Russische Soldaten und Panzer bei einer Übung in Zhukovsky im August 2014.
Russlands Armee übt regelmäßig die Mobilisierung von großen Militäreinheiten. Das löst bei den Anrainerstaaten Unbehagen aus. Bildrechte: dpa

Militärmanöver "Sapad": Was fürchten Russlands Nachbarn?

Die bevorstehende Großübung an der russischen Westgrenze sorgt seit Monaten für Diskussionsstoff in Mittelosteuropa. Die Anrainerstaaten überbieten sich mit Horrorszenarien. Doch was steckt dahinter?

Russische Soldaten und Panzer bei einer Übung in Zhukovsky im August 2014.
Russlands Armee übt regelmäßig die Mobilisierung von großen Militäreinheiten. Das löst bei den Anrainerstaaten Unbehagen aus. Bildrechte: dpa

Vom 14. bis 20. September übt Russland gemeinsam mit Belarus die Verteidigung ihrer Westgrenze. Das Manöver "Sapad 2017" (deutsch: "Westen 2017") findet alle vier Jahre statt. Seit Wochen beschäftigt es Politiker und Militärexperten in Mittel- und Westeuropa. Denn aus Mittelosteuropa hagelt es Vorwürfe an Russland. Viele Fragen bleiben offen.

Sind Russlands Angaben zum Manöver vertrauenswürdig?

Nicht besonders: Zumindest darin sind sich Anrainerstaaten, die EU, NATO und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) einig. Zu auffällig ist die offizielle Teilnehmerzahl des Manövers: 12.700 Soldaten. Damit liegt sie nur knapp unter der Grenze von 13.000, ab der Beobachter der OSZE zu der Übung zugelassen werden müssen.

Zwar hat Russland diese offiziell zum Manöver eingeladen, jedoch nur als Zuschauer beim öffentlichen Teil. Ernsthaft überprüfen könnten die Beobachter die russischen Angaben aber nur mit einem offiziellen Mandat. Das würde ihnen ausführliche Briefings, persönliche Gespräche mit den beteiligten Soldaten und Kontrollflüge über das Manövergebiet zugestehen.

Wie viele Soldaten nehmen dann daran teil?

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen steht in Tallinn (Estland) während des Treffens der EU-Verteidigungsminister neben dem portugiesischen Verteidigungsminister Jose Alberto Azeredo Lopes (l-r), der slowenischen Verteidigungsministerin Andreja Katic und dem NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg.
Bei ihrem Treffen in Tallinn zeigten sich die EU-Verteidigungsminister besorgt über die anstehende Übung, so auch Ursula von der Leyen (rechts). NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg (dahinter) war bei dem Treffen ebenso zu Gast. Bildrechte: dpa

Das Manövergebiet erstreckt sich von der ukrainisch-russischen Grenze im Süden über 2.000 Kilometer bis zur Kola-Halbinsel am Nordpolarkreis. Schon wegen der Fläche gehen NATO und EU von einer wesentlich größeren Übung aus. Auch bei der vergangenen Zapad-Übung im Jahr 2013 habe Russland falsche Angaben gemacht, so der Vorwurf. Statt der angekündigten 10.000 hätten damals 70.000 Soldaten an der Übung teilgenommen, berichtete damals das militärisch gut informierte "Svenska Dagbladet".

Diesmal sollen es bis zu 100.000 werden, vermuten westliche Beobachter. Diese Zahl nannte auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen in der vergangenen Woche beim Treffen der EU-Verteidigungsminister in der estnischen Hauptstadt Tallinn. Moskau widersprach vehement: Die Zahl sei "aus der Luft gegriffen", erklärte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums. Stichhaltige Belege für die Schätzung gibt es nicht.

Was übt Russland genau?

Auch darüber gehen die Angaben auseinander. Russland betont immer wieder den "defensiven Charakter" der Übung. Dabei werde ein Szenario geübt, bei dem "extremistische Gruppen auf das Territorium der Republik Belarus oder der Kaliningrad-Region vordringen, um Attacken auszuführen und die Russisch-Weißrussische Union zu destabilisieren", erklärt die russische Botschaft in den USA auf einer für die Übung angelegten Webseite.

Eigens dafür hat Russland den Fake-Staat "Weischnoria" erfunden, eine imaginäre Separatistenregion im Nordosten von Belarus, direkt an der Grenze zu Litauen und Lettland. Daher löst der zweite Teil der russichen Erklärung dort besondere Unruhe aus. Denn darin heißt es: "Diese Extremisten (in Weischnoria) werden von außen durch logistische Hilfe unterstützt und erhalten Militärgerät via Luft und Meer geliefert." Diese imaginären Unterstützer-Länder heißen Wesbaria und Lubenia. Auf russischen Manöverkarten liegen sie in den Grenzen Polens, Litauens und Lettlands.

Screenshot Weischnoria
Auf Twitter werden aus den Extremisten aber reguläre Soldaten der Armee von Weischnoria - inklusive der missgelaunter "Grumpy Cat"-Katze als Patron. Die weischnorianischen Soldaten kämpfen auch ganz unorthodox mit dem Symbol der Bildbearbeitungssoftware "Photoshop", statt mit Gewehren und Bomben. Bildrechte: Twitter

Wovor haben Russlands Nachbarn Angst?

Daher warnen insbesondere die baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland vor einer offensiven Ausrichtung der Übung. Sie sprechen offen von einer "Kriegsübung". Hintergrund ist die Sorge, dass Russland die ehemals unter sowjetischer Herrschaft stehenden Länder annektieren könnte - ähnlich wie die Krim im Frühjahr 2014.

Beim Manöver "Sapad 2013", nur ein Jahr vor der Annexion der Krim hätte Russland sein späteres Vorgehen in der Ukraine geübt, so der Vorwurf. Die NATO versichert den Balten daher zwar ihre volle Unterstützung, sieht aber offiziell keine unmittelbare Bedrohung durch das Manöver. So würden etwa die vier Bataillione in der Region - die je etwa 1.000 Mann stark sind - während des Manövers im Normalbetrieb arbeiten.

Ganz so unbekümmert scheint das Bündnis jedoch nicht zu sein. Bereits im Juni übten US- und NATO-Truppen an der Grenze zwischen Polen und Litauen, die sogenannte Suwalki-Lücke zu verteidigen. Der 100 Kilometer breite Streifen an der polnisch-litauischen Grenze trennt Belarus von der russischen Exklave Kaliningrad. Würde die Lücke "geschlossen", wäre das Baltikum auf dem Landweg von seinen Verbündeten abgeschnitten.

Daher gilt die Stelle als taktisch wichtigster Punkt zur Verteidigung des Baltikums vor einem russischen Angriff. Die russische Seite verweist in diesem Zusammenhang immer wieder darauf, dass die NATO im Umkehrschluss über die Suwalki-Lücke auch die Exklave Kaliningrad einkesseln und die Verbindung nach Russland kappen könnte.

Karte 1 min
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Fr 15.09.2017 17:34Uhr 00:45 min

https://www.mdr.de/heute-im-osten/video-138352.html

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Wie reagieren die Anrainer auf den Beginn der Übung?

Insbesondere in den baltischen Staaten, Polen und der Ukraine ist die Anspannung groß. Litauens Präsidentin Dalia Grybauskaitė kritisierte mehrfach die, aus ihrer Sicht "offensive Natur" des Manövers und Russlands "aggressives Verhalten gegen Nato-Länder". Außenminister Linas Linkevicius warnte mehrfach davor, dass Russland die Übung zu einer dauerhaften Stationierung von Truppen in Belarus nutzen könnte.

Ähnlich äußerte sich auch der ukrainische Präsident Petro Poroschenko, der die schärfste Kritik an dem Manöver übte. Dieses sei "ein Deckmantel, unter dem neue russische Truppen ukrainisches Territorium einnehmen" würden. Darüber hinaus gäbe es Beweise, dass Russland "einen offensiven Krieg von kontinentalem Ausmaß vorbereite." Welche Beweise das seien, ließ Poroschenko offen.

Der russische Vizeverteidigungsminister Alexander Fomin bezeichnete die Vorwürfe der Anrainerstaaten und entsprechende Medienberichte in einem Statement als "Mythen". In der Ukraine begann dennoch wenige Tage vor Zapad die US-geführte Übung "Rapid Trident 2017". Bei der simulieren circa 1.800 amerikanische und ukrainische Soldaten, wie sie den Angriff eines Drittstaats auf die Ukraine abwehren.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 14.09.2017 | 08:09 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2017, 17:54 Uhr