Museum Danzig
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Museumsstreit in Polen

Teilerfolg für die polnische Regierung im Streit um das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig: Durch Gerichtsurteil kann die PiS die Konzeption des Museums verändern und den Direktor austauschen.

Museum Danzig
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Das Oberste Verwaltungsgericht in Warschau hat die Zusammenlegung des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig mit dem geplanten Museum auf der Westerplatte erlaubt. Dadurch könnte die nationalkonservative Regierung den Museumsdirektor Pawel Machcewicz austauschen und so die Konzeption der Ausstellung verändern. Dem vorausgegangen war ein monatelanger Streit um die Ausrichtung der Ausstellung und das polnische Geschichtsbild.

Spektakulärer Neubau

Der Museumsneubau ist in jeder Hinsicht spektakulär: Wie ein Segel ragt der Mittelteil des rostroten Gebäudekomplexes in einem Winkel von 56 Grad in den Himmel der Stadt. Die Ausstellung zeigt auf 5.000 Quadratmetern Tausende Erinnerungsstücke: Vom Kampfpanzern über Familienandenken bis zur Schiffsglocke der 1945 mit Flüchtlingen untergegangenen "Wilhelm Gustloff".

Und mit Kosten von rund 100 Millionen Euro ist das Museum die größte Kulturinvestition Polens seit 1989. Künftig wird es auch der zentrale polnische Gedenkort an den Zweiten Weltkrieg sein. Deshalb tobt um das Museum ein Kulturstreit, der zeigt, wie die nationalkonservative Regierungspartei PiS die Geschichtsschreibung Polens umdeuten will.

Neubau mit Deutungshoheit

Allein der Ort des Neubaus ist historisch bedeutsam. In Danzig begann mit dem Angriff des deutschen Kriegsschiffes "Schleswig-Holstein" auf ein polnisches Waffendepot auf der Westerplatte der Zweite Weltkrieg. Deshalb beschloss die polnische Regierung unter Ministerpräsident Donald Tusk bereits 2008, dort ein Weltkriegsmuseum zu errichten. Schon damals war die PiS gegen die Pläne des Neubaus. Denn Tusk ist ein Intimfeind des PiS-Vorsitzenden Jaroslaw Kaczyński.

Pawel Machcewicz
Museumsdirektor Paweł Machcewicz Bildrechte: IMAGO

Aber auch die Ausstellung selbst ist den Nationalkonservativen ein Dorn im Auge. Museumsdirektor Paweł Machcewicz und sein Team planten von Anfang an, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs ganzheitlich aufzuarbeiten. Ein großer Teil widmet sich den Gräueltaten Deutschlands und der Sowjetunion. Andere Teile thematisieren den Widerstandskampf der Polen, aber auch das Leiden der polnischen Juden.

Zu universell und zu wenig heroisch ist dieser Ansatz der PiS, die seit ihrer Regierungsübernahme Ende 2015 gegen das Projekt mobil macht. Wie sie sich die Ausstellung vorstellt, formulierte der Historiker Jan Żaryn, der für die PiS im polnischen Senat sitzt: "Freiheitsliebend, katholisch, patriotisch und vor allem stolz auf unsere Geschichte."

Leid oder Heroismus?

Deshalb forderte Kulturminister Piotr Gliński drei Gutachten zur Ausstellung an. Grundtenor aller drei: Das "menschliche Unglück" des Krieges werde in der Ausstellung zu sehr betont, die "Abhärtung des Menschen" durch den Krieg ausgeblendet. Gemeint ist damit insbesondere der Kampf der polnischen Armee und des späteren Untergrund-Widerstands.

Museumdirektor Machcewicz hält dem entgegen, dass 200.000 polnische Soldaten im Krieg gestorben seien, aber fünf Millionen Zivilisten. Der wohl umstrittenste Teil der Ausstellung ist aber jener über polnische Pogrome gegen Juden, etwa das Massaker in dem Ort Jedwabne im Nordosten Polens. Lange wurde dieser Teil der polnischen Geschichte totgeschwiegen.

Als der polnisch-amerikanische Historiker Jan Tomasz Gross diese in einem Buch 2001 erstmals beschrieb, löste das eine hitzige Debatte in Polen aus. Die PiS will diesen Teil der Weltkriegsgeschichte am liebsten ganz aus dem nationalen Gedächtnis streichen. "Die Erziehung junger Polen darf sich nicht auf das Gefühl der Scham stützen, wie das heute der Fall ist, sondern auf ein Gefühl von Würde und  Stolz", wie der Parteivorsitzende Kazyynski erklärt.

Nächste Runde vor Gericht

Doch weil Museumsdirektor Machcewicz an seiner Ausstellung festhält, versucht die Regierung, das Museum in seiner jetzigen Form zu stoppen. Kulturminister Gliński hat bereits 2016 angeordnet, dass Weltkriegsmuseum mit dem noch gar nicht existierenden "Museum Westerplatte" zusammen zu legen. Dann könnte die Regierung einen neuen Direktor einsetzen.

Mit dem Urteil ders Verwaltungsgerichts ist dies nun möglich. Museumsdirektor hofft nun darauf, dass die Ausstellung trotzdem erhalten bleibt - selbst, wenn er gehen muss: "Haben erst einmal ein paar Tausend Menschen unsere Ausstellung gesehen und sich überzeugt, dass Polen darin nicht zu kurz kommt, wird es vielleicht schwieriger, die Ausstellung völlig umzukrempeln".

Ein T-34 Panzer im Museum Danzig
Ein Exponat: Sowjetischer Panzer Bildrechte: IMAGO

Über dieses Thema berichtete der MDR auch in diesen Sendungen: Heute im Osten - Reportage | 22.04.2017 | 18:00 Uhr
MDR Aktuell im TV | 21.04.2017 | 17:45 Uhr
MDR Aktuell im Radio | 07.04.2017 | 04:23 Uhr
LexiTV | 01.09.2014 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. April 2017, 09:59 Uhr

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3 Kommentare

23.03.2017 11:46 Caesar Augustus 3

@ascanier: Soweit ich weiß, arbeiten in der Osteuroparedaktion des MDR sprachkundige, zum Teil auch polnischstämmige Journalisten und die kennen sowohl die polnische Geschichte als auch die aktuellen Debatten in diesem Land.

10.02.2017 00:23 aridus 2

An ascanier # 1: Hauptsache, Du weißt, wie man im Sinn eines beurlaubten Geschichtslehrers die deutsche Vergangenheit zu deuten hat.

04.02.2017 19:04 ascanier 1

"Der Fall zeigt, wie die polnische Regierung das Geschichtsbild des Landes umdeuten will."

Aha, umdeuten, der MDR weis sicher genau was polnische Geschichte bedeutet?