exakt | 06.06.2018 Der Freistaat gegen Crystal – funktioniert der 10-Punkte-Plan?

Mit einem 10-Punkte-Plan wollte die sächsische Landesregierung zu einem großen Schlag gegen Crystal ausholen. Das war vor vier Jahren. Mittlerweile ist es immer noch kein Problem, selbst im kleinsten Ort der Provinz unbehelligt Crystal zu kaufen und zu konsumieren.

Crystal Meth 8 min
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Freitag 15 Uhr in einer sächsischen Kleinstadt, die erste Line Crystal - ein normaler Start ins Wochenende für Alexa und ihre Freunde. Alexa und ihr Freund Florian sind 18, die Freundinnen noch minderjährig. Alexa nimmt mit 14 das erste Mal Crystal.

Sie konsumieren regelmäßig - wie Tausende in Sachsen. Statistisch erfasst sind aber nur diejenigen, die in Suchteinrichtungen betreut werden. Von 2010 bis 2014 stieg diese Zahl um über 100 Prozent. Seitdem sind es jährlich fast 5.000 betreute Konsumenten. Im letzten Jahr sankt die Zahl erstmals leicht. Die Dunkelziffer wird um 50 bis 80 Prozent höher geschätzt.

Deshalb sagt die sächsische Regierung Crystal 2014 den Kampf an und verabschiedet einen 10-Punkte-Plan für den Freistaat. Vor allem Prävention, Beratung und Behandlung und Repression, also die polizeiliche Kontroll- und Strafverfolgung, sollen verbessert werden. Was hat sich seither getan?

Prävention an Schulen

Laut Plan soll an Schulen mehr aufgeklärt werden. Alexa und ihre Freunde schwänzten oft den Unterricht, haben von Prävention nicht viel mitbekommen. Im Fach Ethik haben sie lediglich eine Stunde über Drogen gesprochen. In ihrem Landkreis gibt es  Beratungsstellen, die auch Prävention an Schulen anbieten. Gerade dafür hatte man sich hier mehr Mitarbeiter erhofft.

Martin Creutz ist Sozialpädagoge und wünscht sich mehr Personal in seiner Beratungsstelle, auch ein eigenes Unterrichtsfach „Lebenskompetenz“ könnte er sich vorstellen. Mit dem Wunsch nach mehr Kollegen ist er nicht allein: In fünf Landkreisen in Sachsen fehlt noch Personal in der Suchthilfe - trotz des landesweiten Aktionsplanes gegen Crystal.

Crystal-Hochburg Chemnitz

Und wie sieht es in der Stadt aus? Chemnitz zählt zu den Crystal-Hochburgen. Hier wurden europaweit die meisten Rückstände der Droge im Abwasser nachgewiesen. Dort treffen wir Ben. Das erste Mal konsumiert der heute 28-jährige Crystal mit sechzehn. 5 bis 10 Euro gibt Ben am Tag für die Droge aus. Wovon der arbeitslose Koch lebt, verschweigt er. Vom Amt bekomme er kein Geld, sagt er uns. Regelmäßig geht er zu Streetworkern des AJZ in Chemnitz.

Dort gibt's Kaffee und Gleichgesinnte - und Versuche, ihn zum Aufhören zu bewegen. Hat sich in der Beratungsarbeit in den vergangenen vier Jahren etwas geändert? In den Chemnitzer Drogenanlaufstellen wurden neue Projekte finanziert, erzählen uns die Streetworkerinnen des AJZ. Allerdings fehle es an der Nachhaltigkeit der Projekte.

Kontrolle und Strafverfolgung

Und wie sieht es mit der polizeilichen Kontrolle und Strafverfolgung aus? Ben kennt die Chemnitzer Drogenszene seit über zehn Jahren und zeigt uns das Brennpunktviertel Sonnenberg. Hier gebe es überall Crystal, man müsse nur die richtigen Leute kennen und die werden von der Polizei nicht behelligt, sagt Ben.

Immerhin wurde ein “Analyseteam Crystal” beim Landeskriminalamt eingerichtet - mit drei Mitarbeitern für ganz Sachsen. Die Zahl der eingeleiteten Ermittlungsverfahren sank von fast 5.000 auf etwas über 3.600. Ein Grund dafür könnte der 10-Punkte-Plan sein, sagte man uns beim Landeskriminalamt. Die Opposition sieht das anders.

Volkmar Zschocke, Landtagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen wirft der CDU-Regierung Personalabbau im Bereich Drogenkriminalität vor. Und doch wurden rund 29 Millionen Euro im Rahmen des 10-Punkte-Plans ausgegeben. Bündnis 90/Die Grünen ziehen eine Zwischenbilanz.

Der 10-Punkte-Plan hat in einigen Bereichen Wirkung gezeigt, aber insgesamt muss man konstatieren, dass die Zahl der Crystalabhängigen auf hohem Niveau stagniert.

Volkmar Zschoke, MdL (Bündnis 90/Die Grünen)

Die zuständige Sozialministerin sieht mehr Erfolge.

Wir sind dort auf einem guten Weg. Aber man muss bei dem Thema immer wieder unterstreichen, es ist ein Maßnahmeplan, der nicht heute und morgen endet.

Barbara Klepsch, Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz (CDU)

Zurück bei Alexa und ihren Freunden in einer sächsischen Kleinstadt. Hier Crystal zu kaufen ist kein Problem. Ein Anruf genügt – der Dealer kommt vorbei. Daran hat sich in den vergangenen vier Jahren nichts geändert. Alexa hat keinen Schulabschluss, keine Lehre - aber sie ist schon Mutter. Ihr Sohn könnte ein Grund sein, mit Crystal Schluss zu machen, sagt sie uns. Oder ein Job. Die junge Frau erzählt, sie träume von einem Job als Verkäuferin. Doch sie käme leider selten dazu, sich zu bewerben.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 06. Juni 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Juni 2018, 20:07 Uhr

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2 Kommentare

07.06.2018 16:30 Werner 2

"...man müsse nur die richtigen Leute kennen... werden von der Polizei nicht behelligt, sagt Ben." Wer sind die "richtigen Leute"? Warum werden sie von der Polizei nicht behelligt? Was ist der Grund? Wirtschaftlich oder politisch? Möchte man bestimmten Leuten, aus der linken oder rechten Szene, bei "nächster Gelegenheit" nicht unbedingt wieder begegnen? Haben Mafia-Clans aus allen möglichen Ländern ihre Strukturen aufgebaut? Ne Art "Außenstellen" von Erfurt? So einfach würde ich mich nicht mit der genannten Tatsache?, die angeblich so sein soll... von "Ben" abspeisen lassen. Dabei hat die massiv abgebaute Polizei nur bestimmte Kapazitäten. Wenn sie in "Problem-Ecken", mit z.T. mehreren Einsatzfahrzeugen, ständig präsent sein müssen, sind sie dafür nun mal gebunden, und können keine Drogen-Kontrollen durchführen. Aktuell ist ja im "Brennpunkt Plauen-Center" bissel was los. Mit ständiger Besetzung von 3 Polezeier-Autos, und sogar Verbot von Radler-Bier. Das ist keine Vermutung...

07.06.2018 11:23 HERBERT WALLASCH, Pirna 1

Alles nur wieder bundesdeutscher Zweckoptemismus, moralische Schaumschlägerei, soll immer nur im Großen und Ganzem betrachtet werden, die einfachsten Schritte will man aus angeblich moralischen Gründen nicht leisten. Konkrete Verpflichtungserklärungen mit dem Sanktionsandrohungen, natürlich auch deren promte Ausführung, in Schulen, Arbeitseitsplätzen u.a. Aber man will ja nicht, sind ja alle nur Kranke und jedes Jahr kommen neue Psychologen dazu, die ein lohnendes Betätigungsfeld brauchen. Die Sucht kommt von süchtig, kein " Stino " (Stinknormal) sein zu wollen, anders sein zu wollen, sein egomanes Verhalten ausleben zu wollen und, und ... Die Gefahr wird bewußt klein gehalten, denn ein Süchtiger ist im Rausch auch nicht mit traditionellen Polizeimitteln aufzuhalten. Eine einzige Partei hatte im Wahlkampf plakatiert " Weg mi dem Crystal-Dreck ". Konkrete Aushänge, Schockfilme u.a. als Pflichtstunden wären ein logischer Anfang, nicht in Watte packen, nur harter Druck würde helfen.