exakt | 30.05.2018 Was bringen "Ankerzentren"?

Sachsen will nun doch ein "Ankerzentrum" für Asylbewerber einrichten. Dort sollen neu angekommene Flüchtlinge warten, bis entschieden ist, ob sie bleiben dürfen oder nicht. Vorgesehen ist dafür die Erstaufnahme in Dresden und damit genau die Einrichtung, die zuletzt immer wieder wegen gewaltsamer Auseinandersetzungen in den Schlagzeilen stand. Heizt das Konflikte weiter an?

"Ankerzentrum" - was nach sicherem Hafen klingt, soll eine Durchgangsstation für Flüchtlinge werden. "Ankerzentrum", das steht für Ankunft, Entscheidung und Rückführung. Gedacht sind solche Zentren für Asylbewerber. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) will so die Asylverfahren beschleunigen. In Sachsen soll demnächst die Erstaufnahmeeinrichtung in Dresden zu solch einem Ankernzentrum werden.

Mouse Bahloul und Yassine Agouli wohnen beide in der Erstaufnahmeeinrichtung in der Hamburger Straße. Doch "wohnen" würde der 21-jährige Palästinenser Mouse Bahloul es nicht nennen. "Die Badezimmer sind ekelhaft, es ist immer dreckig. Und sie sind total voll, man kann nie ins Bad, weil immer besetzt ist", so der junge Asylbewerber.

Mouse Bahloul lebt seit 8,5 Monaten in der Massenunterkunft - zusammen mit knapp 500 Anderen. Wegen der vielen Menschen gäbe es immer wieder Streit. "Die Leute sitzen die ganze Zeit rum, niemand hat etwas zu tun. Klar gibt's da Probleme." Keine ideale Bedingungen. Menschen verschiedener Herkunft und Religion leben eng zusammen, mit ganz unterschiedlichen Bleibeperspektiven. Der Frust ist hoch.

Asylverfahren sollen gebündelt und beschleunigt werden

Die politische Idee: Jeder Flüchtling bleibt solange, bis über seinen Asylantrag entschieden ist. Alle beteiligten Behörden wie Bamf, Jugendamt und sogar Gericht sitzen unter einem Dach. Wessen Antrag abgelehnt wird, darf nicht länger bleiben und wird abgeschoben. Das Ziel: Niemand soll im Ankerzentrum länger bleiben als 18 Monate. Maximalkapazität: 1.500 Menschen.

Bayern: Viele Probleme in Vorläufer der "Ankerzentren"

Handyaufnahme aus dem "Vorzeige-Flüchtlingsheim" in Bamberg
Handyaufnahme aus dem vermeintlichen Vorzeige-Flüchtlingsheim in Bamberg. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vorbilder der Anker-Idee finden sich in Bayern. In der Aufnahmeeinrichtung in Bamberg sind schon jetzt alle Behörden versammelt. Im März durften angemeldete Kamerateams bei einem Presserundgang dort drehen. Das Bild: Bamberg - ein Vorzeige-Flüchtlingsheim.

Wie es in der Unterkunft mit gut 1.400 Bewohnern wirklich aussieht, können wir nur erahnen. MDR-exakt liegen Aufnahmen vor, die das Innere zeigen sollen: Verdreckte Küchen, verwahrloste Zimmer.

Verunsicherte Asylbewerber, regelmäßige Konflikte

Ein Bewohner des "Vorzeige-Heims", in dem das Asylverfahren besonders schnell gehen soll, erzählte uns von seinen Erfahrungen. "Ich habe ein Infoblatt bekommen. Da steht drauf: Niemand soll hier länger als sechs Monate bleiben. Aber ich bin 13 Monate hier. Einer meiner Freunde 14 Monate", sagte der afghanische Flüchtling, der unerkannt bleiben will. Das Schlimmste sei für ihn, nicht zu wissen, wie es weitergeht und ob er uns seine Freunde eine Zukunft in Deutschland haben.

Bayern, Bamberg: Blick auf die Ankunfts- und Rückführungseinrichtung für Asylbewerber aus Balkan-Länder auf dem ehemaligen Gelände der US Army in Bamberg (Bayern).
Ankunfts- und Rückführungseinrichtung für Asylbewerber auf dem ehemaligen Gelände der US Army in Bamberg. Bildrechte: dpa

Die zuständige Regionalregierung schreibt uns: Nur jeder zehnte Bewohner sei länger als sechs Monate dort untergebracht. Die Stadt Bamberg hat das Zentrum von Anfang an kritisiert. So viele Flüchtlinge ohne Perspektive führten unweigerlich zu Konflikten, sagte die Stadtsprecherin Ulrike Siebenhaar MDR-exakt. "Wir sehen die Frustration der Menschen, die da drin sind. 1.500 Menschen, die teilweise schwer traumatisiert sind und nicht wissen, wie es weitergeht für sie, einfach weil ihr Aufenthaltstitel noch ungeklärt ist. Wir sehen das nicht als Vorbild. Und vor allem dürfen die Dinge nicht größer werden. Das ist jetzt schon am Rande der Kapazität", so Siebenhaar.

Ein weiteres Problem: Die Kriminalität

Der afghanische Bewohner erzählt, dass in der Unterkunft viel geklaut werde. Auch statistisch ist die Kriminalität in Bamberg gestiegen - 2017 um zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Laut Polizei haben vor allem Ladendiebstähle durch Menschen aus dem Camp zugenommen.

Die Kritikpunkte an den bereits bestehenden "Ankerzentren" häufen sich, auch in Sachsen. Flüchtlingsrat und Linkspartei lehnen die, wie sie sagen, "Lager" für Flüchtlinge kategorisch ab. Linken-Fraktionschef Rico Gebhardt sieht das Problem in der Konzentration von Menschen, die keine Bleibeperspektive haben. Damit gehe eine unwahrscheinlich große Unzufriedenheit einher, die den Menschen jede Chance zur Integration nehme.

Roland Wöller (CDU), Innenminister Sachsen
Sachsens Innenminister Roland Wöller Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neben Bayern ist Sachsen im Moment das einzige Bundesland, das sich überhaupt am Konzept der "Ankerzentren" beteiligen will. Warum will Sachsen trotz aller Kritik ein "Ankerzentrum"? Nachfrage beim sächsischen Innenminister Roland Wöller (CDU).

Wir wollen die Situation verbessern, weil wir wissen: Die Verfahren dauern nicht schnell genug. Sie sind auch nicht rechtssicher genug. Und eben das soll mit dem Ankerzentrum gelöst werden.

Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU)

Die Erfahrung in Bayern zeigen: Die zentrale Unterbringung hat hohes Konfliktpotenzial. Sachsen will sich dennoch an der Pilotphase für die geplanten Asyl- und Abschiebezentren beteiligen. Wie das konkret aussieht, wann es losgehen soll und wer dann überhaupt in das "Ankerzentrum" kommt - diese Fragen sind noch offen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 30. Mai 2018 | 20:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Juni 2018, 21:49 Uhr

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16 Kommentare

06.06.2018 16:30 winfried 16

Vorab, grundsätzlich und Kommentar 5 beachtend, zitiere ich zunächst Textpassagen aus diesem Artikel:
>>"Die Badezimmer sind ekelhaft, es ist immer dreckig.<<
>>Ein weiteres Problem: Die Kriminalität<<
Nachstehende Frage treibt mich um:
Und warum sollten sich diese Menschen ändern, wenn sie mal später nicht "ihren Willen" kriegen ?!

02.06.2018 11:59 Kontrovers 15

@13 Möwe: Wenn so etwas noch ein o. zwei Mal passieren würde?
In Deutschland käme es höchstwahrscheinlich vermehrt zu bürgerkriegsähnlichen Übergriffen? Ich glaube nicht, dass sich das unsere regierende Zwangsgemeinschaft in Berlin erlauben kann. Zumal sich mit Italien gerade ein neues Milliardengrab für den Euro auftut.
Ankerzentren können ein vorzeitiges Untertauchen vor Abschiebung verhindern. Oder dürfen die dort Untergebrachten nach belieben ein- und ausgehen? Dann ist der Sinn der Zentren in Frage zu stellen. Wo wäre der Unterschied zu den bestehenden Einrichtungen?

01.06.2018 15:17 ich 14

Hallo Möwe 13
„stellen Sie sich doch mal eine Frage: Was passiert, wenn sich 2015 noch ein zwei mal wiederholt? Sind sie wirklich der Ansicht“
Zu nächst erst ein mal unterstellen sie Deutschland und Europa das sie aus 2015 nichts gelernt hätten. Sie haben auch noch nicht begriffen das es ein der Art großen Flüchtlingsstrom nach Europa noch nie gab.
„Der Weg kann nur sein, die Fluchtursachen zu bekämpfen. Das wird Deutschland nicht allein schaffen.“
Geplant sind bis 2022 von der Bundesregierung 31 Milliarden Euro für Fluchtursachenbekämpfung. Damit sind sie ungefähr auf den Kurs der Busenregierung. Außerdem kann man ihre Aussage al Plädoyer für Europa einordnen.

01.06.2018 11:56 Möwe 13

@9 und 10
stellen Sie sich doch mal eine Frage: Was passiert, wenn sich 2015 noch ein zwei mal wiederholt? Sind sie wirklich der Ansicht, dass der Sozial- und der Rechtsstaat das noch schafft? Der Weg kann nur sein, die Fluchtursachen zu bekämpfen. Das wird Deutschland nicht allein schaffen.

31.05.2018 22:52 ich 12

Hallo Udo K 11
„Andererseits kann ich die Enttäuschung der Eingereisten verstehen, wurden sie doch mit falschen Versprechungen regelrecht nach Deutschland gelockt.“
Dann erzählen sie uns mal. Was glauben sie welche falschen Versprechen hat man denen denn gemacht? Mal sehen was sie sich da zusammen spinnen. Ich weiß die Feststellung das die ganzen südeuropäischen Länder mit den vielen Flüchtlingen total überfordert waren und den Flüchtlingen nicht helfen konnte halten sie ja für eine Lüge.
„Kann mal jemand erklären, weshalb den Flüchtlingen das nicht zugemutet werden kann?“
Also ich könnte es ihnen erklären. Ich denke das hat aber keinen Sinn. Sie würden das ja sowieso nicht verstehen. Wo es natürlich dann die Frage ist ob sie das nicht verstehen können oder nicht verstehen wollen. Sie sind jedenfalls ein Mensch der selbst die kleinste humanitäre Hilfe verweigert.

31.05.2018 17:08 Udo K 11


Es ist einfach unglaublich, man beschwert sich über verdreckte Räume.
Wer führt denn diesen Zustand herbei?
Nichts zu tun, Langeweile, aber selbst für Ordnung zu sorgen, ist nicht drin? Vielleicht noch zuschauen, wie gering bezahlte schon immer hier Lebende den Schmutz beseitigen?
Kann mal jemand erklären, weshalb den Flüchtlingen das nicht zugemutet werden kann?
Andererseits kann ich die Enttäuschung der Eingereisten verstehen, wurden sie doch mit falschen Versprechungen regelrecht nach Deutschland gelockt.
Oder weshalb durchquerten sie mehrere sichere Länder?

@ Ich 10
Ein kleines Stück humanitäre Hilfe?
Glauben Sie das echt?
Was hier seit einigen Jahren läuft, fällt ganz sicher nicht unter diesen Begriff.
Der Vergleich mit Internierungslagern ist abscheulich, wer so etwas äußert, hat einfach keine Ahnung, Hauptsache dagegen sein.

31.05.2018 13:57 Ich 10

Hallo Susan 9
Ich denk sie haben das sehr gut ausgedrückt. Ich jedenfalls habe den Eindruck das bei einigen Leuten irgendwie das Gedankengut von Hitler und Goebbels mitschwingt. Es geht nach dem Motto:Ist mir doch egal ob sie von Bomben und Granaten zerfetzt werden oder im Mittelmeer ersaufen oder sonst was. Hauptsache sie sind nicht bei uns. Und wenn sie schon bei uns sind dann zumindest zusammengepfercht in Zentren. Ob sie nun Ankerzentren oder gleich KZs heißen spielt keine Rolle. Auf den Gedanken das es sich hier um ein weltweites Problem geht, z.Z. etwa 80 Millionen Flüchtlinge, und wir ein kleines Stück humanitäre Hilfe leisten kommen die gar nicht.

31.05.2018 10:55 Susan 9

Manche Kommentare sind einfach nur noch pervers. Ja, warum dann nicht gleich alle vom Kapital nicht mehr verwertbaren und damit ökonomisch überflüssigen Menschen ganz entsorgen, nicht wahr? Dann aber doch konsequent, also nicht nur unliebsame Kriegs- und Elendsflüchtlinge. Als Humankapital sind ebenso wenig arme Alte und Kranke, Menschen mit Behinderungen, vielleicht noch Kinder mit krankheitsbedingten Defiziten nutzbar. Dann könnte die deutsche Bourgeoisie auf alle Sozialleistungen ganz verzichten - wer erwerbslos wird und kein (ererbtes) Vermögen besitzt, hat halt Pech gehabt. Dann überleben eben nur die Durchsetzungsfähgisten. Super tolle Welt, nicht wahr...

(Achtung, das ist Ironie und ist nicht meine Meinung, aber offensichtlich die so mancher Kommentatoren.)

31.05.2018 10:31 Heiko 8

@ 5 er hat doc h vollkommend recht warum ihre kritik dazu , andere deutsche müßen den ihren Dreck weg machen die Toiletten diese versauten putzen mit welchen Recht ?? dann soll doch das der MDR machen wenn er so etwas noch unterstützt die keine Ordnung halten weil sie es nicht gewöhnt sind von ihrer Heimat, hier wissen diese vor langer weile nicht was sie machen sollen.

31.05.2018 10:19 Möwe 7

Ankerzentrum, was für ein schöner Name für die politische Korrektheit . Nennt es doch Durchgangslager mit Internierungscharakter. Alles andere funktioniert auch nicht. Wenn die Bundesregierung und alle linksgrünen Überzeugungstäter so weiter machen, ziehen bald marodierende Migrantenbanden mit mafiöser Verknüpfung durchs Land oder man sperrt Sie in Lager. Migration ohne Bildungspflicht, Arbeit aber Lockleistungen in Form von Geld funktioniert nicht.

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