exakt | 14.11.2018 Ungeklärte Todesfälle im DDR-"Kindergefängnis"

In das Durchgangsheim in Bad Freienwalde (Brandenburg) wurden zu DDR-Zeiten verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche gebracht, die als schwer erziehbar galten. Hier sollten sie maximal 18 Tage bleiben, bevor sie auf andere Heime verteilt wurden. Ehemalige Insassen kämpfen bis heute um die Aufklärung der Zustände und die Anerkennung für das Unrecht, das ihnen in diesem Kinderheim angetan wurde.

Gefängnisalltag für Kinder und Jugendliche

ehemalige Heimkinder
Roland Herrmann und André Pahl Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Roland Herrmann musste sechs Monate dort leben. Er war mit seinem Stiefvater, einem SED-Funktionär, nicht zurechtgekommen und schwänzte die Schule. André Pahl war immer von daheim abgehauen, wollte zu seiner Oma. So kamen sie als Jugendliche ins Heim. Über 1.000 Kinder und Jugendliche waren in Bad Freienwalde zwischen 1968 und 1987 eingesperrt. André Pahl war neun Monate im Durchgangsheim, er nennt es „Kindergefängnis“. Die ersten drei Tage in der Einrichtung verbrachte man in Einzelhaft, danach begann die Schule und Zwangsarbeit, erzählt André Pahl.

Haben wir gequatscht in der Zelle, dann ging es rauf auf den Gefängnishof. In der Nacht, im Schlafanzug bei minus zehn Grad. Das werde ich auch nie vergessen. Auf dem Glatteis, Entengang und Liegestütze bis zum Abwinken, bis wir dann fast umgefallen sind.

André Pahl

In dem ehemaligen Kinderheim befindet sich heute eine Polizeiwache. Ein Mahnmal davor erinnert an das „Kindergefängnis“. Und seit kurzem sind die ehemaligen Insassen als Opfer des DDR-Unrechts anerkannt und können eine Rente beantragen. André Pahl und Roland Herrmann haben mit anderen Betroffenen einen Verein gegründet. In seinem Haus sammelt Roland Herrmann Gegenstände aus dem Heim, die später in einem Museum an die Zeit erinnern sollen.

Ungeklärte Todesumstände

Vor dem Haus lehnt ein Grabstein. Auch der soll Bestandteil des Museums werden und an den Heiminsassen Egon Hönicke erinnern. Er kam in dem Heim unter rätselhaften Umständen zu Tode. Sein Bruder Friedhelm besucht regelmäßig das Grab. Was genau damals geschah, wurde der Familie verschwiegen. Egon Hönicke war 15, als er ins Heim kam. Der Grund: kleinere Diebstähle. Nach nur zwei Tagen im Heim stirbt er. Der Familie wird mitgeteilt, der Junge habe sich aufgehängt. Die Beerdigungskosten wurden vom Staat übernommen. Die Familie muss Stillschweigen bewahren.

Friedhelm Hönicke hat sich jahrelang bemüht, die Wahrheit über den Tod seines Bruders herauszufinden. Mehrfach hat er beim zuständigen Kreisarchiv Akteneinsicht beantragt. Die bekam er bis heute nicht. MDR-„exakt“ konnte die Akte anschauen. Detailliert wird darin beschrieben, warum Egon Hönicke ins Heim eingewiesen wurde. Details über die Umstände seines Todes finden sich allerdings darin nicht. Insgesamt soll es mindestens drei ungeklärte Todesfälle im Durchgangsheim Bad Freienwalde gegeben haben. Der von Egon Hönicke wird nun von der Staatsanwaltschaft Frankfurt/Oder ermittelt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 14. November 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. November 2018, 19:10 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

8 Kommentare

16.11.2018 21:38 Geschwätz entlarven an Grosse #7 8

Falsch. In der BRD wurden diese Fälle ursprünglich auch verschwiegen und vertuscht. Da war dieser Staat KEINEN DEUT besser. Erst viele Jahrzehnte später wurden sie benannt. Wann und wo sind denn z.B. die Täter von Glückstadt für ihre KZ-Methoden angeklagt und vor Gericht gestellt worden? Es gab dort immerhin 5 Todesopfer, davon 3 Suizide. Verwechseln Sie das Anbringen einer Gedenktafel mit einen Gerichtsprozeß? Tatsächlich ist Ihr selbstgerechtes Suhlen in angeblicher moralischer Überlegenheit hier völlig fehl am Platz.

16.11.2018 15:19 Andreas Grosse 7

Zum Kommentar Nr. 5: Ja, Verbrechen geschahen im Osten und im Westen. Bekannt und benannt wurden und werden sie aber nur in einem demokratischen Rechtsstaat. Hier können die Täter, egal, wo sie dies getan haben, angeklagt und vor Gericht gestellt werden. In der DDR wurden diese Fälle staatlicherseits verschwiegen und vertuscht. DAS ist der Unterschied.

16.11.2018 14:51 Klaus Pfister 6

Keine Angst diejehnigen die diese s.g. Totesfaelle verursacht und Kinder missbraucht haben werden eines Tages von GOTT zur Rechenschaft gezogen werden!

16.11.2018 14:35 Atheist aus Mangel an Beweisen 5

Obwohl es im Westen vergleichbare Fälle gab muss die Siegergeschichten aufrecht erhalten werden.
Aber wundern wenn sich die Ossis von diesem System nicht vertreten sehen.
Alles nicht so schlimm wenn Kinder sexuelle Gewalt durch die Kirche ausgesetzt waren und sind, Hauptsache so was passiert in einer Demokratie.

16.11.2018 13:15 Nichts dazugelernt 4

Heutzutage steckt man Kinder und Jugendliche schon wegen Schulschwänzen ins Gefängnis. Eine 15-Jährige hat sich deswegen vor einer Woche in Halle das Leben genommen (der MDR berichtete).

16.11.2018 13:01 Lauck 3

Solche Vorfälle und diesbezügliche Arbeitsmethoden gab es auch im Westen. Etwa ab 1975 wurden zahlreiche "Fürsorgeheime" geschlossen. Ein besonders schwerer Fall war Glückstadt. Dort kam es Mai 1969 zu einem Aufstand, der möglicherweise von Soldaten der Marineschule Flensburg-Mürwik niedergeschlagen wurde. Das genannte Heim musste etwa ein-zwei Jahre später schließen. In den meisten Fällen waren Angehörige von SA und SS tätig. Erst Ende der Sechzigerjahre hörte das auf. Auch hier kämpfen die Insassen um Anerkennung und Wiedergutmachung

16.11.2018 12:22 manuela walloschek 2

es gibt auch noch viele weitere durchgangsheime die genauso aggiert haben auch da sollte man nach schauen

15.11.2018 08:25 Gisela Krauser 1

"Der von Egon Hönicke wird nun von der Staatsanwaltschaft Frankfurt/Oder ermittelt. " - Wenigstens das gibt Trost, (liegt mir sehr am Herzen für den Bruder des Betroffenen).