Rumänien Medizin für Arme: Sozial-Ambulanz in Bukarest

Eine Zahnentfernung kostet in Rumänien rund 40 Euro. Das ist ein Zehntel des Brutto-Mindestlohnes, den man im Land verdienen kann. Für viele Rumänen ist der Zahnarztgang damit unerschwinglich. Einen Ausweg bietet eine Sozialambulanz in der Hauptstadt Bukarest.

Patienten im Warteraum einer Zahnarztpraxis
Premiere: Petruta Craciun (links) wartet auf die erste Zahnbehandlung in ihrem Leben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Petruta Craciun ist das erste Mal in ihrem Leben beim Zahnarzt. Von nun an wird die 33-Jährige monatelang kommen müssen, damit ihre schmerzhafte Karies richtig behandelt wird. Seit Jahren fällt Craciun ein Zahn nach dem anderen aus. Gegen ihre dauerhaften Schmerzen nahm die Bukaresterin bislang Tabletten aus der Apotheke. Für Craciun war das billiger als der Gang zum Zahnarzt, bei dem in Rumänien hohe Zuzahlungen verlangt werden.

Sozialklinik als Rettung

Craciun hat sieben Kinder, die sie zu Hause betreut. Sie lebt vom Kindergeld und von dem, was ihr Mann als Tagelöhner nach Hause bringt. Die neunköpfige Familie versucht, mit rund 350 Euro im Monat über die Runden zu kommen - das sind knapp 40 Euro für jeden. Eine Zahnbehandlung ist für Craciun damit ein Luxus, den sie sich nie hätte leisten können. Von Freunden erfuhr sie von der Bukarester Sozialklinik "Baba Novac" - einem rumänienweit einzigartigen Projekt.

In der Poliklinik werden bedürftige Patienten behandelt, die weder das Geld für eine Krankenversicherung noch für einen Arztbesuch haben. "Die Klinik war meine Rettung", sagt Craciun. Als medizinische Grundversorgung bekommt sie jetzt eine Zahnprothese. Würde die junge Frau zahnlos bleiben, hätte sie wohl keinen Job mehr gefunden, geschweige denn noch richtig essen oder sprechen können.

Sozialklinik Bukarest
Petruta Craciun wird von Zahnärztin Simona Dutu behandelt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gesundheitssystem chronisch unterfinanziert

Patienten für die Bukarester Sozialklinik gibt es viele in Rumänien. Hunderttausende verzichten im Land auf eine Krankenversicherung, weil ihre Einkommen nicht für ihre Existenzsicherung reichen. Sie leben von heute auf morgen. Hinzu kommt: Das öffentliche Gesundheitssystem ist chronisch unterfinanziert. Selbst wer in eine gesetzliche Krankenversicherung einzahlt, muss lange Warteschlangen und hohe Zuzahlungen bei Medikamenten in Kauf nehmen. Chronisch kranke Patienten geraten damit häufig in schwere Finanzierungsnöte. Immer wieder rufen Familienangehörige in sozialen Netzwerken zu öffentlichen Spendenaktionen auf, damit sie eine lebenswichtige Behandlung bezahlen können.

Einmal die Woche zum Ehrenamt

Einen Ausweg für die prekären Fälle bietet die Sozialklinik, die seit rund sieben Jahren Patienten in der rumänischen Hauptstadt behandelt. Zum Team gehören 15 Mediziner: Gynäkologen, Augenärzte, Psychologen und Stomatologen, wie die Bukarester Zahnärztin Simona Dutu. Einmal die Woche versorgt sie eine Handvoll Patienten. Dass die keine gesetzliche Krankenversicherung haben, wundert die Medizinerin nicht: "Viele junge Menschen in Rumänien sparen an der Krankenversicherung, weil sie glauben, keinen Arzt zu brauchen. Bei Gesundheitsproblemen behandeln sie sich jahrelang selbst, bis es fast zu spät ist." Das hat zur Folge, dass die Zahnärztin vielen ihrer Patienten in der Sozialklinik nur noch die löchrigen Zähne ziehen und sie mit einer Prothese versorgen kann.

Sozialklinik Bukarest
An einem zentralen Ort in Bukarest gelegen: Die Sozialklinik "Baba Novac". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Menschen in Not versorgen

Die 39-jährige Ärztin wollte schon lange in ihrem Beruf auch ehrenamtlich arbeiten. Seit vielen Jahren betreibt die Zahnärztin eine eigene Praxis in Bukarest. Dort behandelt sie zumeist Patienten aus der Mittelschicht, die eine Zahnbehandlung bezahlen können. Was aber soll mit den Kranken geschehen, die finanziell kaum über die Runden kommen? Soll sie sie abweisen? Dutu hatte in ihrem Studium gelernt, als Ärztin "Menschen in Not mitzuversorgen". In der Sozialklinik "Baba Novac" kann sie das tun. Manche ihrer Freunde wundern sich, warum Dutu mit ihrer Freizeit nichts anderes anfängt.

Ärzte haben wenig Freizeit

In der Tat ist das Engagement der Ärztin ungewöhnlich. Tausende Mediziner haben in den vergangenen Jahren das Land verlassen, weil sie bisher schlecht bezahlt wurden. Wer im Land geblieben ist, hat oft zwei Jobs pro Tag und somit wenig Freizeit: Am Vormittag wird im staatlichen Krankenhaus praktiziert, am Nachmittag in einer Privatklinik, in der sich die ökonomische Elite des Landes behandeln lässt.

Vlad Romanescu, der Leiter der Bukarester Sozialklinik, freut sich, dass er dennoch immer wieder Mediziner findet, die bei ihm ehrenamtlich arbeiten wollen. "Nur auf diese Weise geht das Projekt auch weiter", sagt er. Eine medizinische Grundversorgung erhält, wer als Patient nachweisen kann, dass er gerade kein Einkommen hat. Auch die Medikamente sind gratis. Finanziert wird die Sozialklinik aus Spenden von Unternehmen. "Wir reichen unseren Patienten symbolisch die Hand, wenn sie gerade in einer auswegslosen Situation sind", sagt Romanescu. Die Bukarester Sozialklinik wünscht sich, dass sich die Patienten nach der Genesung einen Job mit Arbeitsvertrag suchen und damit krankenversichert sind. Doch das passiert selten.

Sozialklinik Bukarest
Der Leiter der Sozialklinik Bukarest, Vlad Romanescu. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Arzttermine werden nicht eingehalten

Zahnärztin Dutu will mit ihrer gemeinnützigen Arbeit eine gute Tat vollbringen. Das ist nicht immer einfach in der Sozialklinik. Immer wieder erlebt Dutu, dass ihre Patienten die kostenlose Behandlung einfach abbrechen. "Manche haben nicht die Geduld und die Einsicht, sich über Monate hinweg an Arzttermine zu halten." Andere Patienten erwarten, dass die Gratis-Behandlung mehr bieten müsste als nur die medizinische Grundversorgung. Sie werden höflich abgewiesen. Hin und wieder bekommt die Zahnärztin eine SMS von Patienten, die einen Job gefunden haben, auch dank ihrer Prothese. In diesen Momenten, sagt Dutu, spüre sie, dass sie mit ihrer Arbeit in der Sozialklinik etwas ändern kann.


Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: TV | 16.11.2018 | 17:45 Uhr