Call Girl sorgt für internationale Politaffäre

Ein Oligarch, eine hoher Regierungsbeamter, ein Call Girl, Youtube und Instagram. Das sind die Zutaten eines pikanten Politkrimis, der gerade in Russland für Schlagzeilen sorgt und bis nach Washington reicht.

Am Anfang des bislang größten russischen Politkskandals des Jahres stand eine ganz normale Affäre zwischen einem milliardenschweren Oligarchen und einer jungen schönen Frau, die auf genau solche Männer aus ist. Am Ende der Geschichte könnte ein Verbot von YouTube und Instagram in Russland stehen, sowie ein internationaler Politskandal, der bis nach Washington reicht. Aber immer der Reihe nach.

Junge Frau, reicher Mann, viele Fotos

Die Affäre mit dem russischen Aluminiumkönig Oleg Deripaska, geschätztes Vermögen 5,1 Milliarden US-Dollar, sollte das Escort-Girl Anastasija Waschukewitsch berühmt machen. Nach Kräften prahlte die 20-jährige Frau aus Belarus auf Instagram und YouTube damit, wie sie den Milliardär nach einem Casting kennen lernte und auf seiner Yacht in Norwegen um den Finger wickelte.

Nun droht beiden Netzwerken womöglich die landesweite Sperrung in Russland. Denn offenbar war der jungen Frau die Brisanz ihrer eigenen Prahlereien selbst nicht bewusst gewesen. Denn auf der Yacht filmte sie nicht nur ihren reichen Begleiter, sondern auch seinen weniger reichen aber dafür umso mächtigeren Bekannten Eduard Prichodko.

Nawalny-Film spielt Amerikanern in die Hände

Jener Prichodko ist Vizepremier in der Regierung von Dmitrij Medwedew, ein alter Vertrauter von Präsident Putin und gilt als außenpolitischer Strippenzieher. Dass ein Regierungsvertreter sich auf Yachten von Oligarchen vergnügt, ist allenfalls ein Skandälchen in Russland.

Zwei Männer auf einer Jacht. Links der Milliardär Oleg Deripaska, rechts der Regierungsbeamte Eduard Prichodko.
Dieser Videoausschnitt brachte den Skandal ins Rollen: Milliardär Deripaska und der Regierungsbeamte Prichodko beim (konspirativen?) Angelausflug. Bildrechte: Youtube/Georgij Alburow

Viel wichtiger für den Oligarchen Deripaska: Seit Monaten verdächtigen US-Medien ihn, eine Art Mittelsmann zwischen Trumps Team und dem Kreml gewesen zu sein. Ein Treffen mit einem hohen Regierungsbeamten, dem dazu nachgesagt wird, die außenpolitischen Strippen in der Regierung Medwedew zu ziehen, ist das letzte was Deripaska gerade gebrauchen kann.

Monatelang beachtete aber kaum jemand die pikante Nähe des Regierungsbeamten zu einem der reichsten und einflussreichsten Russen überhaupt. Bis der russische Oppositionelle Alexej Nawalny auf das Escort-Girl aufmerksam wurde.

Zusammen mit anderen Models hatte sie sich im Herbst engagieren lassen, um ein Kampagnenbüro von Nawalny in der sibirischen Stadt Kransnojarsk zu stürmen. Nawalny durchforstete ihre Profile im Netz, las ihr Buch und machte daraus einen neuen halbstündigen Film. Das millionenfach geklickte Video veröffentlichte Nawalny ebenfalls auf YouTube, zum ersten Mal auch mit englischen Untertiteln.

Wichtigster Politikskandal des Jahres

Seitdem ist die Geschichte zum bislang wichtigsten Politikskandal des Jahres geworden. Zunächst ist da der juristische Kreuzzugs Deripaskas gegen seine ehemalige Gespielin Waschukewitsch und die Presse. Der Milliardär will das junge Call Girl vor Gericht bringen, weil sie die Aufnahmen ohne sein Wissen veröffentlicht haben soll. Das Männer-Magazin "Maxim" musste bereits eine Liste schlüpfriger Witze zu Deripaska von seiner Seite nehmen.

Den sozialen Netzwerken Instagram und Youtube hat die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadzor mit Sperren gedroht, sollten Bilder von Deripaska und Prichodko nicht aus dem Netz genommen werden, ebenso Nawalnys Enthüllungsfilm. Basis ist eine einstweilige Verfügung eines Gerichts in der russischen Provinzstadt Ust Labinsk, wo der Milliardär gemeldet ist.

Passiert ist nach dem Auslaufen der Deadline in der Nacht vom 14. auf den 15. Februar erst einmal nichts. YouTube und Instagram gibt es weiterhin, Roskomnadzor hat noch keine Stellungnahme abgegeben.

Wurde Milliardär Deripaska reingelegt?

Währenddesen hat der Skandal aber auch eine internationale Ebene erreicht. Es geht um mehr als um die üblichen Korruptionsvorwürfe Nawalnys. Dass ein Regierungsbeamter für einen Aufenthalt auf einer Yacht nicht bezahlt oder gar den Privatjet eines Superreichen benutzt, zählt im russischen Korruptionssystem bestenfalls als Bagatelle.

Im eigenen Land müssen also weder Deripaska noch Prichodko Probleme befürchten. Doch der Verdacht erhärtet sich, dass Oligarch Oleg Deripaska als Mittelsmann zwischen Trumps Wahlteam und dem Kreml fungierte. Der russische Milliardär streitet alle Vorwürfe bisher ab und sieht sich als Opfer eines Komplotts.

Auch vielen anderen reichen Russen scheint es kein Zufall zu sein, dass ein Call Girl solch sensible Informationen publik macht und dass Nawalnys Enthüllungen ausgerechnet jetzt kommen, kurz nachdem die USA eine Liste mit Personen veröffentlichten, die potentiell Ziel von Sanktionen im Zuge der russischen Wahleinmischung werden könnten. Sowohl Prichodko als auch Deripaska stehen drauf.

Video über die Kunst der Verführung

Die schöne Weißrussin will von der Brisanz ihrer Aufnahmen nichts gewusst haben. Freimütig berichtete sie vielmehr, sie habe Seminare des in Moskauer Kreisen bekannten Verführungsgurus Alexander Kirillow besucht. Dort sei es üblich, alle Schritte der Verführung auf Video festzuhalten, um sie der Zielperson nach der geglückten Verführung zu präsentieren.

Auch die Verbindung nach Krasnojarsk entstand wohl dank Kirillow und einem seiner Freunde und ehemaligen Kursbesucher Sergej Tolmatschew, der nun Regionalpolitiker der Kremlpartei Einiges Russland in der sibirischen Großstadt ist. Das Gerücht, Tolmatschow habe Kirillows Models engagiert, um Nawalnys Wahlkampf in seiner Stadt zu behindern, verbreitete sich wie ein Lauffeuer.

Youtube unter Druck

Weniger gelassen scheint die Lage zumindest in den Büros von Youtube zu sein angesichts der landesweiten Sperren, die die russische Medienaufsicht angedroht hat, sollten Bilder von Deripaska und Waschukewitsch, sowie Nawalnys Enthüllungsfilm nicht aus dem Netz genommen werden. Youtube forderte nun Nawalny auf, seinen Film aus dem Netz zu entfernen.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Fernsehen : MDR aktuell | 18.01.2018 | 21:45 Uhr