Kadyrow Moschee Grosny
Gläubige in der Akhmad-Kadyrow-Moschee in Grosny Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Eine Frage der Ehre Verfolgung von Homosexuellen in Tschetschenien

Im März 2017 sollen Homosexuelle in Tschetschenien von den Behörden massenhaft verfolgt worden sein. Sogar Todesopfer soll es gegeben haben. Doch stimmen die erschütternden Berichte auch...?

Kadyrow Moschee Grosny
Gläubige in der Akhmad-Kadyrow-Moschee in Grosny Bildrechte: imago/ITAR-TASS

In Russland, wo es Schwule auch nicht eben leicht haben, wurden die gruseligen Nachrichten aus der Teilrepublik Tschetschenien von der oppositionellen Presse verbreitet, allen voran der Novaya Gazeta. Es war beispielsweise die Rede davon, dass der tschetschenische Parlamentssprecher Magomed Daudov, in der Teilrepublik besser bekannt unter dem Rufnamen "Lord", persönlich mehrfach eines der Gefängnisse besucht und dort "Freilassungsprozeduren" durchgeführt haben soll. Dabei soll er schwule Männer und ihre männlichen Verwandten in einem Saal antreten haben lassen, und während die einen sich zu ihrer Homosexualität bekennen mussten, sollten die anderen sie "öffentlich" aus den Familien verstoßen. In der archaischen und streng muslimischen Gesellschaft Tschetscheniens kommt eine solche Praxis einem Todesurteil gleich. Wobei nicht der Staat, sondern die Familie als Henker auftritt. Denn nur so kann die "beschmutzte Ehre" wieder reingewaschen werden.

Kann denn das wirklich alles wahr sein?

Diese Berichte lösten eine Welle der Solidarität und Unterstützung gegenüber tschetschenischen Homosexuellen aus. Teils mit Hilfe internationaler Organisationen wurde versucht, den Betroffenen zu helfen, die russische Teilrepublik zu verlassen. 30 von ihnen sollen regelrecht evakuiert worden sein, manche schafften den Weg auf eigene Faust, einigen wenigen gelang sogar die Flucht nach Europa.  Doch von Anfang an gab es auch Zweifel an der Glaubwürdigkeit der dargestellten Grausamkeiten und Morde. Zwar beriefen sich die Journalisten auf eine "nie da gewesene Beweisbasis" für die Vorwürfe und auf zahlreiche Zeugen, die etwa die Vorgänge in den Geheimgefängnissen unabhängig voneinander bis ins Detail bestätigten. Namen von Informanten wurden jedoch aus Gründen des Quellenschutzes nicht genannt. Und so hing stets die Frage im Raum: Kann denn das alles wirklich wahr sein?

Präsident Kadyrow bestreitet die Vorwürfe

Die Reaktion der tschetschenischen Machtelite dagegen spricht Bände, und sie fiel eindeutig aus: Anfang April versammelten sich rund 15.000 Staats- und Gottesdiener in der Hauptmoschee der tschetschenischen Hauptstadt Grosny. Dort wurden gegenüber der Redaktion der Novaya Gazeta offene und unverhohlene Drohungen ausgesprochen, weil diese es gewagt habe, eine solch ungeheuerliche Behauptung aufzustellen. Wohlgemerkt: Gemeint war die Behauptung, in Tschetschenien gäbe es Homosexuelle.

Ramzan Kadyrov (r) und Vladimir Putin
Ramsan Kadyrow und Wladimir Putin am 19. April 2017 Bildrechte: IMAGO

Die Geschichte selbst sowie die Drohgebärden der tschetschenischen Führung riefen eine so große Resonanz in der russischen und internationalen Öffentlichkeit hervor, dass Präsident Putin ein paar Wochen später ein Treffen mit Ramsan Kadyrow anberaumte, bei dem es auch um dieses Thema ging. Kadyrow bestritt dabei jegliche Art von Verfolgung und Ermordung von Homosexuellen in seiner Republik. Und dann nannte er als konkretes Beispiel den Namen eines Mannes, der angeblich ermordet worden sei - sich dabei aber unbehelligt zu Hause befinde. Zu einem späteren Zeitpunkt behauptete Kadyrow sogar, dass er persönlich bei einem der mutmaßlichen Opfer unlängst noch zum Tee gewesen sei.

Russlands Behörden ermitteln

Beobachter halten das zumindest für ein Eingeständnis der systematischen Verfolgung: Denn bis dahin ist in keiner Publikation auch nur ein Name von Verhafteten oder Ermordeten gefallen. Novaja Gazeta bestätigte jedoch, dass die besagte Person in mehreren ihr vorliegenden Zeugenaussagen auftaucht. Die Frage folgt: Woher kennt tschetscheniens Staatsoberhaupt diesen Namen, wenn es eben keine Bespitzelung, Überwachung oder andere Art der Repressionen gibt?

Russlands Behörden haben jedenfalls vorläufige Ermittlungen auf Grundlage der journalistischen Informationen zu massenhaften Verfolgungen von Homosexuellen in Tschetschenien aufgenommen. Die Redaktion der Novaja Gazeta übergab nach eigenen Angaben alle ihr bekannten Fakten sowie die persönlichen Daten von 26 Tschetschenen, die unrechtmäßig festgehalten, gefoltert oder gar auch getötet worden sein sollen.

Ob diese Ermittlungen zum Ziel führen werden, bleibt fraglich. Denn in der kaukasischen Teilrepublik ist Ramsan Kadyrow der unangefochtene starke Mann, sein Wort ist Gesetz. Und am 22. April 2017 hat er in Grozny nochmals alle Vorwürfe als haltlos abgestritten. Die Journalisten der Novaya Gazeta müssten sich auf Knien vor dem ganzen tschetschenischen Volk entschuldigen.             

Grosny und Kadyrow
Ramsan Kadyrow beim Schaschlyk-Festival in Grosny im April 2017 Bildrechte: IMAGO

Über dieses Thema berichtete der MDR auch in MDR Aktuell 08.03.2015| 19.30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. April 2017, 09:50 Uhr

Model präsentiert islamische Mode von Aishat Kadyrow 2 min
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