Hochhaus RGW Moskau 1970
Bildrechte: IMAGO

Künstliche Währung im Osten Der Transferable Rubel

"Roter Dollar" wurde sie genannt - die künstliche Währung, die ausschließlich für den Handel zwischen den sozialistischen Staaten verwendet wurde. Ein Transferrubel entsprach etwa 1,11 US-Dollar.

Hochhaus RGW Moskau 1970
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Im Sommer 1971 vereinbarten die Regierungschefs der sozialistischen Staaten in Bukarest die Schaffung eines modernen Währungssystems, fußend auf einer gemeinsamen und für alle verbindlichen Währung, des Transferablen Rubel. Von einem "historischen Augenblick" war beim Abschluss der Gespräche die Rede. Und tatsächlich hatten die acht RGW-Staaten – Rumänien, UdSSR, CSSR, Bulgarien, DDR, Polen, Ungarn und die Mongolei – mit ihrem Beschluss die Absicht untermauert, ein Verrechnungssystem zu schaffen, das den wirtschaftlichen Erfordernissen Rechnung trägt und endlich einen freien Handel zwischen den einzelnen Mitgliedern des östlichen Wirtschaftsraumes ermöglicht. Der Transferrubel sollte, ähnlich dem Dollar in der westlichen Hemisphäre, die unter allen RGW-Mitgliedern akzeptierte Währung darstellen - eine Art roter Dollar.

Beinahe wie ein mittelalterlicher Tauschhandel     

Bislang hatten die RGW-Staaten ihren gegenseitigen Außenhandel ganz überwiegend in der Art eines mittelalterlichen Tauschhandels – Ware gegen Ware – betrieben. Eine auch nur einigermaßen objektivierbare Preispolitik hatte es nie gegeben: So galten bis 1957 die Preise des Jahres 1939 oder modifizierte Preise der sogenannten "Hauptwarenmärkte", das heißt des kapitalistischen Weltmarktes. Daran hatte auch die 1963 erfolgte Einführung eines "Transferrubel-Systems" (mangels frei konvertierbarer Währungen und Devisenknappheit) nicht viel geändert. Es hatte die in es gesetzten Erwartungen, ein international akzeptiertes Zahlungsmittel zu sein, nie erfüllen können. Der Grund dafür: Die Kurse für die Mark der DDR, für Rubel, Forint, Lew oder Zloty waren willkürlich und ohne Rücksicht auf die Kaufkraft festgesetzt worden. Ökonomen fanden Ende der 1960er Jahre heraus, dass etwa der bulgarische Lew 20 Prozent unterbewertet war, die tschechoslowakische Krone und der polnische Zloty hingegen um bis zu 45 Prozent überbewertet waren. Diese Währungsmanipulationen hatten natürlich ernsthafte Folgen für den gegenseitigen Handel – für die Bulgaren beispielsweise war der Handel mit Polen oder der CSSR auf Basis des Transferrubels ein reines Verlustgeschäft. Deshalb beschränkten sich die sozialistischen Staaten auf einen rein bilateralen Handel unter Umgehung des Transferrubels. 

Traum von einer konvertiblen Währung

"Aus den Fehlern der Vergangenheit haben wir gelernt", tönten die Regierungschefs nun im Sommer 1971 in  Bukarest. Ab sofort sollten "ökonomisch gerechtfertigte und aufeinander abgestimmte Wechselkurse der nationalen Währungen" sowie eine vernünftige Preispolitik den Transferrubel doch noch zum allseits akzeptierten Zahlungsmittel unter den sozialistischen Ländern werden lassen. Am Ende des Weges, so die Forderung der Regierungschefs, müsse der Transferrubel frei konvertierbar sein mit allen westlichen Währungen.  

Nur eine Verrechnungseinheit

Das ist eine Illusion geblieben. Aus der Konvertierbarkeit des Transferrubels ist nie etwas geworden, weswegen sich im Westen niemand für die Währung im Osten interessierte. Und eigentlich war die künstliche Währung auch lediglich eine "Verrechnungseinheit", mit der die sozialistischen Staaten ab 1976 ihre sämtlichen Handelsbeziehungen abzuwickeln gezwungen waren. Die Staaten hatten Umfang und Struktur ihrer jeweiligen Importe/Exporte bereits in langfristigen Verträgen zu fixieren, wobei sich der Wert stets annähernd auszugleichen hatte. Handelsüberschüsse oder –Defizite waren im Transferrubel-System nicht vorgesehen. Sämtliche Kaufpreiszahlungen wickelte die in Moskau ansässige "Internationale Bank für wirtschaftliche Zusammenarbeit" ab.

Die Wechselkurse zwischen den Währungen der einzelnen RGW-Mitgliedsstaaten waren trotz anders lautender Beteuerung in all den Jahren administrativ festgesetzt und keineswegs durch Waren gedeckt. Professor Harry Nick, einstmals Chefökonom an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften der DDR, bilanzierte 1999 nüchtern:

Der Transferrubel war ein subjektivistisches Konstrukt, ökonomisch nicht begründet und nicht begründbar; selbst als multilaterale Verrechnungseinheit funktionierte er nur höchst unvollkommen. Der RGW hatte niemals eine originäre Preisbasis hervorgebracht.

Professor Harry Nick

Die UdSSR bereicherte sich mittels des Transferrubels

Im Übrigen produzierte das System Transferrubel mannigfache Ungerechtigkeiten. Nutznießer in jedem Falle: die UdSSR. "Grob gesagt, beruht unser Außenhandel auf folgendem Prinzip: Produktionsmittel, Lizenzen, Rohstoffe, Halbfabrikate und Lebensmittel kaufen wir für harte Devisen im Westen ein, das Endprodukt hingegen verkaufen wir überwiegend für den sogenannten Transferrubel, der jedoch keineswegs ein Devisenzahlungsmittel im Osten ist", klagte 1982 ein namentlich nicht genannter polnischer Insider in der "Zeit", der Moskau eine Mitschuld an der Wirtschaftskrise in seinem Land gab. "Die UdSSR konnte einige Produkte erwerben, ohne Devisen auszugeben. Die Satellitenstaaten kauften im Westen gegen stets knappe Devisen ein, die UdSSR kaufte ihnen diese Produkte gegen Transferrubel ab. Im großen Maße begann das Unglück für uns 1976, als wir ganz und gar zum Transferrubel als Verrechnungseinheit übergingen. Man zwang uns, hochveredelte Produkte innerhalb des RGW zu exportieren, deren Vorprodukte wir für harte Devisen im Ausland hatten kaufen müssen."

Transferrubel und D-Mark im Osten

Nach der Einführung der konvertierbaren D-Mark in der DDR am 1. Juli 1990 hätte eigentlich der Verrechnungsverkehr in Transferrubeln beendet werden müssen. Eine sofortige Umstellung des Außenhandels der DDR mit den anderen RGW-Staaten war freilich nicht möglich, da die UdSSR auf der Einhaltung sämtlicher auf Transferrubel-Basis geschlossener Verträge bestand. Es wurde vereinbart, dass der Warenverkehr der DDR mit ihren einstigen Bruderländern bis auf Weiteres in Transferrubeln abgewickelt würde.    

Wieviel ist ein Transferrubel wert?

Ende März 1991 stellte Deutschland den Verrechnungsverkehr in Transferrubeln schließlich ein. Drei Monate später löste sich der RGW auf und damit hatte auch der Transferrubel ausgedient.

Der russische Präsident Wladimir Putin, rechts, Bernhard Vogel, Ministerpräsident Thüringens, Mitte, und Bundeskanzler Gerhard Schroeder, links, während der deutsch-russischen Konsultationen am 09.04.2002 im Goethe-Haus in Weimar.
Bundeskanzler Schröder und Präsident Putin gemeinsam mit Thüringens Ministerpräsident Vogel 2002 in Weimar. Bildrechte: IMAGO

In Bonn wurde in diesen Monaten bilanziert, dass die Verbindlichkeiten Russlands gegenüber der Bundesrepublik als dem Rechtsnachfolger der DDR sich auf stolze 6,4 Milliarden Transferrubel (etwa 15 Milliarden D-Mark) beliefen. In Moskau hieß es: Sicher gäbe es gewisse Verbindlichkeiten, allerdings nicht in solch exorbitanter Höhe. Deutschland bestand auf seinen Forderungen, gewährte Russland aber einen Zahlungsaufschub bis 2002. Hinter den Kulissen entbrannte nun ein zäher Streit über den Umrechnungskurs zwischen Transferrubel und D-Mark. 2002 schließlich einigten sich Bundeskanzler Schröder und Präsident Putin bei einen Treffen in Weimar: Russland werde 500 Millionen Euro aus der Transferrubel-Schuld in drei Tranchen zurückzahlen - zwei Drittel noch in diesem Jahr, den Rest in den kommenden zwei Jahren. Der Erlass eines großen Teils der Schulden sei eine politische Entscheidung gewesen, erklärte Schröder: "Wir wollten uns nicht über Gebühr mit der Vergangenheit beschäftigen." Wladimir Putin versuchte noch etwas gerade zu rücken: Es gehe keineswegs um Schulden, sondern lediglich um einen Ausgleich von "Handelsbilanzen".

Binnen dreier Jahre überwies Russland die vereinbarten 500 Millionen Euro. Damit waren sämtliche Verbindlichkeiten getilgt und das Kapitel Transferabler Rubel konnte zu den Akten gelegt werden.   

Quellen: Erinnerungen an den Transferrubel, in: Berliner Zeitung, 23.01.1999; Beinahe eine totale Ausraubung, in: Die Zeit, 08/1982; Der rote Dollar, in: Der Spiegel, 33/71.

Zuletzt aktualisiert: 27. April 2015, 15:26 Uhr