russische Flugbegleiterinnen
Flugbegleiterinnen der staatlichen russischen Fluglinie Aeroflot Bildrechte: IMAGO

Paradoxes Frauenbild? Feminismus und Sexismus in Russland

Anfang des 20. Jahrhunderts haben sich Russlands Frauen viele Rechte hart erkämpft. Heute – 100 Jahre später – werden sie wieder zunehmend diskriminiert. Jüngstes Beispiel: die staatliche Fluglinie Aeroflot.

russische Flugbegleiterinnen
Flugbegleiterinnen der staatlichen russischen Fluglinie Aeroflot Bildrechte: IMAGO

Jung, schlank und schön – so sollen die Stewardessen der russischen Fluggesellschaft Aeroflot sein. Vor allem auf den lukrativen Langstreckenflügen will die Airline damit bei der Kundschaft punkten. Die "alten Eisen" und "“zu dicken" Frauen setzt das Unternehmen nur noch auf den Inlandsflügen ein. Doch die werden schlechter bezahlt als die Auslandsflüge. Das heißt für die betroffenen Flugbegleiterinnen: weniger Geld - trotz langjähriger Erfahrung und Firmentätigkeit.

"Schöner" fliegen?

Aeroflot Russland
Die Stewardessen Irina Jerusalimskaja (links) und Jewgenija Magurina (rechts) – sie haben nach Meinung von Aeroflot für Auslandsflüge ausgedient. Bildrechte: ARD, Weltspiegel

Ein Gehalt, das von Gewicht und Alter abhängt? Für Jewgenija Magurina nach 20 Jahren im Job - eine Demütigung: "Die Leitung rief mich, um Fotos von mir zu machen", erzählt die ehemalige Aeroflot-Stewardess, "erst ein Porträt, dann ein Ganzkörperfoto. Dann wurden wir wie Vieh aufgeteilt und man entschied, welches Vieh wohin fliegen darf."

Es hagelte Sexismusvorwürfe seitens vieler Mitarbeiterinnen gegen das Unternehmen. Jewgenija und ihre Kollegin Irina Jerusalimskaja fühlten sich derart diskriminiert, dass sie sogar gegen ihren Arbeitgeber vor Gericht zogen. Aeroflot erklärte öffentlich, Passagiere wollten eben schlanke Frauen sehen.

Die Flugbegleiterinnen, die sich scherzhaft mit dem Kürzel STS bezeichnen - für "alt, dick, hässlich" (auf Russisch: "starje, tolstje, straschnje") – gewannen schließlich den Prozess: Aeroflot darf die Kleidergröße der Stewardess-Uniformen weder vorschreiben noch beschränken. Als ausdrücklich "diskriminierend" bezeichnete das Gericht die Uniformrichtlinie von Aeroflot allerdings nicht.

russische Flugbegleiterinnen
Nicht älter als 40, keine Kleidergröße über 42 – so stellt sich die staatliche russische Fluggesellschaft Aeroflot ihre Stewardessen vor. Bildrechte: IMAGO

Arbeitsrechtlerin: "Das Land ist wohl noch nicht bereit"

Zwar ist die Gleichheit der Geschlechter in der Verfassung der Russischen Föderation verankert, doch ein Gesetz, das Maßnahmen gegen die Diskriminierung von Frauen gewährleistet, steckt seit Jahren in der Staatsduma fest. Dabei wäre es wirklich dringend nötig: In keinem Land der Welt sind so viele Berufe für Frauen verboten wie in Russland.

Und für die Jobs, die frau machen darf, bekommt sie im Durchschnitt rund ein Drittel weniger Gehalt als männliche Kollegen. Gleichstellungsbeauftragte in Firmen sucht man vergeblich - selbst in der Russland-Vertretung des US-amerikanischen Unternehmens Google. "Google hat überall Gleichstellungsbeauftragte", erklärt die Anwältin der beiden Aeroflot-Stewardessen, Arbeitsrechtlerin Ksenia Michailitchenko. "Nur in Russland nicht. Weil das hier noch nicht Fuß gefasst hat. Das Land ist wohl noch nicht bereit."

Kampf gegen Sexismus findet kaum Anklang

Menschen begutachten verschiedene Schreiben
Jewgenija Magurina mit ihrer Anwältin Ksenia Michailitchenko vor Gericht. Bildrechte: IMAGO

Wer nun glaubt, dass ein Anti-Diskriminierungs-Kampf, wie ihn die zwei Stewardessen Magurina und Jerusalimskaja beispielhaft gegen Aeroflot führten, von der russischen Weiblichkeit goutiert würde, liegt allerdings falsch. Das Land erfreut sich am Sexismus – und zwar geschlechterübergreifend! Unlängst protestierten ein paar nackte Russinnen in Moskau in der Nähe der US-Botschaft für Harvey Weinstein: "Harvey erregt mich! Harvey, komm‘ nach Russland", stand auf ihren Plakaten.

Legitimiert wird das Ganze auch vom Staatsfernsehen: Dort macht man sich lustig über die Opfer des Hollywood-Regisseurs und hat Mitleid mit dem Übergriffigen.

Feminismus – eine dekadente Idee des Westens?

In Russland – so scheint es – werden Frauen mehr denn je als Sexualobjekt betrachtet. "Sie ist aus Petersburg", verlautbart ein Mann in einer Werbung für ein Asia-Restaurant, "aber sie kann auch asiatisch – und jederzeit und überall meinen Hunger stillen." Der Macho-Spruch geht ganz öffentlich unter die Gürtellinie, doch im heutigen Russland ist das kein Tabubruch. Feminismus dagegen ist tabu. Für die meisten Russen gilt er als westliche dekadente Idee aggressiver, hässlicher Frauen. Aber das war nicht immer so.

Vor 100 Jahren erlebte die Frauenemanzipation in Russland eine Blütezeit: 1917 gab es mit der Russischen Liga für die Gleichberechtigung der Frauen eine engagierte Bewegung. Hunderte Frauenvereinigungen aus dem ganzen Land hatten sich ihr angeschlossen. Noch vor der Oktoberrevolution errangen sie mit einem großen Marsch durch Sankt Petersburg das Wahlrecht. Damit war Russland eines von nur sechs Ländern auf der Welt, in denen Frauen wählen konnten. Als weltweit erste erreichten Russlands Frauen in den 20er-Jahren die Legalisierung der Abtreibung. Doch Ende der 30er war die Emanzipationswelle schon wieder vorbei. Josef Stalin, damals Oberhaupt der UdSSR, erklärte die "Frauenfrage" im Land für gelöst.

Paradoxes Frauenbild

Seitdem, so konstatieren viele Forscherinnen und Forscher, befinde sich die russische Frau in einer paradoxen Situation ständiger Rollen- und Statuswechsel: von der Rolle der emanzipierten, freien Arbeiterin, über die Rolle der Hausfrau, von der die Geburt von Kindern und das Sorgen um Mann und Familie erwartet werden, bis hin zu der eines Sexualobjekts, das provokante Kleider und Pumps tragen soll. Eine Ambivalenz, die sich derzeit womöglich weiter zuspitzt: Die Gesellschaft werde immer sexistischer und zugleich immer konservativer, meint Lolja Nordic, eine junge Designerin aus Sankt Petersburg. Mit ihrer Mode unterstützt sie Frauenhäuser. Geschätzt jede zweite Frau erlebt in Russland sexuelle Gewalt oder Belästigung.

Die Rückkehr des Patriarchats? "Ich denke, Putin ist das Patriarchat. Das Patriarchat ist Putins ganze Ideologie", sagt Lolja Nordic. Unabhängigkeit erwarten die russischen Männer von ihren Partnerinnen jedenfalls am wenigsten. Nur zwei Prozent schätzen diese Eigenschaft, ergab eine Umfrage vor ein einigen Jahren.

Zwischen Luder und Mutter

Und viele Russinnen stellen sich hinter das traditionelle Frauenbild und wollen lernen, wann sie wie in die passende Rolle schlüpfen, um dem Mann zu gefallen: anziehende Sexbombe, sorgende Mutter, kluge Frau. So genannte "Luderschulen" haben Hochkonjunktur. Heiratswütige Frauen versuchen in den Kursen – einer Mischung aus Benimm- und Verführungstraining -, ihre Weiblichkeit zu entdecken und richtig feminin zu werden, um sich einen Mann zu angeln. Am besten einen reichen.

Aeroflot Russland
In der Smolnij-Mädchenschule in Sankt Petersburg lernen Mädchen, Frauen zu sein. Bildrechte: ARD, Weltspiegel

Das Geheimnis der Weiblichkeit ist dabei einfach. Auch kleine Mädchen bekommen es in speziellen Kursen schon beigebracht: "In der Familie muss der Mann das Oberhaupt sein", sagt Natalja Michailova, Lehrerin der Smolnij-Mädchenschule in Sankt Petersburg. "Eine Frau ist die Stütze des Mannes. Sie ist Mutter. Das ist ihre Hauptbestimmung." Das sieht die Russisch-Orthodoxe Kirche freilich genauso.

Kaum Chancen für Frauenrechte

Jene, die gegen Sexismus und Ungleichheit und für mehr Frauenrechte kämpfen, stehen in Russland dagegen ziemlich alleine da. Auch die Flugbegleiterinnen Jerusalimskaja und Magurina erlebten trotz ihres Erfolgs vor Gericht Ernüchterung. "Nachdem wir vor Gericht gewannen, änderte sich für uns nichts", erzählt Jerusalimskaja. "Sie setzten mich einfach nicht mehr als leitende Senior-Stewardess ein." Kollegin Magurina verließ schließlich Aeroflot: "Es wurde psychologisch unerträglich. Sie hetzten die Kolleginnen gegen uns auf. Gerade die Jüngeren."

100 Jahre nach dem ersten Frauenmarsch der russischen Geschichte rangieren Frauenrechte im heutigen Russland in der Hierarchie der Probleme wieder weit unten.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Brisant | 10.01.2018 | 18:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Januar 2018, 13:58 Uhr

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