exakt | 13.06.2018 Pflegen, trösten, dokumentieren - und im Zeitplan bleiben

Ute Finze arbeitet bei einem Pflegedienst auf dem Land. Sie ist oft der einzige soziale Kontakt für die Patienten. Doch bei ihren Aufgaben ist sie unter enormem Zeit- und Kostendruck - und für das Zwischenmenschliche zahlt die Krankenkasse kein Geld.

Praktikant Albrecht Radon beim Waschen einer Patientin. 9 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Herzlich umarmt Patientin Erika Frensel ihre Pflegerin. Der Empfang ist fast schon familiär. Die 79-Jährige ist körperlich stark eingeschränkt und auf sich allein gestellt. Die Pflegerin Ute Finze ist eine ihrer wenigen soziale Kontakte. Doch die Zeit dafür muss sich die 36-Jährige nehmen.

Eine alte Frau im Bad mit Pfleger.
Erika Frensel hat kaum noch soziale Kontakte. Sie freut sich, wenn die Pflegerin kommt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Damit die Mitarbeiterin eines privaten Pflegedienstes in Gröbzig ihre tägliche Tour schafft, sind für Waschen und Medikamentengabe 20 Minuten eingeplant. Dabei muss Ute Finze bei ihrem Job auf dem Lande regelmäßig auch Trost spenden. Erika Frensel hat ihren Sohn verloren. "Voller Krebs war der. Ich hatte bloß einen. Und der Mann ist gleich hinterher gegangen", sagt die Rentnerin. Die Pflegerin hat selbst einen Sohn: "Ich glaube, es ist das Schlimmste, wenn man sein eigenes Kind beerdigen muss." Sie streichelt der alten Dame über die Wange.

Für das Zwischenmenschliche zahlt die Krankenkasse nicht

Karte mit verschiedenen Orten.
Das Einsatzgebiet des Pflegedienstes ist groß, doch für die Fahrten gibt es kaum Geld. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch fürs Zwischenmenschliche zahlt die Krankenkasse kein Geld. Bei ihrer ersten Patientin hat Ute Finze deutlich länger als 20 Minuten gebraucht. Um die Zeit wieder aufzuholen, wird ihr Auto gleich zum Frühstücksraum – während der Fahrt.

Das Unternehmen hat 230 Kunden, verteilt auf ein rund 200 Quadratkilometer großes Einsatz-Gebiet. Elf Mitarbeiter decken den Frühdienst ab. Die Touren müssen gut geplant werden. Die Wege sind lang, und für die Anfahrt zahlen die Kassen durchschnittlich nur 2 Euro. Bei manchen Leistungen sogar gar nichts.

Mit 30 Minuten Verspätung trifft die Pflegerin bei Horst Pranghofer ein. Wegen einer schweren Lungenkrankheit ist der 78-Jährige auf ein Beatmungsgerät angewiesen. Ute Finze muss die Sauerstoffflaschen wechseln, dann geht es an die Morgentoilette. Zweimal am Tag kommt der Pflegedienst vorbei – ohne diese Hilfe wäre Ehefrau Irene aufgeschmissen: "Ich schaffe das nicht mehr."

Kein Geld für die Dokumentation

Dann drängt erneut die Zeit. Die abschließende Dokumentation muss sein – auch dafür zahlt die Kasse nicht. Ute Finze arbeitet 30 Stunden pro Woche. Mehr sind körperlich einfach nicht drin, denn monatlich kommen etwa 20 Überstunden oben drauf. Das Schichtsystem ist hart.

Zudem sitzt sie täglich für bis zu 100 Kilometer am Steuer. "Wenn man jetzt so ausgelaugt ist und dann solche langen Anfahrtswege – da muss man dann tief durchatmen und dann mal sagen: Los, das schaffst du noch", erzählt sie.

Für Doppelschichten gibt es Zulagen

Bei der nächsten Patientin kommt sie erneut mit Verspätung an. "Ich sitze schon eine halbe Stunde", sagt Edith Linke leicht verärgert. Sie leidet unter Krampfadern und bekommt einen Kompressionsverband.

Die Pflegerin verdient 12,10 Euro pro Stunde, für Wochenend- und Doppelschichten gibt es Zulagen. Glücklich ist sie damit nicht. Kollegen im Westen verdienen "über 14 Euro, wenn nicht noch mehr", sagt sie. Das sei ungerecht. "Eigentlich sind wir ja eine Einheit. Aber es wird immer noch unterschiedlich berechnet."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 13. Juni 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Juli 2018, 18:59 Uhr

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