Junge Mutter mit zwei Kindern auf dem Arm
Ein Symbolbild zeigt eine junge Mutter mit zwei Kindern. Bildrechte: IMAGO

Teenie-Mütter Rumänien: Wenn Kinder Kinder kriegen

Rumänien hat EU-weit die meisten Teenie-Mütter. Ein Grund ist, dass der Staat jahrelang die Sexualaufklärung ignorierte. Inzwischen mischen sich auch konservative Traditionalisten beim Thema ein.

von Annett Müller

Junge Mutter mit zwei Kindern auf dem Arm
Ein Symbolbild zeigt eine junge Mutter mit zwei Kindern. Bildrechte: IMAGO

Magdalena* aus dem rumänischen Kreis Valcea war zwölf, als sie das erste Mal schwanger wurde. Ihr Stiefvater hatte sie sexuell missbraucht. Eigentlich hätte eine Anzeige bei der Polizei folgen müssen, doch es geschah genau das Gegenteil: Die Mutter warf ihre junge Tochter aus dem Haus, statt den Täter vor Gericht zu bringen. Seither wächst Magdalena bei der Großmutter auf dem Land auf, verdient ihr Mini-Einkommen durch Feldarbeit. Im vorigen Jahr wurde die Minderjährige zum zweiten Mal Mutter, diesmal mit 17 Jahren.

Weit verbreitete Armut

Magdalena ist kein Einzelfall, Rumänien zählt im EU-Vergleich die meisten Teenie-Mütter. Knapp 18.000 waren es allein im vorigen Jahr. Jede zehnte Mutter im Land ist damit zwischen 15 bis 19 Jahre alt. Ein Grund für die vielen Teenie-Schwangerschaften sei die weit verbreitete Armut in Rumänien, meint die Medizinerin Cornelia Scarlatescu von der Bukarester Nichtregierungsorganisation "World Vision Romania". Die NGO hat in den vergangenen Jahren über 15.000 Frauen in dörflichen Gemeinden aufgeklärt. "Viele Mädchen wollen mit einem eigenen Kind ihren Familienverhältnissen entfliehen, die völlig mittellos und oft gewaltsam sind", so Scarlatescu. Doch eigener Nachwuchs macht das Leben nicht leichter.

Kein Mutterschaftsgeld für Schulabbrecher

Wer ein Kind zur Welt bringt, kann in den ersten beiden Jahren monatlich mindestens 270 Euro an Mutterschaftsgeld bekommen. Minderjährige Frauen wie Magdalena erhalten die Unterstützung nicht, wenn sie Schulabbrecher sind und damit in Rumänien als nicht förderwürdig gelten. Damit bleibt lediglich das Kindergeld: In den ersten beiden Jahren sind das monatlich rund 43 Euro, danach sinkt es auf gerade einmal knapp 20 Euro. Eine Summe, die zur Unterstützung des Kindes bei weitem nicht reicht.

Lieber nicht über Sex reden

Cornelia Scarlatescu, Programmmanagerin bei der Bukarester Nichtregierungsorganisation „World Vision Romania“
Cornelia Scarlatescu, Programmmanagerin bei "World Vision Romania" Bildrechte: MDR/Annett Müller

Wie Frauen auf dem Land ungewollte Schwangerschaften künftig vermeiden können, dazu entwickelte im vorigen Jahr NGO-Aktivistin Cornelia Scarlatescu mit ihrem Team eine kreative Kampagne. Neben Aufklärungskursen sollen sie per SMS daran erinnert werden, dass ihre fruchtbaren Tage kommen und sie verhüten müsstn - ein individueller Eisprungrechner als App, die extra für Handys der älteren Generation programmiert worden war. Die Idee scheiterte jedoch, weil in den Dörfern viele Frauen ihr Telefon aus Kostengründen mit der gesamten Familie teilen müssen.

Ceausescu verordnete Familienplanung

Hommage an das Diktatoren-Ehepaar Elena und Nicolae Ceausescu - Das Gemälde stammt vom rumänischen Maler Ion Bitzan.
Das Diktatoren-Ehepaar Elena und Nicolae Ceausescu auf einem Gemälde des rumänischen Malers Ion Bitzan. Bildrechte: Annett Müller/MDR

Über Verhütung zu reden, ist in Rumänien für viele ein Tabu. Die Bukarester Psychologin Adina Manea sieht die Gründe für das kollektive Schweigen in der Vergangenheit. Während die DDR in den 1960er-Jahren mit der Einführung der Pille eine liberale Politik fuhr, erklärte der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu in seinem Land das Gebären zur nationalen Pflicht. Er ließ sämtliche Verhütungsmittel verbieten, ebenso die Abtreibung für Frauen unter 40 Jahren. Ceausescus staatliche Familienplanung sollte die rumänische Bevölkerung mit aller Macht vergrößern.

Mit der 1989er-Revolution kam dann die Kehrtwende: Der Staat zog sich komplett aus der Familienplanung zurück, obwohl gerade jetzt landesweite Aufklärungskampagnen nötig gewesen wären. Die Folge: Die Zahl der ungewollten Schwangerschaften schnellte in die Höhe, auf die man verzweifelt mit Abtreibungen reagierte. Allein 1990 wurden knapp eine Million Schwangerschaftsabbrüche im Land registriert.

Lehrer fremdeln mit Aufklärung

Adina Manea, Programmdirektorin der Bukarester Nichtregierungsorganisation „Tineri pentru Tineri“ (Jugend für Jugend)
Adina Manea von der Nichtregierungsorganisation "Tineri pentru Tineri" (Jugend für Jugend) Bildrechte: MDR/Annett Müller

Von staatlicher Seite soll inzwischen der Biologieunterricht die nötige Aufklärung leisten: Der Lehrplan von Klasse 7 sieht als Thema die menschliche Fortpflanzung vor. Doch von vielen Schülern, so erzählt NGO-Aktivistin Adina Manea, höre sie immer wieder, dass ihre Lehrer das Thema bewusst auslassen würden. Kein Einzelfall, sondern ein Massenphänomen.

2004 rief das den Staat erneut auf den Plan. Seither gibt es an rumänischen Schulen das Wahlfach Gesundheitserziehung, das die Schüler nicht nur über gesunde Ernährung und richtige Körperhygiene informieren soll, sondern auch ein paar Stunden Sexualkunde enthält. Doch gerade einmal sieben Prozent aller Schülerinnen und Schüler entscheiden sich laut Bildungsministerium für das Wahlfach, weil sie und ihre Eltern es für wenig sinnvoll halten. Auch die Lehrkräfte fremdeln mit dem Thema. In den Stunden, in denen es um Verhütungsmittel, um Eisprung und Fruchtbarkeit geht, greifen die Pädagogen lieber auf die Nichtregierungsorganisation "Jugend für Jugend" von Adina Manea zurück. Mit jungen ehrenamtlichen Helfern klärt die Psychologin die Schüler auf und verteilt praktischerweise auch Kondome.

Vorwürfe von Traditionalisten

Diese unkomplizierte Sexualpädagogik gefällt längst nicht allen Eltern, die seit einigen Jahren lautstark von konservativ-orthodoxen Gruppen unterstützt werden. Sie werfen den aufklärenden NGOs vor, mit ihren Kampagnen für andere Sexualformen zu werben, allen voran für Homosexualität.

Beflügelt von der Kritik entwarf 2016 der rechtskonservative frühere Parlamentarier Ninel Peia eine Gesetzesinitiative: Sexualkunde sollte demnach ausdrücklich an die Zustimmung der Eltern gekoppelt werden, andernfalls würden die Lehrer bestraft. Peia, selbst dreifacher Vater, will sich vom Staat die Sexualerziehung - wie viele andere Eltern - nicht vorschreiben lassen. Seine Parlamentskollegen konnte er aber nicht überzeugen: Ende Mai 2018 lehnten sie den Gesetzentwurf mit großer Mehrheit ab. Doch Peia denkt nicht daran, aufzugeben. Er werde die Idee in ein paar Jahren erneut anschieben, so der Jurist auf Nachfrage.

Kein Geld für Gratis-Verhütung

Dass der Gesetzentwurf vom Tisch ist, reicht NGO-Aktivistin Adina Manea nicht. Sie wünscht sich deutlich mehr staatliches Engagement. In der Theorie gibt es viel davon. So hat die Regierung in ihrer nationalen mehrjährigen Gesundheitsstrategie auf über 70 Seiten eine Menge Ideen vorgelegt. Verhütungsmittel sollen beispielsweise gratis an Bedürftige verteilt werden.

Ein Viertel aller Rumänen lebt unter der Armutsgrenze, sie haben weniger als vier Euro pro Tag zum Leben. An Pille oder Kondom ist da nicht zu denken. Die Regierungsaktion lief an, inzwischen fehlt das Geld dafür. Manea ist enttäuscht darüber. Vermutlich wird es damit im nächsten Jahr zahlenmäßig wieder mehr minderjährige Mütter in Rumänien geben, ganz gleich wie unermüdlich die NGO-Aktivistin aufklärt.

*Name zum Schutz der Persönlichkeitsrechte von Redaktion geändert

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: FERNSEHEN | 20.07.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Juli 2018, 18:14 Uhr