Innopolis
Die Innopolis University ist das Herzstück von Russlands jüngster Stadt. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel

"Russlands Silicon Valley" Innopolis - IT-Kommune mit Anspruch

Eine ganze Stadt für die Digitalwirtschaft. Dieses Konzept der russischen Regierung nimmt auf einem Feld 800 Kilometer östlich von Moskau gerade Gestalt an. Ein Besuch in Russland erster Smart City.

von Alexander Hertel

Innopolis
Die Innopolis University ist das Herzstück von Russlands jüngster Stadt. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel

Mehrfach checkt der Taxifahrer auf der einstündigen Fahrt seine Routen-App, um auch ja die richtige Ausfahrt zu finden. Nach einer letzten Rechtskurve geht es aber schnurgerade auf einen siebenstöckigen Glaszylinder zu. Vor dem Bürokomplex empfängt einen ein standesgemäß Twitter-tauglicher Schriftzug in grünen Lettern: #INNOPOLIS.

Innopolis
Das Gebäude der Sonderwirtschaftszone von Innopolis war das erste fertige in der Stadt. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel

Erstmals publik gemacht wurde das Konzept für Russlands erste IT-Stadt 2009 vom damaligen Präsidenten Dimitrij Medwedew. 2012 durfte er – dann schon Premierminister - den ersten Spatenstich auf einem Feld 40 Kilometer westlich der Millionenstadt Kazan setzen. Auf den Tag genau drei Jahre später wurde Innopolis offiziell eingeweiht.

Wohnen und arbeiten auf höchstem Niveau

Der Glaszylinder – die Sonderwirtschaftszone von Innopolis - war das erste fertige Gebäude in Innopolis. Links dahinter planieren drei Bulldozer sorgfältig eine zwei Fußballfelder große Sandfläche. Bald sollen hier neue Appartementgebäude stehen. Direkt dahinter erheben sich die neun bereits fertigen. Wie die Brücke eines Frachters überblickt das fast einhundert Meter lange Sportzentrum die Baustelle. Daneben steht das eigentliche Herzstück der Stadt: die Innopolis University.

Uni-Sprecher Karapetjan im Atrium
Sergej Karapetjan war einer der esten "Pioniere" in innopolis. Er ist an der Universität für die externen Kooperationen zuständig. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel

Perfekte Arbeitsbedingungen für die klügsten Köpfe des Landes: das war die Idee hinter dem Stadtkonzept des Star-Architekten Liu Thai Ker, der auch Singapurs markante Silhouette entworfen hat. 2.000 Menschen leben hier derzeit, 155.000 sollen es bis 2035 werden. Es ist keine ganz neue Idee in Russland. Schon in der Sowjetunion entstanden solche Wissenschaftsstädte, etwa das sibirische Akademgorod.

Pioniere und Plagiate

Sergej Karapetjan war einer der ersten 25 "Pioniere" in Innopolis, wie er die Bewohner bis heute nennt. Der Enthusiasmus des "Thirtysomethings" für das Projekt klingt auch nach Stunden nicht ab. Gute Voraussetzungen für seinen Job als Unisprecher und Beauftragter für externe Kooperationen. "Besonders unter uns 'Alteingesessenen' gibt es diese besondere Beziehung zu der Stadt. Wir verwenden alle unsere Energie, unsere Emotionen darauf, dieses Projekt erfolgreich zu machen", eröffnet er im Atrium der Universität.

Von außen wirkt das Gebäude wie ein überdimensionierter Kühlergrill, drinnen dominieren freihängende Glaskuben das mehrstöckige Atrium. "Das erinnert mich immer an die IT-Uni Kopenhagen", sagt Karapetjan grinsend und schiebt etwas peinlich berührt hinterher: "Sagen wir mal, die Architekten haben sich inspirieren lassen."

Osteuropa

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Das aktuelle Vorzeigeprojekt der Uni kommt aus dem Robotik-Labor. Dort entwickeln die angehenden Softwareingenieure gerade "Gagarin", einen digitalen Sprachassistenten, der dem Apple-Programm "Siri" ähnelt, jedoch in einem menschenähnlichen Roboterkörper steckt. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel

Spitzenstudium für die Digitalwirtschaft

554 Studierende gibt es aktuell an der Hochschule. Mehr als 9.000 haben sich vergangenes Jahr für das anspruchsvolle Auswahlverfahren beworben. Innopolis ist die erste reine IT-Uni Russlands, erklärt Karapetjan: "Innerhalb dieses Themenfeldes bieten wir vier Masterstudiengänge an: Big Data, künstliche Intelligenz und Robotik, Softwaretechnik, sowie Cyber Security."

Unterrichtet wird auf Englisch. Finanziert wird die Universität von mehr als einhundert beteiligten Unternehmen. Die bezahlen auch die Ausbildung der Studierenden. Dafür verpflichten sie sich, nach dem Studium eineinhalb Jahre für eines dieser Unternehmen zu arbeiten, referiert Karapetjan auf dem Weg in den zweiten Stock: "Die müssen sich dafür keine Sorgen über ihre spätere Arbeitsstelle machen, sondern nur eine Firma auswählen."

Siri mit Gesicht

Hinter einer unscheinbaren beigen Tür wird gerade am Vorzeigeprojekt der Uni geschraubt. "Guten Tag, Gagarin", begrüßt Wadim Reutskij sein Gegenüber. "Guten Tag, Mensch", schallt eine Stimme aus dem Laptop des Programmierers. Von dem führt ein Kabel an Gagarins kahlen Hinterkopf, aus dem Dutzende bunter Kabel ragen.

"Gagarin ist eigentliche eine Software", erklärt Programmierer Reutskij: "so ähnlich wie Siri". Der Sprachassistent von Apple hilft den Benutzern von Smartphones und Computern bei alltäglichen Aufgaben. Gagarin soll das gleiche können, steckt dabei aber in einem menschähnlichen Roboter.

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Roboterkopf 1 min
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Gagarin ist lange nicht so komplex, steckt dafür aber in einem menschenähnlichen Roboter. "Jetzt die Emotionserkennung", freut sich Reutskij und positioniert sein Gesicht gegenüber Gagarins Kopf. Als er lächelt, dauert es ein paar Sekunden, dann spannt Gagarin sein Gesicht an und lächelt zurück.

"Du siehst glücklich aus", ertönt es aus dem Laptop. Glück, Ärger, Wut: Gagarin könne sieben Grundemotionen unterscheiden, erklärt Reutskij stolz. Wenn er einmal fertig ist, soll Gagarin so als Mensch gewordener Sprachassistent im Alltag eingesetzt werden. Etwa als Hotel-Concierge oder Kundenbetreuer in Einkaufszentren.

Digitaler und analoger Concierge-Service

Damit die Forscher ungestört an solchen Projekten feilen können, bietet die Stadt eine Art Rundum-Sorglos-Paket. Neben der für russische Verhältnisse  luxuriösen Infrastruktur mit Sportzentrum, Krankenhaus und kostenlosen Shuttlebussen nach Kazan, gibt es eine internationale Schule und zwei Kitas. Denn der durchschnittliche Neubewohner von Innopolis gehört zur Bildungselite, ist 29 Jahre alt und bringt ein Kind mit.

Kazan Die 1,4-Millionen-Einwohner-Stadt 800 Kilometer östlich von Moskau wird oft als "Dritte Stadt Russlands" bezeichnet. Hinter Moskau und Sankt Petersburg ist die Hauptstadt der Republik Tartastan eines der Wirtschafts-, Kultur- und Wissenschaftszentren Russlands. Kazan ist auch das religiöse Zentrum des russischen Islams.

Menschen und Apps für die Eingewöhnung

Damit die Eingewöhnung reibungslos funktioniert, gibt es einen eigenen, menschlichen Concierge-Service der Stadtverwaltung. Dort kümmert sich Mitarbeiterin Albina Girfanowa um alle Probleme der Neuankömmlinge. "Bevor jemand herzieht, dauert es zehn Tage, bis all der Papierkram erledigt ist. Von der Arbeitserlaubnis über die Wohnung bis hin zur Anmeldung der Kinder in der Kita oder der Schule. Und bei alledem sind wir behilflich", erzählt die zierliche 32-Jährige.

Innopolis
Alles aus einer Hand: Der Concierge-Service der Stadtverwaltung kümmert sich um alle Anliegen der Bewohner. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel

Auch danach kümmert sich die Stadtverwaltung um die Anliegen der Community, sagt Girfanowa. Und zwar Online, über die Messenger-App Telegram. "Wir haben Gruppen für alle möglichen Themenbereiche: Wohnungen, Kinderbetreuung, Sport, Medizin. Unser Krankenhaus hat zum Beispiel eine eigene Gruppe, in der man Termine ausmachen oder einfach Fragen stellen kann."

Steuervorteile und Kooperationen

Wer weniger Stress hat, kann effektiver und kreativer arbeiten, so die Idee. Und das soll sich auch wirtschaftlich auszahlen. Gleich neben der Uni - im Glaszylinder - befindet sich die Sonderwirtschaftszone der Stadt. In einem der lichtdurchfluteten Büros entwickeln der 26-jährige Igor Sakhankow und seine zwölf Programmierer smarte Kameras, die den Verkehr erfassen und steuern können.

Innosoft-CEO Sakhanow und Mitarbeiter in ihrem Büro
"Innosoft"-Gründer Ighor Sakhanow weiß die Vorzüge der Stadt und der Sonderwirtschaftszone zu schätzen. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel

Der Standortvorteil ist immens. Die ersten Jahre zahlt das kleine Startup keine Steuern. Hinzu kommt der Know How-Austausch mit der Uni. "Einer der Professoren berät uns und einige seiner Studenten absolvieren auch Praktika hier. Unsere Mitarbeiter geben wiederum Seminare an der Universität. Die Verbindung ist also sehr eng," sagt Sakhanow.

Local statt Global Player

Doch das Uni-Startup ist eher die Ausnahme. Die meisten ansässigen Unternehmen sind russische Großkonzerne, die ihre Entwicklungs- und Forschungsabteilungen in das kleine Steuerparadies verlegt haben. Internationale Konzerne sucht man trotz des hohen Anspruchs vergebens.

Deshalb greife das Konzept global auch zu kurz, kritisieren Experten wie Dimitrij Kononenko von der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer in Moskau. Die von oben verordnete Innovationsstadt würde das Potential kleiner kreativer Startups gar nicht abrufen. "In zehn Jahren schauen wir mal, was daraus wird", sagt er nüchtern.

Neue Stadt, alte Probleme

Außerdem kämpft Innopolis mit sehr traditionellen russischen Problemen. Die Straßen sind nach zwei harten Wintern an vielen Stellen bereits aufgebrochen. Das fahrradfreundliche Konzept des Architekten Liu wurde in der Bauphase gestrichen. "Russen brauchen Autos", hieß es lapidar und so gibt es statt Radwegen breite Alleen, Fußgänger-Unterführungen und einen durchbetonierten Parkplatz vor dem Sportkomplex.

An vielen Ecken zeigen Löcher in Fundamenten auch, dass einiges an staatlichen Mitteln eher in die Taschen von regionalen Beamten, als in die  Bausubstanz geflossen ist.  Und als Medwedew 2015 zur pünktlichen Eröffnungszeremonie kam, gab es nicht mal Kühlschränke in den Wohnheimen, erzählt ein Dozent.

Daraufhin habe man schnell einen in einem nahen Shopping-Zentrum gekauft und mit Obst und Softdrinks aus der Kantine gefüllt. Der Premier nahm es offenbar mit Humor. "Kein Bier? Sind sie sicher, dass hier Studenten wohnen", soll er süffisant gefragt haben.

Zeit als Standortfaktor

Die Pioniere in Innopolis schreckt das nicht ab. Sie sehen in der Stadt auch einen Lebensentwurf. Und der stehe ganz im Gegensatz zum stressigen Großstadtalltag in Wirtschaftszenten wie der 12-Millionen-Metropole Moskau.  Karapetjan hat selbst dort gelebt und freut sich noch heute über seinen Umzug nach Innopolis:

"Man braucht täglich zwei Stunden, vielleicht eineinhalb, um zur Arbeit zu kommen. Und genauso viel zurück. Hier braucht man fünf Minuten. Also hat man verdammt viel Zeit, um sich persönlich weiter zu entwickeln. Oder einfach mal ein Buch zu lesen."

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im TV : MDR | 07.03.2017 | 00:01 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2017, 16:59 Uhr