Rechtsextreme in Wurzen mit Schlagstöcken in der Hand
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

exakt | 24.01.2018 Warum eskaliert die Gewalt in Wurzen?

 Rechtsextreme in Wurzen mit Schlagstöcken in der Hand
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Spätestens seit 2015, mit dem Zuzug von Flüchtlingen, ist in Wurzen spürbar geworden, dass hier auch Neonazis aktiv sind", sagt Ingo Stange, der für das Netzwerk demokratische Kultur in Wurzen arbeitet. Seitdem kommt es immer wieder zu rassistischen Auseinandersetzungen. Bis die Situation Mitte Januar eskaliert ist.

Die Bilanz der Massenschlägerei am 12. Januar 2018: fünf Verletzte, zwei davon schwer. Die Ermittlungen dazu laufen noch, der genaue Ablauf ist immer noch unklar: Offenbar hat es einen Streit zwischen Ausländern und einer Gruppe vom Deutschen am Wurzener Bahnhof gegeben - es folgt eine Prügelei. Etwas später versuchen zwei betrunkene Deutsche eine Haus zu stürmen. Dabei werden sie durch Messerstiche schwer verletzt. Daraufhin stürmen 30 Deutsche das Haus, dringen in Wohnungen ein und verletzten Flüchtlinge.

Doch schon in den vergangenen zwei Jahren hat sich die Situation immer weiter hochgeschaukelt. "Leute werden geschlagen, abgepasst und rassistisch beleidigt", sagt Stange. Fast wöchentlich komme es zu Vorfällen.

August 2016

"An diesem Abend muss es so gewesen sein", berichtet Stange, "dass zwei arabische Familien aus dem Park gekommen sind". Als zwei davon noch in die Stadt abbiegen, werden sie an einer Pizzeria rassistisch attackiert. Daraufhin kommen weitere Deutsche und auch Araber hinzu - es gibt eine Schlägerei. Drei Menschen werden leicht verletzt.

Januar und Dezember 2017

Ein Mann mit rotem Basecap neben zwei Afrikanern
Ingo Stange vom Netzwerk für demokratische Kultur (links) lässt sich von Robel T. (rechts) und seinem Mitbewohner erzählen, was bei dem Angriff auf die Wohnung passiert ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Robel T. aus Eritrea und seine drei Mitbewohner werden in der Nacht zum 15. Januar im Schlaf angegriffen. Unbekannte werfen ein Verkehrsschild und Böller in die Erdgeschosswohnung. Vor einem Monat übernachtete Robel bei einem Freund und wurde wieder das Ziel eines Anschlags. Pflastersteine flogen durch das Fenster. Robel wurde getroffen und am Bein verletzt.

Juni 2017

"Eritreer sind laut mit Musik durch Stadt gelaufen und wollten zu einem Kumpel", sagt Stange. Dann seien diese durch eine Gruppe mutmaßlich Rechter darauf hingewiesen worden, dass die Straße nicht ihnen gehöre. "Die Eritreer haben versucht sich zu wehren. Am Anfang verbal, dann kam es wie es kommen musste", sagt der Mann vom Netzwerk demokratische Kultur. Es gab erneut eine Auseinandersetzung mit Verletzten. "Das haben dann eine Woche später die örtlichen Nazis zum Anlass genommen dort für eine pogromartige Stimmung zu sorgen."

Auch im Alltag ist es in Wurzen nicht leicht für Menschen mit anderer Hautfarbe. Vor allem am Bahnhof werden sie immer wieder angepöbelt. Robel hat es erlebt, wenn er nachmittags von seinem Praktikum zurückkam. "Ich gucke nicht, weil ich möchte nur nach Hause gehen. Sie rufen mir dann hinterher", sagt er. Es sind Rufe wie: "He, du Affe, du schwarz oder geh nach deine Heimat, du Ausländer."

Januar 2018

 Rechtsextreme in Wurzen mit Schlagstöcken in der Hand
Eine Gruppe von Nationalisten am Rande der Antifa-Aktion in Wurzen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Sonnabend riefen antifaschistische Gruppen zu einer Mahnwache am Bahnhof in Wurzen auf. Am Rand der Aktion versammelt sich eine Gruppe autonomer Nationalisten zu einer Spontan-Kundgebung. Mit dabei Cedric S. Er ist lange als Kader der NPD-Jugendorganisation "JN" aktiv gewesen. Er gilt als gewalttätig - so wurde er im Januar 2016 beim rechtsextremen Überfall auf den linken Stadtteil Leipzig-Connewitz gefasst. Nach exakt-Recherchen gehört er zu denen, die häufig am Bahnhof Ausländer anpöbeln.

"Wir haben es hier eigentlich mit einer radikalen Vernetzung von verschiedenen Strukturformen der extremen Rechten zu tun", sagt Kerstin Köditz. Die Linken-Landtagsabgeordnete beobachtet seit Jahren die rechtsextreme Szene in der Region. Es seien Leute aus der Hooliganszene, organisierte Neonazis oder aus der NPD und JN. Die Strukturen gingen bis in den Kampfsport-, Fußball und sogar bis in den Rocker Bereich hinein.

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 24.01.2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Januar 2018, 18:48 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

4 Kommentare

31.01.2018 10:20 Matze 4

@Irmela Mensah-Schramm:
Da hast du ja der Nazi-Szene einen richtigen Schlag versetzt. Toll gemacht.

30.01.2018 07:07 Irmela Mensah-Schramm 3

Zu meiner im 2. Kommentar angekündigten Aktiobn in Sachsen - auch zur Kenntnisnahme der dies lesenden Nazis:
Ich war am 27.1. und 29.1. in Sachsen und habe wie angekündigt ein wenig "aurgeräumt" in Wurzen, Leipzig, Eilenburg, Leisnig, und Grimma!
Überall kamen meine div. Utensilien zum Einsatz!
So frage ich mich, wie es dazu kommen kann, dass direkt am Bahnsteig in Grimma ein ca. 35 großes Hakenkreuz - gut sichtbar - geduldet wurde?
Ich habe dies gegen ein großes rotes Herz umgewandelt! Ob dies dann auch geduldet wird?
Was Wurzen betrifft, war dort nicht mehr Nazipropaganda zu finden als anderswo. Immerhin.

Gegen all diese Naziaktivitäten kann mit Sicherheit mehr getan werden, als die ständigen Rechtfertigungs - und Relativierungsversuche, sowie das "Hilfe-Hilfe-Geschrei" als geste der Hilflosigkeit!

25.01.2018 16:22 Irmela Mensah-Schramm 2

Ob nun in Wurzen, oder in Bautzen, oder Pirna, Mittweida: überall konnte ich außer einem evtl. "Hilfe-Hilfe" -Geschrei herzlich wenig vernehmen.
(Natürlich nicht nur dort!)
Aber konkrete Projekte gegen jene häßlichen Zustände kommen offensichtlich nie zustande.............
Übrigens fahre ich demnächst gut mit enrtsprechendem Material nach Sachsen.
Ein "Beginn des Aufräumens"!

25.01.2018 11:19 Geflüchteter 1

Wurzen war, ist und bleibt eine "hässliche" unattraktive Stadt. Ich bin froh, dass ich vor vielen Jahren auf das Land gezogen bin. Mich widert es schon immer an, wenn mich familiäre Angelegenheiten in diese Stadt führen.

Weitere Beiträge