Rasierklinge auf einem PC-Schirm abgebildet
Über soziale Netzwerke sollen 130 russische Teenager in den Tod getrieben worden sein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Russland "Blauer Wal": Russisches Selbstmordspiel wirft Fragen auf

Ein vermeintliches Selbstmordspiel erschüttert Russland. Über soziale Netzwerke sollen Jugendliche organisiert in den Suizid getrieben worden sein. Doch es gibt auch Zweifel an der Echtheit des Phänomens. Denen sind die MDR-Redaktionen "Heute im Osten" und "MEDIEN360G" gemeinsam nachgegangen.

Rasierklinge auf einem PC-Schirm abgebildet
Über soziale Netzwerke sollen 130 russische Teenager in den Tod getrieben worden sein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eierkuchen hatte sich Diana Pestow von ihrem Vater Sergej zum Abendessen gewünscht, bevor sie an einem Frühjahrstag im Jahr 2016 die elterliche Wohnung im russischen Rjasan verließ, 200 Kilometer östlich von Moskau. Kurz darauf sprang das 16-jährige Mädchen von einem Hochhaus in den Tod.

Geschlossene Gruppen in sozialen Medien

Sergej Pestow und seine Frau am Grab ihrer Tochter
Die Pestows am Grab ihrer Tochter Diana. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ihr Selbstmord schien zuerst wie einer von vielen, die es unter russischen Teenagern gibt. Doch dann durchforsteten die Eltern die Konten ihrer Tochter in sozialen Medien. Dadurch kamen Sergej Pestow und seine Frau Larissa zu einem erschreckenden Schluss, der auf den "Blauen Wal" hindeutet: "Wir haben gesehen, dass es eine Bewegung gibt, die darauf aus ist, die Kinder umzubringen."

Diana habe sich monatelange in geschlossenen Gruppen bewegt, in denen anonyme Administratoren den jungen Nutzern Aufgaben stellten: Mutproben, Psychospielchen, Selbstverletzungen. Die letzte dieser "Herausforderungen" sei der Freitod gewesen.

Die Dokumentation In aufwändigen Dreharbeiten in Russland und Bulgarien ist die Autorin Elisabeth Lehmann den Spuren der Blue Whale Challenge gefolgt, hat Beteiligte getroffen und die Fakten zusammengetragen. Entstanden sind Dokumentationen für Heute im Osten (15 Min) und ARTE Re: (30 Min). Parallel ist die Redaktion von MEDIEN360G dem Phänomen Blue Whale Challenge, mit Hilfe von Experteninterviews, medienpsychologisch und medienkritisch auf den Grund gegangen.

Journalistin recherchiert landesweite Zusammenhänge

"Diese Aufgaben sind sehr planmäßig und es ist auffällig, wie gut sich derjenige, der sich das ausgedacht hat, in Psychologie und Manipulation auskennen muss, um geschickt zum Selbstmord zu verleiten", sagt die Moskauer Journalistin Galina Mursalijewa, die für die renommierte "Nowaja Gazeta" arbeitet.

An sie hatte sich Sergej Pestow mit der Geschichte seiner Tochter gewendet. Sein Bericht glich mehreren anderen aus ganz Russland, die Mursalijewa da bereits gehört hatte. Immer wieder tauchte dabei ein Hashtag auf: "Blauer Wal".

Über 100 Fälle in ganz Russland

Mursalijewa recherchiert in den folgenden Monaten diverse Fälle, spricht mit Angehörigen, liest Chatprotokolle und Obduktionsberichte und verfasst schließlich einen Zeitungsartikel, dessen These sich mit der von Pestow deckt und Russland erschüttert.

Ich bin fest davon überzeugt, dass dahinter jemand steht. Entweder eine Organisation oder ein Business.

Galina Mursalijewa

Mursalijewa sagt, es funktioniere wie eine Sekte. Die Kinder werden in ein perfides Psychospiel verwickelt, das 50 Aufgaben in 50 Tagen beinhaltet. An dessen Ende steht der Suizid. 130 Jugendliche in Russland sollen ihren Recherchen zufolge dem Spiel mit dem blauen Wal als Erkennungszeichen schon zum Opfer gefallen sein.

Behörden reagieren erst zögerlich, dann blitzschnell

Mursalijewa und Pestow haben viele Hinweise zusammengetragen. Sie legen nahe, dass der "Blaue Wal" existiert. Nur eine Antwort bleiben sie schuldig: Wer steht dahinter? Die russischen Behörden wirken erst hilflos, starten dann eine Informationskampagne im Internet. Kurze Zeit später wird ein vermeintlicher Täter ermittelt.

Der 22-jährige Filipp Budejkin, ein unauffälliger Einzelgänger aus einer Kleinstadt bei Moskau, soll die Gruppe initiiert haben. 2017 wird er in einem Schnellverfahren aufgrund von zwei Zeugenaussagen zu knapp vier Jahren Lagerhaft verurteilt. Die Umstände des Verfahrens in einer sibirischen Provinzstadt lassen Zweifel an seiner Alleintäterschaft aufkommen.

Wo Budejkin sich heute befindet, wollen die zuständigen Behörden auf MDR-Anfrage nicht mitteilen. Auch die Prozessakten, die Aufschluss über den Verurteilten oder gar sein Motiv geben könnten, bleiben verschlossen. Dazu sagte das Gericht nur, er habe gestanden, was wolle man da noch?

Zweifel und Kritik an Berichterstattung

Doch auch an der Recherche der Journalistin Mursalijewa kommen immer wieder Zweifel auf. In ihren Artikeln hatte sie detailliert das Vorgehen des oder der vermeintlichen Täter beschrieben. Ob deckungsgleiche Berichte betroffener Eltern vor oder nach der Veröffentlichung entstanden sind, lässt sich nicht zweifelsfrei überprüfen.

Bulgarischer Pädagoge mit Schülern
Pädagoge Apostolow bezweifelt die Echtheit des "Blauen Wals". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Deshalb kritisieren Pädagogen wie Georgi Apostolow die Thesen der Journalistin Mursalijewa: "Für jedes Elternteil ist es einfacher zu sagen, dass ein Spiel Schuld am Selbstmord des eigenen Kindes ist. Sonst müsste man sich eingestehen, dass man die Alarmzeichen übersehen und nicht rechtzeitig erkannt hat, dass das Kind Probleme hat."

Auch die Reaktion der Medien steht im Fokus der Kritik. Nach einem englischsprachigen Bericht über das Phänomen "Blauer Wal" haben diverse internationale Medien die These vom Selbstmordspiel aufgegriffen und noch zugespitzt. Die wenigen bestätigten Fakten fielen dabei reißerischen Schlagzeilen zum Opfer, auch in Deutschland.

Viele Fragen weiter offen

Doch noch immer bleiben viele Fragen offen. Auch die Frage, ob ein Einzeltäter oder eine Organisation dahinter steht, ist ungeklärt. Zudem erschweren Trittbrettfahrer die Nachforschungen, weil sie das imitieren, was in den Medien zu lesen war.

Für die russischen Behörden ist der Fall "Blauer Wal" allerdings heute abgeschlossen. Dianas Vater Sergej Pestow hat eine Organisation gegründet, die Kinder vor ähnlichen Gruppen schützen soll. Regelmäßig übergibt sie ihre Erkenntnisse der staatlichen russischen Internetaufsicht "Roskomnadzor".

Auf MDR-Anfrage bestätigt die Behörde, dass "seit Anfang 2017 mehr als 9000 Accounts und persönliche Profile von Personen blockiert wurden, die Jugendliche zum Spiel mit dem Tod verleitet haben." Jedoch seien die Maßnahmen ineffektiv, sagt Pestow: "'Roskomnadzor' blockiert die Gruppen und quasi im selben Moment bilden sich zwei, drei neue."

Kriminelles Netzwerk hinter dem "Spiel"?

Auch Journalistin Mursalijewa ist sich sicher, dass das Phänomen nicht aus der Welt ist. Dafür sei die Einzeltäter-Theorie zu einfach und die Zahl der Accounts zu hoch. Sie kommt nach zwei Jahren Recherche zu dem Schluss, dass der "Blaue Wal" noch wesentlich größer ist, als bekannt – und organisierter.

Es gibt auf dieser Welt Menschen, die irgendeine neue Art der Unterhaltung suchen. Das läuft ähnlich wie bei Kinderpornografie. Es gibt indirekte Beweise, dass Aufnahmen der realen Selbstmorde gemacht wurden. Davon konnte man einige im Netz finden.

Galina Mursalijewa

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: TV | 30.06.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Februar 2018, 12:25 Uhr