Angler auf dem Sulina Kanal vor der Skyline der Stadt.
Wasser, Boote, verfallende Häuser: Die einstmals wichtige Hafenstadt Sulina wurde von der Außenwelt fast vergessen. Bildrechte: MDR/Madlen Brückner

Rumänisches Donaudelta: Endstation Sulina

Nachdem die Donau etwa 2850 Kilometer zurückgelegt und zehn Länder durchquert hat, mündet sie bei Sulina ins Schwarze Meer. Die Stadt ist Endstation, nicht nur für den Fluss, sondern auch für die EU im Osten.

Angler auf dem Sulina Kanal vor der Skyline der Stadt.
Wasser, Boote, verfallende Häuser: Die einstmals wichtige Hafenstadt Sulina wurde von der Außenwelt fast vergessen. Bildrechte: MDR/Madlen Brückner

Vor dem zweiten Weltkrieg war Sulina eine prosperierende Hafenstadt, Handelsmetropole, sowie Dreh- und Angelpunkt der Donauschifffahrt. Grund für den glanzvollen Aufstieg des einstigen Fischerdorfes war die Gründung der Europäischen Donau-Kommission 1856.

Von Sulina aus verwaltete sie die internationale Schifffahrt auf dem zweitlängsten Fluss Europas und betrieb den Ausbau der Hauptverkehrsader im Donaudelta – dem Sulinaarm, der direkten Verbindung zwischen dem Festland und dem Schwarzen Meer.

"Europa in Minatur"

Nur wenige Jahre später erhielt die Stadt den Status eines Freihafens. Am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhundert gab es dort mehr als 150 Geschäfte und 70 Unternehmen. Elf Konsulate, Schulen, in denen in mehreren Sprachen unterrichtet wurde, ein Theater und andere kulturelle Einrichtungen zeugten von der zentralen Stellung Sulinas.

Zu dieser Zeit lebten bis zu 15.000 Menschen aus über 20 Nationen in der Stadt, darunter Griechen, Russen, Armenier, Türken, Deutsche und Italiener. Entsprechend waren auch unterschiedlichste Konfessionen vertreten. Kirchen, Synagogen und Moscheen wurden errichtet. Ein "Europa in Miniatur" nannte es der Hafenkommandant Eugeniu P. Botez in seinem Roman "Europolis", den er 1933 unter dem Pseudonym Jean Bart schrieb.

Angler in Sulina am Kanal.
Die meisten Bewohner von Sulina leben vom Fischfang. Auch in der Freizeit ist da Angeln ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Bildrechte: MDR/Madlen Brückner

Fischkonserven im Kommunismus

Mit dem zweiten Weltkrieg endete die Blütezeit Sulinas. Die Europäische Donaukommission löste sich auf und mit ihr auch die Stadt selbst. Sie entwickelte sich zurück in eine Fischersiedlung ohne große Bedeutung. Auf dem Weg zum Kommunismus gab es einen neuen Versuch, Sulina wiederzubeleben. Diktator Nicolae Ceauşescu plante für die Stadt eine Zukunft als Industriehafen.

Eine Schiffswerft und Fischkonservenfabriken wurden gebaut. Die Fischer waren in einer Kooperative vereinigt. Brigaden mit jeweils bis zu 50 Männern fuhren täglich raus ins Delta, um mit Treibnetzen die Fänge einzuholen und zur Weiterverarbeitung in die Fabriken zu bringen. Bis zu 20.000 Tonnen Fisch pro Jahr wurden in Sulina konserviert und exportiert.

Verloren am Rande Europas

Die Revolution von 1989 und die nachfolgende ökonomische Krise Rumäniens bedeuteten die Schließung der Fabriken, die Auflösung der Kooperative und das endgültige Aus für Sulina. Hunderte Fischer verloren innerhalb kurzer Zeit ihre Existenzgrundlage.

Heute leben nur noch etwas mehr als 4000 Menschen in der einzigen Stadt des Donaudeltas. Beinahe jeder zweite Einwohner im arbeitsfähigen Alter (40 Prozent) hat keine Arbeit. Immer mehr, vor allem junge Menschen, verlassen die Stadt. Leerstehende Häuser, Schiffwracks, die Ruinen der früheren Fabriken und Industrieanlagen zeugen von ihrem Niedergang.

Ein Schiffswrack am Ufer des Kanals vor Sulina
Eines der vielen Schiffswracks im Kanal von Sulina erinnert an die besseren Zeiten. Bildrechte: MDR/Mandy Lehm

Strenge Auflagen und neuer Tourismus

Seit 2007 ist Rumänien Mitglied der EU und Sulina damit einer der östlichsten Häfen Europas und Außengrenze der Gemeinschaft. Viel wurde investiert in das Donaudelta, in die Umwelt und den Naturschutz, jedoch ohne Alternativen für die Menschen. Die, die geblieben sind, leben noch immer vom Fischen, jedoch streng unter der Kontrolle der EU.

Sie brauchen Lizenzen und die sind teuer. Die Fischbestände sind um ein Vielfaches geschrumpft, die Schonzeiten lang, die Auflagen hoch und Fangquote begrenzt. Die ganze Hoffnung der Einheimischen liegt auf dem sich gerade entwickelnden Tourismus, den Sportanglern und den kleinen Pensionen, die nach und nach eröffnen. Doch bereits jetzt steht die Frage im Raum: wieviel Tourismus kann das geschützte Unesco-Weltnaturerbe Donaudelta vertragen?

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im: TV | 15.07.2017 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Juli 2017, 15:42 Uhr