Der Kosmonaut Sergej Krikaljow Gefangen auf der Mir

Kosmonaut Sergej Krikalew 1991
Der Kosmonaut Sergej Krikaljow flog im Mai 1991 auf die Raumstation Mir, fünf Monate später sollte er zurückkehren. Doch daraus wurde nichts. Krikaljow konnte nicht zurückgeholt werden: Die Sowjetunion war auseinandergebrochen, es gab kein Geld, keine Rakete und eigentlich auch keine Startrampe mehr. Aus den fünf Monaten wurde fast ein Jahr. Erst im März 1992 konnte Krikaljow auf die Erde zurück. Das Land, aus dem er aufgebrochen war, gab es nicht mehr. Es hieß, Krikaljow sei der "letzte Sowjetbürger". Bildrechte: IMAGO
Kosmonaut Sergej Krikalew 1991
Der Kosmonaut Sergej Krikaljow flog im Mai 1991 auf die Raumstation Mir, fünf Monate später sollte er zurückkehren. Doch daraus wurde nichts. Krikaljow konnte nicht zurückgeholt werden: Die Sowjetunion war auseinandergebrochen, es gab kein Geld, keine Rakete und eigentlich auch keine Startrampe mehr. Aus den fünf Monaten wurde fast ein Jahr. Erst im März 1992 konnte Krikaljow auf die Erde zurück. Das Land, aus dem er aufgebrochen war, gab es nicht mehr. Es hieß, Krikaljow sei der "letzte Sowjetbürger". Bildrechte: IMAGO
Sergej Krikalew, Helen Sharman, Anatoly Artsebarsky 1991
Sergej Krikaljow (l.) wurde 1958 in Leningrad geboren. Er studierte Maschinenbau in seiner Heimatstadt und wurde 1985 von einer Kommission für die Ausbildung zum Kosmonauten ausgewählt. Sein Jugendtraum! Drei Jahre später, 1988, flog er zum ersten Mal ins All – für 151 Tage auf die Raumstation Mir. Seine zweite Reise zur Mir sollte im Mai 1991 beginnen. Bildrechte: IMAGO
Sojus auf Startrampe in Baikonur 1991
Mai 1991: Diesmal soll Krikaljow ähnlich lange auf der Mir bleiben – knapp fünf Monate, bis Mitte Oktober 1991. Das Raumschiff, das die Kosmonauten auf die Raumstation befördern soll, heißt Sojus 12 TM-12. Wissenschaftliche Experimente stehen an, Reparaturarbeiten und Außenbordeinsätze. Bezahlt wird die Reise von britischen Unternehmen, in deren Auftrag einige Experimente durchgeführt werden. Bildrechte: IMAGO
Start Sojus TMA-12 1991, Sergej Krikalew, Anatoly Artsebarsky, Helen Sharman
Krikaljow (l.) ist wie schon bei seiner ersten Weltraummission Bordingenieur. Sein Chef ist der um zwei Jahre ältere Anatoli Arzebarski (r.). Mit an Bord ist die britische Wissenschaftskosmonautin Helen Sharman (m.). Bildrechte: IMAGO
Sojus TMA-12 auf Startrampe in Baikonur 2008
Das Kosmodrom Baikonur befindet sich im Süden der Kasachischen Sozialistischen Sowjetrepublik, in einer Steppenlandschaft. Hier hatte 1957 die zunächst streng geheime Geschichte der sowjetischen Raumfahrt mit dem Start des ersten Sputniks ihren Anfang genommen. Die Sojus-Raumschiffe waren 1960 vom russischen Weltraumpionier Sergej Koroljow entwickelt worden. Seit 1967 im Einsatz, gelten sie bis heute als ausgesprochen robuste und sichere Transportmittel. Bildrechte: IMAGO
Start Sojus TM-12 1991 von Baikonur
Am 18. Mai 1991, um 12:50 Uhr, hebt Sojus TM-12 ab. Der Start verläuft planmäßig. Keine besonderen Vorkommnisse. Die Erde entfernt sich für die Raumfahrer schnell: Knapp sechs Minuten nach dem Start hat Sojus eine Geschwindigkeit von 21.000 km/h erreicht, nach etwa neun Minuten 28.000 km/h, die Reisegeschwindigkeit. Sergej Krikaljow erinnert sich später, dass er wie schon beim ersten Flug einen  großen Brechreiz verspürte, der Druck auf die Augen sei enorm gewesen. Bildrechte: IMAGO
Weltraumstation Mir 1986 Blick auf die Erde
Am 20. Mai 1991, 14:30 Uhr, dockt Sojus planmäßig an die Mir an. Auf der Station werden die drei Ankömmlinge von zwei Kosmonauten in Empfang genommen, einem Russen und einem Österreicher, die seit Monaten auf der Station leben. Beide werden eine Woche später mit Helen Sherman auf die Erde zurückkehren. Krikaljow und Arzebarski richten sich ein. Bildrechte: IMAGO
Originalgetreuer Nachbau der Raumstation MIR im Raumfahrt-Trainingszentrum in StarCity in Moskau
Die Station ist winzig. Nur die dünne Hülle der Mir schützt die Kosmonauten vor dem tödlichen All. Krikaljow erledigt seine Arbeit – er repariert während mehrerer "Weltraumspaziergänge" die Antenne und ein Modul und führt biologische und chemische Experimente durch. Wenn er frei hat, schaut er Tierfilme. Er sehnt sich nach seinem Bett, gutem Essen, seiner Frau, einer Dusche und dem Geruch der Landschaft nach einem Sommerregen. Seine Lieblingsspeise ist Quark mit Nüssen. Aber wie alle Tubennahrung schmeckt auch diese fad. Bildrechte: IMAGO
Boris Jelzin hält am 19. August 1991 auf einem Panzer stehend eine Rede
19. August 1991: In Moskau rollen Panzer. Es gibt Demonstrationen. Die beiden Kosmonauten wissen nicht, was 400 Kilometer unter ihnen vor sich geht. Fernsehen und Radio gibt es auf der Mir nicht. Über Amateurfunk hören sie von einem Putsch gegen Präsident Michail Gorbatschow. Hardliner aus der KPdSU sollen ihren Chef auf der Krim festgesetzt haben. Und sie hören einen Appell Boris Jelzins aus Moskau, der sich den Putschisten auf einem Panzer entgegenstellt und vehement die Rückkehr Gorbatschows fordert. Bildrechte: IMAGO
Michail Gorbatschow kehrt nach Putsch 1991 zurück
Der Putsch wird nach drei Tagen niedergeschlagen. Gorbatschow kehrt nach Moskau zurück. Doch seine Macht ist gebrochen. Der neue starke Mann ist Boris Jelzin. Die beiden Kosmonauten setzen unterdessen ihre Arbeit fort. "Wir Wissenschaftler beobachten nach wie vor die Sterne", wird Krikaljow später sagen. "Für uns ist es eher bedeutungslos, wer Präsident ist. Es gibt Dinge, die fundamentaler sind als politische Ereignisse." Bildrechte: IMAGO
Weltraumstation MIR umrundet die Erde
Die Tage auf der Mir gehen zu Ende. Das wenigstens denken die beiden Männer. Am 10. Oktober 1991 dockt wie vorgesehen ein Sojus-Raumschiff an. Es soll die neue Mir-Besatzung bringen. Krikaljow und Arzebarski werden zurückfliegen. Doch es kommt anders: Es gäbe in Russland im Moment keine verfügbaren Kosmonauten mit Langzeiterfahrung im All. So sagt man Krikaljow und Arzebarski. Daher müsse Krikaljow auf der Mir bleiben. Arzebarski hingegen darf zurückkehren.

Krikaljow ist jetzt allein auf der Mir. Wann man ihn ablösen wird, weiß er nicht. Krikaljow fotografiert die Erde, notiert jeden Tag seine Körperwerte, macht Gedächtnis- und Reaktionstests und schreibt Briefe an seine Frau Elena, die er nicht abschicken kann.
Bildrechte: IMAGO
Kosmonaut Sergei Krikalev (RUS) anlässlich einer Autogrammstunde in Erfurt.
Endlich, am 25. März 1992, kehrt Sergej Krikaljow nach 311 Tagen an Bord der Mir mit dem Raumschiff Sojus 13 auf die Erde zurück. Man hat ihn doch noch holen können. "Ich habe meine Arbeit gemacht, das ist alles", erzählt er 2008 der "Neuen Zürcher Zeitung". "Ich hatte nachher mit denselben Menschen zu tun wie vorher, mein Raumschiff war dasselbe. Die Dinge hatten dieselben Namen. Das war nichts Besonderes. Und das Gerede vom 'letzten Sowjetbürger' – das ist doch nur ein Gag der Medien." Bildrechte: IMAGO
Kosomonaut Sergej Krikaljow vor dem Bild der Raumstation MIR
Seinen letzten Raumflug als Kosmonaut unternahm Krikaljow im April 2005 zur ISS. Kurze Zeit später war er Chef des zivilen Juri-Gagarin-Kosmonautenzentrums im Sternenstädtchen außerhalb Moskaus. Eine Funktion, die er bis 2014 inne hatte.
(Über dieses Thema berichtete der MDR im TV in MDR Aktuell, 4.10.2017, 19.30 Uhr.)
Bildrechte: IMAGO
Alle (13) Bilder anzeigen