Exponate in einer Ausstellung
Illegal ausgegrabene antike Fundstücke finden immer wieder den Weg nach Europa. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fakt | 20.02.2018 Syrische Raubkunst in Deutschland

In Syrien und dem Irak werden archäologische Fundstätten geplündert, teilweise mitten im IS-Gebiet. Die Raubgrabungen werden anschließend für viel Geld im Ausland verkauft. Ein Problem bei der Verfolgung für die deutschen Behörden: das Kulturgutschutzgesetz.

Exponate in einer Ausstellung
Illegal ausgegrabene antike Fundstücke finden immer wieder den Weg nach Europa. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Menschen die sich in Idlib – eine Region in Südsyrien – durchs Erdreich wühlen, haben nichts mehr zu verlieren. Sie hoffen, mit dem Verkauf von archäologischen Funden ihre Familien ernähren zu können. "In unserer Region gibt es keine Arbeit mehr. Überall sind Checkpoints vom Regime oder den Rebellen", sagt einer der Arbeiter. Sie könnten nichts machen und graben, um irgendwo etwas zu finden. "Wir wollen unsere Kinder ernähren, mehr wollen wir nicht."

Die Männer möchten nicht erkannt werden. Denn Raubgrabungen sind in Syrien streng verboten. Alle würden in diesem Dorf graben, berichten sie. "Manche Leute haben Statuen und Gold gefunden". Das Gebiet ist eine archäologische Fundstätte. Das Gelände gleicht inzwischen einer Kraterlandschaft.

Wertvolle Gegenstände werden über Facebook angeboten

Raubkunst aus Syrien
Raubgrabungen sind in Syrien streng verboten, deshalb wollen die Männer nicht erkannt werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Syrischen Journalisten, mit denen FAKT zusammenarbeitet, gelingt es, einen Händler zu treffen. "Ich kaufe alles, was die Leute finden. Sie finden verschiedene Sachen aus verschiedenen Zeiten, etwa römische, byzantinische oder osmanische Stücke", sagt dieser. Für alles gebe es Kunden. Manche Sachen würden in den Libanon geschickt oder in die Türkei.

Über diesen Weg sollen auch die Funde nach Deutschland gekommen sein. Auf Facebook werden die wertvollen Gegenstände angeboten. FAKT-Reporter kontaktieren die Anbieter und treffen in Dresden einen Syrer, der antike Fundstücke aus Syrien und dem Irak verkaufen will. "Es ist nicht leicht, die Antiken zu schmuggeln", sagt der Händler. Die Objekte würden erst in die Türkei, dann nach Griechenland, Mazedonien, Österreich und dann nach Deutschland gebracht. Dabei habe er die Gegenstände bei seinen Kindern in der Kleidung versteckt.

Die Funde sollen aus IS-Gebiet stammen

Die Funde stammen angeblich aus Gebieten, die der so genannten Islamischen Staat kontrolliert hatte. Der IS handele im großen Stil mit archäologischem Raubgut, erzählt der Syrer. Das Landeskriminalamt Hessen bestätigt diese Behauptung. "Die Wahrscheinlichkeit dahingehend ist sehr hoch, weil in den jeweiligen Ländern in Regionen geplündert wird, wo zum Beispiel der IS aktiv ist", sagt Kriminalhauptkommissar Eckhard Laufer. Er ist einer der führenden Kriminologen in Sachen Kulturgüterraub. Allerdings sei es eher unwahrscheinlich, dass IS-Terroristen direkt in Deutschland verkauften. Für diese sei es "viel einfacher dort plündern zu lassen oder selbst zu plündern, dort zu verkaufen und dann möglichst viel Geld herauszuziehen".

Das geschieht nicht nur mit originalen Funden aus antiken Zeiten. Die FAKT-Redaktion hat sich durch insgesamt drei voneinander unabhängigen Wissenschaftlern und Experten auf diesem Gebiet die Echtheit der angebotenen Sachen bestätigen lassen.

Ein Problem: Das Kulturgutschutzgesetz

Doch warum können Gegenstände aus Raubgrabungen einfach in Deutschland angeboten werden? Ein Problem ist das 2016 novellierte Kulturgutschutzgesetz. Danach dürfen Antiken, die vor 2007 legal nach Deutschland eingeführt wurden, weiter gehandelt werden.

Der Archäologe Michael Müller-Karpe beschäftigt sich seit Jahren mit dem Schmuggel und Handel von sogenannten Blutantiken. Für den Wissenschaftler ist diese Regelung eine Farce: "Denn alles was der Händler machen muss - er muss ein Schriftstück verfassen, in krakeliger Handschrift, aus dem hervorgeht, dass das betreffende Objekt bereits seit den sechziger Jahren in Deutschland gewesen ist. Unterschrieben von jemanden, der natürlich schon tot ist und nicht mehr gefragt werden kann." Damit sei dem Handel mit geplündertem Kulturgut Tür und Tor geöffnet. "Und das ist natürlich der finanzielle Anreiz,dass dieser Wahnsinn weitergeht und Deutschland beteiligt sich daran, aktiv."

Mehr zu diesem Thema bei FAKT in Das Erste: Fernsehen | 20.02.2018 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Februar 2018, 22:52 Uhr

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