Gedenkbild am Krankenhaus indem Palach starb
Ein Graffito als inoffizielles Gedenken an den Studenten Jan Palach, der sich am 16. Januar 1969 aus Protest selbst verbrannte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

50 Jahre Prager Frühling Die "menschliche Fackel"- Warum Jan Palach sich selbst verbrannte

Am 11. August wäre der Tscheche Jan Palasch 70 Jahre alt geworden. Gestorben ist er bereits Anfang 1969, als er sich als Student in Prag selbst anzündete. Warum tat er das und wie erinnert sich Tschechien heute an ihn?

Gedenkbild am Krankenhaus indem Palach starb
Ein Graffito als inoffizielles Gedenken an den Studenten Jan Palach, der sich am 16. Januar 1969 aus Protest selbst verbrannte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auf dem berühmten Wenzelsplatz in Prag liegt ein großes Kreuz aus Bronze. Viele Touristen laufen daran vorbei, ohne zu wissen für wen dieses Kreuz in den Boden eingelassen wurde. Es soll an den jungen Studenten Jan Palach erinnern, der sich mit nur 20 Jahren selbst anzündete.

Eine "menschliche Fackel" wollte er sein, gegen die Lethargie, die Unterordnung und das Aufgeben seiner Landsleute nach der Niederschlagung des Prager Frühlings. Am 11. August wäre er 70 Jahre alt geworden.

Menschenopfer bei helllichtem Tag

Es ist der 16. Januar 1969. Jan Palach ist gerade einmal 20 Jahre alt, als er sein Leben beenden wird. Zwischen 15 und 16 Uhr geht er mit einer Aktentasche in der Hand und in einen Mantel gehüllt auf den Wenzelsplatz in Prag. Vor dem Nationalmuseum bleibt er stehen, dann geht alles ganz schnell.

Der tschechische Philosophie-Student Jan Palach
Portrait von Palach kurz vor seinem Tod. Bildrechte: dpa

Palach holt einen Kanister unter dem Mantel hervor, übergießt sich mit dem Inhalt und zündet diesen an. Wenige Sekunden später steht er in Flammen. Brennend beginnt Palach zu laufen. Zeitzeugen beschreiben, wie er zwischen den Autos und Straßenbahnen umher torkelt bis endlich ein Straßenbahn-Aufseher einen Mantel über ihn wirft.

Schnell wird der junge Mann ins Krankenhaus gebracht. Die Ärzte stellen fest, dass 85 Prozent seiner Haut verbrannt sind, seinen Tod können sie nicht mehr aufhalten. Der junge Mann stirbt nach drei Tagen in der Klinik . Zuvor ist er jedoch ansprechbar und gibt Auskunft über seine Tat und was ihn dazu veranlasst hat.

Kurze Hoffnung auf ein besseres Leben

Der Mensch Jan Palach wird von seinen Klassenkameraden als sehr schweigsam und introvertiert beschrieben. Ins Plaudern kommt er nur mit seinem Geschichtslehrer. Zum Studium zieht es ihn nach Prag. Hier ist auch er einer der Tschechen, die Hoffnung schöpfen durch die Freiheitsbestrebungen des Prager Frühlings.

Er hofft auf ein Ende der Zensur, der Vorschriften und der Enge. Umso mehr ist er erschüttert über die gewaltsame Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968. Damals walzen sowjetische Panzer den Ruf nach Reformen nieder.

Zur Beerdiegung in Prag kamen 10.000 Trauernde
Andrang zum Gedenken an Palach in Prag im Januar 1969. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Honza", wie Jan Palach in Tschechien genannt wird, ist mittendrin in den Ereignissen. Doch sein Entschluss zur Tat reift erst später als er merkt, wie die Bevölkerung sich wieder unterordnet und in Lethargie verfällt. Sechs Monate später zündet er sich auf dem Wenzelsplatz an. 10.000 Menschen kommen zu Pallachs Beerdigung auf einem Prager Friedhof.

Die Selbstopferung – Fackel Nummer eins

Palachs letzte Worte - die er im Krankenhaus sprach - wurden später im Radio verlesen: "Meine Tat hat ihren Sinn erfüllt. Aber niemand sollte sie wiederholen. Die Studenten sollten ihr Leben schonen, damit sie ihr ganzes Leben lang unsere Ziele erfüllen können, damit sie lebendig zum Kampfe beitragen. Ich sage euch 'Auf Wiedersehen'. Vielleicht sehen wir uns einmal wieder."

Der Appell nützt nichts. Bald eifern viele junge Menschen Palach nach und nehmen sich aus Protest gegen die Okkupation das Leben. Auch in anderen Ländern kommt es zu Selbstverbrennungen. Für viele ist das die einzige Möglichkeit zum Widerstand.

Gegenwart: Angst vorm Vergessen

Im Januar 2019 jährt sich Palachs Selbstentzündung zum 50. Mal. Doch viele Tschechen beklagen, dass bei den jüngeren Generationen langsam in Vergessenheit gerät. In der Schule ist Palachs Leben kein Pflichtstoff.

Das Geburtshaus soll zu einem Museum werden
Visualisierung des künftigen Palach-Museums in Melnik. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In seinem Heimatort Melnik ist eine Schule nach ihm benannt – dennoch gibt es auch dort keinen offiziellen Gedenkort. Zwar soll sein Elternhaus zu einem Museum umgebaut werden, doch auch damit hakt es: Bisher wurde noch keine Baufirma gefunden, die das Projekt kostengünstig umsetzt.

Den finalem Aufbau des Museums hat der Leiter des Tschechischen Nationalmuseums, Marek Junek, jedoch schon genau im Kopf. Durch das Haus soll ein dunkler Keil führen - als Symbol dafür, wie die Selbstverbrennung die tschechische Gesellschaft gespalten hat. Junek hofft, dass der Umbau bald beginnen kann.

Schwieriger Umgang mit dem Vermächtnis

Der Umgang mit Palachs Selbstverbrennung ist in Tschechien schon immer ein schwieriges Thema. 20 Jahre nach dem Tod des Studenten wurden ihm in Tschechien erstmal öffentlich gedacht.

im Januar 1989 feierte eine Gruppe rund um den Dissidenten Vaclav Havel die "Palach-Woche". Sie legten unter dem Heilligen Wenzel Blumen nieder und wurden dafür von der tschechischen Staatssicherheit verhaftet.

Als sie wieder frei kamen, kehrten sie zum Wenzelsplatz zurück und führten die Aktion fort. Bis heute wird dies als Generalprobe für die "samtene Revolution" einige Monate später gesehen. Durch diese brach das kommunistische Regime wie ein Kartenhaus zusammen.

Das Gedenken an Palach könnte zum anstehenden runden Jahrestag der Selbstverbrennung wieder zunehmen. Dafür sorgt unter anderem ein Spielfilm, der Ende des Monats in die tschechischen Kinos kommt. Sein schlichter Titel: "Jan Palach".

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 10.08.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. August 2018, 09:18 Uhr