MDR FERNSEHEN | Exakt - Die Story | 20.02.2019 | 20:45 Uhr Lesen und Schreiben ungenügend - Millionen Analphabeten in Deutschland

Ein Film von Adina Rieckmann

47 Sekunden. So lange braucht Jochen Hofmann, um diesen einen Satz zu lesen: "In Deutschland gibt es 7,5 Millionen Analphabeten, 60 Prozent davon sind Männer." Zum Aufschreiben benötigt er noch viel länger. Jochen Hofmann ist 56 Jahre alt. Er ist ein sogenannter funktionaler Analphabet - einer von weit über 300.000 allein in Sachsen, erklärt Iris Nußbaum von der Koordinierungsstelle Alphabetisierung (Koalpha).

Unterschätztes Problem?

Warum aber können Erwachsene wie Jochen Hofmann nicht oder kaum lesen und schreiben? Der Dresdner hat die Schule nach der 8. Klasse abgeschlossen, dann eine Teilausbildung absolviert. Lehrer prüften ihn meist mündlich und bei Ämtern mogelte er sich durch, hat dann eben seine Brille vergessen, lässt sich helfen. Der Hilfsarbeiter kommt aber immer öfter an seine Grenzen, sein Selbstwertgefühl ist am Boden:

Ein Mann mit grauem Haar schaut in die Weite.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich habe mich immer irgendwie durchgeschlagen, jetzt habe ich keine Kraft mehr. Es hat doch alles keinen Sinn. Die Buchstaben machen mich ganz wirr im Kopf.

Jochen Hofmann | funktionaler Analphabet

Die "Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung 2016 bis 2026" will sich diesem Problem stellen. Durch die gemeinsamen Anstrengungen von Bund, Ländern und Partnern sollen die Unterstützungsmaßnahmen in Zukunft gebündelt und weiterentwickelt werden. Arbeitnehmer und Arbeitgeber sollen für das Thema sensibilisiert werden. Doch reicht das alles aus? Werden die Betroffenen überhaupt erreicht? Fängt das Problem nicht schon in den Grundschulen an? Sind Kinder mit Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) die zukünftigen Analphabeten?

Vom Legastheniker zum Analphabeten?

Etwa fünf  Prozent aller Schulkinder sind von LRS betroffen. Legasthenie ist zu einem großen Teil erblich bedingt. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sich bei späteren Legasthenikern bereits im Kleinkindalter Auffälligkeiten in der Hirnaktivität zeigen, wenn sie Sprache hören. Ist frühkindliche Bildung und Erziehung die Lösung? Und wie kann betroffenen Erwachsenen geholfen werden? "Exakt - Die Story" geht diesen Fragen nach, trifft Experten und zeigt den Alltag von Analphabeten.

Bilder zum Film "Lesen und Schreiben ungenügend - Millionen Analphabeten in Deutschland" Analphabetismus in Sachsen

Eine Frau mit Brille und zusammen gebundenem Haar sitzt neben einem Tisch und schaut in die Kamera
Das Mehrgenerationenhaus Markranstädt gehört zu den geförderten Initiativen des Bundes. Es bietet Kurse für Analphabeten. Die Lehrer sind hochmotiviert. Doch es kommt niemand.

"Es ist deprimierend. Wir können [...] nicht sagen, was wir falsch gemacht haben. Die Frage ist aber auch noch, ob die Angebote so wie sie sind, gut sind oder richtig sind für die Zielgruppe. Erreichen wir Leute wirklich, wenn wir ihnen sagen, ihr seid funktionale Analphabeten [...] Wir können die Leute nicht direkt ansprechen, weil es ihnen nicht auf der Stirn geschrieben steht", weiß Cornelia Fiebiger, Pädagogin für Erwachsenenbildung.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Frau mit Brille und zusammen gebundenem Haar sitzt neben einem Tisch und schaut in die Kamera
Das Mehrgenerationenhaus Markranstädt gehört zu den geförderten Initiativen des Bundes. Es bietet Kurse für Analphabeten. Die Lehrer sind hochmotiviert. Doch es kommt niemand.

"Es ist deprimierend. Wir können [...] nicht sagen, was wir falsch gemacht haben. Die Frage ist aber auch noch, ob die Angebote so wie sie sind, gut sind oder richtig sind für die Zielgruppe. Erreichen wir Leute wirklich, wenn wir ihnen sagen, ihr seid funktionale Analphabeten [...] Wir können die Leute nicht direkt ansprechen, weil es ihnen nicht auf der Stirn geschrieben steht", weiß Cornelia Fiebiger, Pädagogin für Erwachsenenbildung.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Frau mit rotem Haar vor einem grünen Hintergrund
Iris Nussbaum von der Koordinierungsstelle Alphabetisierung kennt viele der Betroffenen persönlich. Sie weiß, wie schwer es ist, sie zu finden.

"Die meisten sind sehr clever. Wir reden hier nicht von Menschen, die nichts können, sondern viele können sehr viel, viele können sich sehr viel merken. Viele haben sehr gute Strategien entwickelt, wie man auch ohne lesen und schreiben durchs Leben kommt [...]"
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Frau mit Brille schaut in die Kamera, im Hintergrund ist ein Fenster zu sehen
Erfahrungen aus Diplompädagogin Kerstin Lemkes jahrelanger Praxis zeigen: "Alleingelassen werden in der Schule. Dass keiner hinschaut und sagt, der braucht Hilfe, dem muss ich einzeln helfen. [...] Wenn ich Analphabetismus bekämpfen will, dann muss ich in der Schule anfangen." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Mann mit Brille schreibt einzelne Buchstaben auf kleine Karten.
Scham ist für jeden Betroffenen ein großes Thema. Analphabet Rudolf Gottwald meint:
"Weil mir das peinlich ist, selber innerlich peinlich ist, immer zu sagen, dass ich nicht schreiben und lesen kann. Ich wäre froh, wenn ich es selber könnte. Mit der Arbeit wird es auch immer schlechter. Darum bin ich froh, wenn ich ein-Euro-Jobs noch machen, paar Stunden arbeiten kann, damit ich ein bissel unter Leuten bin und nicht nur zu Hause sitze."
Bildrechte: MDR/Adina Rieckmann
Blick auf drei sitzende Menschen.
Jochen Hofmann (links) kann weder lesen noch schreiben und besucht einen Alphabetisierungskurs in Dresden. Hier in der Gruppe erlebt er zum ersten Mal im Leben Gemeinschaft. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Mann mit grauem Haar und Brille schaut nach unten.
"Es macht schon Spaß, hierher zu kommen. Das gibt Auftrieb", sagt der 56-Jährige. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine blonde Frau sitzt gegenüber von zwei Menschen
Marietta Schöps (Mitte) ist Dozentin für Alphabetisierung und eine von Jürgen Hofmanns Lehrerinnen. Ganz wichtig sei, "wenn ein Lob ausgesprochen wird. Die freuen sich so sehr, wenn sie gelobt werden. Was sie ja nie in der Kindheit erfahren haben, in der Schule auch nicht. So und hier erfahren sie das alle." Bildrechte: MDR/Adina Rieckmann
Blick auf eine Tür mit der Aufschrift  - Bitte nicht stören.
Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir lesen und schreiben lernen? Welche Prozesse laufen dann ab?

Entwicklungspsychologin Gesa Schaadt vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig kann mit Hilfe einer EEG-Untersuchung in Ansätzen erkennen, ob es einem Kind später einmal leicht fallen wird, lesen und schreiben zu lernen.
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Analphabetismus in Sachsen

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - Die Story | 20. Februar 2019 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Februar 2019, 16:42 Uhr