exakt | 25.07.2018 Dubiose Geschäfte: Geld aus der Jugendhilfe veruntreut?

Petra Giese ist Erzieherin und sitzt auf einem Berg Schulden. Bis 2016 betrieb sie mit ihrem früheren Mann mehrere Wohngruppen für missbrauchte und seelisch kranke Kinder. Ihr Ex Alois B. soll Gelder veruntreut haben, die für die Betreuung der Kinder bestimmt waren. Dazu gibt es zahlreiche offene Rechnungen von Krankenkassen, Finanzämtern und Vermietern von Büros, Wohnstätten, Gaststätten und Hotels.

Alois B. war bereits im Gefängnis. Es soll auch damals um Betrug in der Immobilienbranche gegangen sein. Nach der Haft gründete B. eine Vielzahl von Firmen oder war an ihnen beteiligt. Gelder der Jugendhilfe soll er benutzt haben, um seine Gastrobetriebe zu finanzieren. Unter seiner Leitung gab es Wohngruppen für Kinder und Jugendliche in sechs Bundesländern, sowie Gaststätten und Hotels an neun Orten, überwiegend in Ostdeutschland.

Drei Monate keinen Lohn für Erzieherinnen

Eine dieser Wohngruppen wurde im sächsischen Leisnig betrieben. Die Jugendämter sollen dafür mehrere 10.000 Euro pro Monat gezahlt haben. Doch offenbar ist davon kaum etwas bei den Kindern angekommen. Eine der Erzieherinnen war Jeannette Krebs. Sie beschreibt, wie man mit nur sehr wenig Geld im Monat die Kinder versorgen musste: „Dann gibt es Wurst auf Zuteilung, das ist eine halbe Scheibe Wurst gewesen, eine halbe Scheibe Käse, es gab eben nur eine bestimmte Anzahl an Kartoffeln, die gekocht wurden. Wenn alle ist, ist alle, egal ob jemand satt geworden ist oder nicht.“

Mehrfach wenden sich die Erzieherinnen an die Behörden. Aber lange schreitet niemand ein. Nach einem Jahr wurde die Einrichtung geschlossen. Zuvor bekamen die Erzieherinnen drei Monate lang keinen Lohn.

Geld kommt nicht bei den Betroffenen an

Alois B. mit kleinem Mädchen.
Von dem Geld, dass die Jugendämter für die Wohngruppen zahlten, ist offenbar wenig bei den Kindern angekommen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Insgesamt übergeben 12 verschiedene Jugendämter psychisch belastete Kinder und Jugendliche an den vorbestraften Geschäftsmann. Der kassiert dafür hunderttausende Euro und das Geld kommt bei den Betroffenen und den Angestellten nicht an.

Der Sozialpädagoge Ronald Schwarz hat einen dieser Fälle miterlebt. Das Jugendamt im bayrischen Traunstein hatte einen psychisch schwer geschädigten Jugendlichen in die Obhut von Alois B. übergeben. Schwarz kritisiert, „dass sie nicht überprüft haben, von vornherein, ist der B. überhaupt dazu geeignet? Liegt überhaupt eine Betriebserlaubnis vor? Das Jugendamt, die Mitarbeiter, sind auch gesetzlich dazu verpflichtet, die Sache zu überprüfen.“

Auf Nachfrage teilt das Jugendamt in Traunstein „exakt“ dazu mit, dass tatsächlich keine Betriebserlaubnis vorlag. Man hätte keine Unterbringung in einer Einrichtung mit festem Standort und Betriebserlaubnis ermöglichen können. Der der Jugendliche aus Traunstein blieb trotz früher Hinweise auf Missstände, noch Monate lang in B.s zweifelhafter Obhut.

Der Jugendamtsdirektor von Tempelhof-Schöneberg in Berlin, Rainer Schwarz, hatte zwar keine Verträge mit Alois B., kennt jedoch die strukturellen Schwächen des Systems „Jugendhilfe“.

Wir haben eine sehr hohe Fallbelastung in den Diensten, die sich mit der Planung, Steuerung, Überwachung der Hilfen beschäftigen, die also die Rückfragen stellen müssten zu den Trägern. Das können wir nur bedingt tun, weil wir einfach nicht genug Menschen in den Diensten haben. Die sind zum Teil nur zu 50 Prozent besetzt.

Rainer Schwarz, Jugendamtsdirektor in Berlin

In Frankfurt an der Oder haben durch Alois B. Geschädigte ein Netzwerk gegründet. Sie sammeln Unterlagen über ihren ehemaligen Chef. Fast 1.000 Seiten Dokumente mit Mahnbescheiden, offenen Rechnungen und Strafanträgen liegen vor.

Was sagt der Geschäftsmann Alois B. zu den Vorwürfen? „exakt“ versucht, den 65-Jährigen in Mecklenburg ausfindig zu machen. Am Kölpinsee will er ein Hotel betreiben. Doch hier ist er nicht mehr anzutreffen. Auch im uckermärkischen Strasburg, an seinem letzten bekannten Wohnort, ist er verschwunden. „exakt“ erreicht ihn telefonisch. Zu einem Interview ist er nicht bereit, doch er antwortet per Email. Zu den Vorwürfen, er hätte seine Mitarbeiter nicht bezahlt, schreibt er: „Hier merke ich ausdrücklich an, dass kein einziger Arbeitnehmer zu Schaden gekommen ist.“ und „Ich weiß, dass das Ganze eine Hetzkampagne einer kranken Alkoholikerin ist.“

Gegen Alois B. ermitteln derzeit fünf Staatsanwaltschaften. Am Amtsgericht Tiergarten in Berlin wurde eine erste Anklage wegen Betruges und Wirtschaftsdelikten erhoben.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 25. Juli 2018 | 20:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2018, 21:02 Uhr

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9 Kommentare

27.07.2018 10:10 Susanne Stoll 9

Wir sind selber seit über 15 Jahren im Jugendhilfesystem unterwegs u es ist eine Schande, wie unsere Steuergelder für unnötige Träger rausgeschmissen wird , die einen Tagessatz kassieren u in unserem Fall, wenn überhaupt 5 x im Jahr erscheinen, egal ob ein Kind oder 4 Kinder untergebracht sind. Wie kann das sein, wo doch die Träger pro Kind bezahlt werden!?3Wie kann es sein, dass die Träger mehr Geld für schwache Leistung bekommen, wie die Menschen, die ihr ganzes Leben zur Verfügung stellen? Auch wir hatten schon 2 Träger die Gelder , die sie direkt u unmittelbar an die Familien hätten weiterleiten müssen,nachweislich veruntreut haben. Der eine Träger wurde geschlossen, beim anderen Träger wurde uns vom Leiter der Wiju mitgeteilt, dass wir doch das Klagen sein lassen sollen! Das Wächteramt liegt sowieso immer beim Jugendamt! Beratung u Supervision kann man auch bei Bedarf einkaufen u dann wird auch nur erbrachte Leistung bezahlt u dieses unnötige Trägertum hätte endlich ein Ende!

27.07.2018 08:39 Ekkehard Kohfeld 8

Ja so sieht das leider in vielen Bereichen in Deutschland aus der öffentliche Dienst ist tot gespart keinerlei Personal um überhaupt etwas unternehmen zu können und auch Ignoranz gegenüber dem kleinen Mann und der Rechtsstaat ist so etwas von ausgehöhlt und Handlungsunfähig und teil weise auch gar keine Interesse.Habe auch mal zu einer Anzeige wegen Körperverletzung etwas zurück bekommen "Verfahren Eingestellt,es besteht kein öffentliches Interesse".Da fühlt man sich doch gleich super beschützt von unserem Rechtsstaat .

26.07.2018 13:05 Ronald Schwarz 7

Als ich in den TV-Beiträgen die Stellungnahmen des JA Traunstein gesehen habe, war ich fassungslos. Die lapidaren Stellungnahmen - und jetzt versuchen sich aus der Affäre zu ziehen, ist echt unglaublich!!! Ich habe im Beisein meiner Kollegin Unterlagen per E-Mail an die zuständige JA-Mitarbeiterin geschickt, u.a. ein Schreiben der umgehenden Inobhutnahme wegen Kindeswohlgefährdung (§ 8a SGB VIII), den von mir ORIGINAL ausgef. Entwicklungsbericht, von dem Jugendlichen unterzeichnete Tagesberichte und seinen persönlichen Hilferuf-Brief! Dazu noch 3 Tage hinter einander mit der Mitarbeiterin, sogar mit dem Teamleiter gesprochen, wo ich sämtliche Umstände detailliert erklärte. Diese wurden auch durch meine Kollegin bestätigt! Jugendamt nahm es zur Kenntnis, versandt an Alois B. NUR ein Schreiben zur Stellungnahme. B. machte mich (wie auch viele andere) gegenüber des JA schlecht! Resultat: Jugendamt glaubte mir nicht und beließ den Klienten weiterhin in den Fängen dieses kriminellen Hr. B.!

26.07.2018 11:50 Ronald Schwarz 6

Ich habe (nur) 2 Monate kein Gehalt bekommen, trotz massiver Überstunden (März & April 2017 = 186 Std.). Ich habe beim Arbeitsgericht Berlin Klage erhoben und einen Titel über 12.857,02 Brutto (Nettogehalt 8.594,80) erwirkt. Ich habe jedoch Insolvenzgeld i.H.v. meinem Nettogehalt über die Agentur für Arbeit erhalten.
Alois B. kam erst gar nicht zum Termin, - so wie bei sehr vielen anderen geschädigten Mitarbeitern nicht. Da findet man einfach keine Worte mehr, wie abgebrüht doch Hr. Alois B. ist!
"Es ist kein Mitarbeiter zu Schaden gekommen …"? Doch Hr. B! Es wurden die betroffenen Mitarbeiter(innen) nicht nur in finanzieller Hinsicht geschädigt, sondern auch in psychosozialer Ebene. Einige hätten fast ihre Wohnung verloren, Stromsperren stand bevor, offene Rechnungen - bis hin zum leeren Kühlschrank. Auf mehrmaligen Verlangen gab es kaum- bis keine Gehaltsabrechnungen, es wurde nicht einmal eine Arbeitsbescheinigung ausgefertigt, damit diejenigen wenigstens ALG I / II erhalten!

26.07.2018 11:50 Na so was 5

Wenn dieser "Geschäftsmann" nicht zur Rechenschaft gezogen wird, nicht verurteilt wird, den Geschädigten nicht ihr Gehalt nachzahlen muß, usw., dürfte wohl allen klar, dass er nur ein ganz kleines Rad ist, dass sich hier gedreht hat. Es wird wie immer sein, die Kleinen verurteilt man (hoffentlich), die Großen läßt man laufen (hoffentlich nicht). Man sehen, ob sich von den "Oberen" mal jemand genötigt fühlt, sich zu äußern. Als Begründung fürs Nichtäußern zählt Urlaub nicht, kürzlich wußten alle, dass sie ihren Senf zugeben müssen, obwohl sie offiziell im Urlaub waren, nicht wahr Frau Merkel (CDU). Also warum in diesem Fall nicht.

26.07.2018 11:16 Nadin 4

Gibt es denn keine Möglichkeit diese Person zur Rechenschaft zu ziehen? Es ist echt unglaublich...

26.07.2018 10:13 Silke 3

Bin eine von Hunderten Geschädigten. Bach schuldet mir 5 Monatsgehälter!!!

26.07.2018 10:02 Madeleine Leser 2

Auch ich gehörige zu denjenigen dem Herr Alois B. keinen Lohn gezahlt hat. Ich hoffe sie Finden ihn damit er nicht noch mehr Leute in den Ruin treiben kann.

26.07.2018 08:02 Harald Lehmann 1

Kinder- und Jugendhilfe? Den Kindern und Jugendlichen hat man aber kräftig eine übergeholfen! Und Rechenschaft? - Fehlanzeige!