurden verletzt. Bildrechte: dpa
Ceausescus Hinrichtungsmauer in Targoviste
Das Ceausescu-Regime galt als das brutalste im Ostblock. Der allmächtige Geheimdienst Securitate terrorisierte die Menschen. Lebensmittel, Strom und Heizwärme waren streng rationiert. Auf dem Bild ist die Hinrichtungsmauer für das Diktatoren-Ehepaar Nicolae und Elena Ceausescu zu sehen. Beide wurden am 25. Dezember 1989 nach einem Schauprozess hingerichtet. Die Einschüsse wurden wieder freigekratzt. Die Militärkaserne ist inzwischen ein Museum. Die Bilder der beiden Toten gingen Weihnachten 1989 um die Welt und sorgten weltweit für Kritik. Bildrechte: MDR/Annett Müller
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Rumänen haben sich gegenseitig beschossen

Ion Iliescu 1989
Erst Parteikader, dann erster Staatschef von Rumänien nach der Revolution 1989: Ion Iliescu Bildrechte: IMAGO

Ion Iliescu - einst Jugendminister unter Ceausescu - hatte nur wenige Stunden nach der Flucht des Diktatoren-Ehepaares die Macht an sichgerissen - mit seiner "Front zur Nationalen Rettung“ (FSN), die aus hochrangigen Parteikadern und Geheimdienstlern bestand. Er rief das Volk auf, die Revolution gegen den Feind zu verteidigen. Ermittlungen zeigten später jedoch, es gab den Feind gar nicht. Rumänische Aufständische, die von der Armee bewaffnet worden waren, hatten sich mit rumänischen Soldaten die Gefechte geliefert. Im Rückblick war es ein wahres Trauerspiel, das durch eine Menge Falschmeldungen angeheizt worden war.

Beförderung statt Gefängnis

Der Bukarester Historiker Bogdan Murgescu
Bukarester Historiker Bogdan Murgescu Bildrechte: Universität Bukarest

Dass bei einem möglichen Prozess Ex-Staatschef Ion Iliescu für den Tod zahlreicher Menschen beschuldigt werden könne, hält der Bukarester Historiker Bogdan Murgescu für unwahrscheinlich. "Doch Iliescu verantwortet, dass die Aufarbeitung der Ereignisse verschleppt wurde und ein Teil der Ermittlungen in den vergangenen Jahren gescheitert ist." So habe sich Iliescu für einen guten Ruf der Armee stark gemacht, sie als "Verteidiger der Revolution" gepriesen, statt sie als chaotische Truppe anzuprangern, die Unschuldige tötete. "Der Staatschef wollte sich damit Stabilität und Ruhe im Land sowie die eigene Macht sichern", sagt Murgescu. Die blutigen Ereignisse wurden nicht aufgearbeitet und die damals kämpfenden Militärs wurden nach der Revolution befördert. Viele sind heute längst Rentner und beziehen eine satte Altersversorge.

Alte Strukturen hinüberretten

Emilian Isaila
Bukarester Journalist Emilian Isaila Bildrechte: Ziare.com

Der Bukarester Journalist Emilian Isaila war 22 Jahre alt, als er mit Hunderttausenden anderen Menschen für den Sturz der Ceausescu-Diktatur sorgte. Auf dem Nachrichtenportal Ziare.com schrieb er dieser Tage, der bevorstehende Strafprozess sei wichtig, weil damit der Grund für den sozialen und wirtschaftlichen Misserfolg Rumäniens nach der Wende gefunden werden könnte. Denn die einstigen kommunistischen politischen Strukturen hätten sich durch die verworrene Revolution bis ins Heute retten können. Auch ist es "eine wahnsinnige Last für die rumänische Gesellschaft, wenn es für all die Toten keine Verantwortlichen geben soll", sagte Isaila auf MDR-Anfrage.

Urteilsprechung könnte Jahre dauern

Am 25. Dezember 1989 ließen die neuen Machthaber verkünden, dass die beiden Ceausescus hingerichtet wurden. Man habe das Urteil so schnell vollzogen, damit die Straßenkämpfe der Ceausescu-Anhänger beendet würden. Die Bilder der beiden durchsiebten Leichen gingen um die Welt und sorgten für internationales Entsetzen. Auch deshalb gibt es heute noch weltweit ein großes Interesse an den einstigen Revolutionsgeschehnissen. Sollte es zum Strafprozess um die Revolution kommen, könnte er wohl mindestens ein Jahrzehnt lang dauern, wegen der vielen Augenzeugen, die gehört werden müssten, vermutet der Bukarester Journalist Isaila. Ob Ion Iliescu damit das Urteil noch erleben wird, ist fraglich. Der ehemalige Staatschef ist heute 88 Jahre alt.

Ceausescus Hinrichtungsmauer in Targoviste
Militärkaserne in Targoviste: An dieser Mauer wurden die Ceausescus am 25. Dezember 1989 erschossen. Die Einschüsse sind noch heute zu sehen. Bildrechte: MDR/Annett Müller

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: Hörfunk | 03.04.2018 | 08:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. April 2018, 14:01 Uhr