exakt | 08.08.2018 Können syrische Flüchtlinge zurück in die Heimat?

Deutsche Wirtschaftsberater knüpfen Kontakte nach Syrien, um beim Wiederaufbau des Landes zu helfen und Geflüchteten Rückkehrperspektiven zu bieten. Auch die Regierung spricht von Versöhnung mit den Vertriebenen. Ist die Heimkehr also sicher?

Antje Hermenau und Andreas Kirchhof sind in Damaskus unterwegs. Die Dresdnerin, die früher für die Grünen im Bundestag saß, ist nun Wirtschaftsberaterin und will in der syrischen Hauptstadt Kontakt mit der Assad-Regierung knüpfen. Kirchhof vermittelt seit 20 Jahren Geschäftskontakte für deutsche Unternehmen in Syrien. Beide wollen in Damaskus ein deutsches Wirtschafts-Büro eröffnen.

"Wir wissen, dass es bei uns mittelständische Unternehmen gibt, die daran interessiert sind, in Syrien etwas zu tun", sagt Kirchhof bei einem Treffen mit Assads Kabinet-Chef. Die Begegnung ist freundlich und birgt Hoffnung auf eine zukünftige Zusammenarbeit.

Die Folgen des Krieges

Dabei herrscht in Syrien seit sieben Jahren Krieg. Im März 2011 begannen im Süden des Landes Proteste gegen den Präsidenten, die sich zu einem landesweiten Konflikt ausweiteten und dessen Folgen bis heute verheerend sind: Laut den Vereinten Nationen sind 6,5 Millionen Syrer innerhalb des Landes auf der Flucht, mehr als sechs Millionen flohen ins Ausland, 500.000 wurden getötet.

Eine blonde Frau
Wirtschaftsberaterin Antje Hermenau. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Annäherung an ein Regime, das für Gewalt und Willkür in der Kritik steht? Die Ex-Grüne Hermenau  schüttelt den Kopf und bezeichnet die westliche Wertegemeinschaft als flatterhaft. Mit China und der Türkei würde man Geschäfte machen, in Syrien sei das ein Problem. "Das ist doch verrücktes Theater", meint Hermenau.

Andreas Kirchhof fährt weiter an die syrische Küste. Die Autobahn ist frisch asphaltiert. Doch links und rechts reihen sich kilometerlang Kriegsruinen aneinander, bis März verlief hier eine Front. Gekämpft wird jetzt nicht mehr, so wie in den meisten Gebieten, die wieder unter Regierungskontrolle sind. Vereinzelte Gefechte gab es im Juli noch im Südwesten des Landes.

Ein Mann mit Brille
Geschäftsmann Andreas Kirchhof. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der Küstenstadt Latakia besucht Andreas Kirchhof ein Hotel, für das er gerade ein deutsches Management vermittelt. Es soll den Standard auf 5-Sterne-Nivau anheben und europäische Urlauber anlocken. Außerdem könnte es auch geflüchteten Syrern, die noch in Deutschland leben eine Job-Perspektive in der Heimat bieten. Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sei nun mal der Tourismus, sagt Kirchhof, der von einer deutschen Hotelkette bezahlt wird.

Versöhnungsangebot durch die syrische Regierung

Auch die Regierung vermeldet Interesse an der Rückkehr der Geflohenen, allein 700.000 von ihnen leben in Deutschland. Sie würden in Syrien gebraucht, um das Land wiederaufzubauen, sagt Buthaina Shaaban. Seit zehn Jahren ist sie Beraterin von Präsident Assad.

Eine Frau an einem Schreibtisch
Assad-Beraterin Buthaina Shaaban. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Selbst den tausenden Syrern, die geflohen sind, weil sie von der Regierung Assad verfolgt wurden, bietet Buthaina Shaaban Versöhnung an. "Ja, Menschen sind aus Angst geflohen, sie müssen versöhnt werden", sagt sie. Doch nicht alle trauen dem Friedensangebot.

Der syrische Oppositionspolitiker Mohammad Haji Darwish lebt seit 2011 in Leipzig. Drei Jahre saß er in Syrien im Gefängnis, weil er einen friedlichen, demokratischen Wandel des Landes forderte. Er glaubt nicht, dass das syrische Regime wirklich einen nationalen Versöhnungsprozess anstrebt. "Es benutzt den Begriff ´Versöhnung´ während es viele Menschen tötet. Jeder Rückkehrer wird umgebracht, wenn er für das Regime gefährlich werden könnte", sagt Mohammad Haji Darwish.

Für ihn ist der Krieg noch nicht vorbei. Obwohl es aktuelle Bilder eines friedlichen Syriens aus Damaskus und der Küstenregion gibt. Die Oberschicht feiert an gut bestückten Festtafeln und tanzt zu libanesischer Pop-Musik. Für Darwish kein Beweis für dauerhaften Frieden, wurde doch im Regime-Gebiet nie bombardiert und nichts zerstört. "Dieses Gebiet ist unter Kontrolle der Sicherheitsbehörden, es ist wie ein totalitärer Staat. Alles läuft nach Anweisungen", sagt der 58-Jährige. "Man denkt, es ist ein normales Leben. Aber dieses Leben ist künstlich, es ist nicht echt."

Die Sicht auf Syrien bleibt gespalten. Während für Hermenau und Kirchhof vor Ort Aufbruchstimmung herrscht, will Darwish lieber in Deutschland bleiben. Er fühlt sich in Syrien keineswegs sicher.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 08. August 2018 | 20:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. August 2018, 17:49 Uhr

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