Blick auf Chemnitz
So schön sieht Chemnitz von oben aus Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ist das noch meine Stadt?

Blick auf Chemnitz
So schön sieht Chemnitz von oben aus Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach dem gewaltsamen Tod eines 35-jährigen kam es in Chemnitz zu gewalttätigen Ausschreitungen und regelrechten Jagdszenen auf Migranten. Die Polizei konnte die Sicherheit nur mühsam aufrechterhalten, die Politik wirkte ratlos. Plötzlich stand die alte Arbeiterstadt am Rande des Erzgebirges bundesweit im Fokus. "Exakt – Die Story" erzählt, wie Chemnitzer Bürger ihre Stadt erleben: Alte und Junge, Einheimische und Flüchtlinge, Künstler und Politiker.

Der Nachbar: Erwin Feige

Ein Mann gießt Blumen in einem Garten
Erwin Feige in seinem Kleingarten Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Erwin Feige hat sein Leben in Chemnitz verbracht. Heute traut er sich nachts nicht mehr auf die Straße. In seiner Gartenlaube fühlt sich der einstige Betriebsdirektor eines Maschinenbaukombinats sicher. Vor drei Jahren hat er in seinem Kleingartenverein auch Daniel H. kennengelernt. Sein gewaltsamer Tod hat ihn erschüttert. Auch wenn es Erwin Feige gut geht, hat er Angst um die Demokratie in Deutschland und hofft darauf, dass es so etwas wie ein Aufbegehren der Zivilgesellschaft gibt, auch in Chemnitz.

Der Ordner: Arthur Oesterle

Demonstranten in Chemnitz
Arthur Oesterle auf der Demo Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Arthur Oesterle ist Chefordner der Bürgerbewegung „Pro Chemnitz“ und will bei den Demonstrationen für die Einhaltung der Regeln sorgen. Der 45-jährige Erzgebirgler ist hauptberuflich Vertreter im Baugewerbe, seine Freizeit verbringt er aber seit drei Jahren bei Pegida und Co. Er unterstützt die AfD und ist beim rechten Verein Heimattreue Niederdorf aktiv. Arthur Oesterle wurde in der Sowjetrepublik Georgien geboren, kam aber in den 80er Jahren mit seiner Familie in die DDR. Er will sich nicht dafür schämen, stolz auf Deutschland zu sein.

Die Zugezogenen: Mohammed Algaber und Fatima Shaham

 Mann und eine Frau in einer Küche
Mohammed Algaber und Fatima Shaham in ihrer Küche
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mohammed Algaber und Fatima Shaham kamen vor drei Jahren nach Deutschland. Sie haben Jura studiert, hofften, hier ein neues Leben zu beginnen, Deutsch zu lernen. Die Demonstrationen in Chemnitz haben ihren Alltag verändert. Die syrische Familie befürchtet, auf der Straße attackiert zu werden und wagen sich kaum noch aus dem Haus. Deswegen wollen sie weg aus Chemnitz, sehen ihre Zukunft inzwischen anderswo. Dafür haben sie schon ein Antrag bei der Ausländerbehörde gestellt.

Die Alteingesessenen: Angelika und Peter Kleber

Ein Mann und eine Frau in einem Garten
Die Klebers in ihrem Kleingarten Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Klebers wohnen seit über 30 Jahren im Chemnitzer Stadtteil Gablenz. Gut ein Drittel der Einwohner hier in der Gegend ist über 60. Was derzeit in der Innenstadt passiert, erfahren sie von Nachbarn. Bei den Demonstrationen dabei sein wollen die ehemalige Büroangestellte und der frühere Schweißer und Metallbauer nicht. Angelika und Peter Kleber leben gerne in Chemnitz. Was zurzeit passiert, ist für sie eine Ausnahme.

Der Drogendealer: Sami

Zwei Männer stehen an einer Haltestelle
Der junge Syrer Sami mit dem exakt-Reporter Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sami, der in Wirklichkeit anders heißt, stammt aus Syrien. Er sei in Deutschland drogensüchtig geworden, erzählt er uns. Um seinen eigenen Konsum zu finanzieren, verkaufe er Rauschgift. Die Kriminalität in Chemnitz spielt sich vor allem in der Nähe des Stadtzentrums ab. Regelmäßig gibt es großangelegte Kontrollen. Auch Sami trägt ein Messer bei sich. Irgendwann will er zurück nach Syrien gehen.

Der Kulturschaffende: Lars Fassmann

Ein junger Mann
Lars Fassmann im Lokomov, einer Szene-Kneipe in Chemnitz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Lars Fassmann investiert in die Kulturszene von Chemnitz. Er kaufte  in den vergangenen Jahren leerstehende Gebäude im Problemviertel Sonnenberg, um sie kulturell zu entwickeln. Seitdem gibt es verschiedene Galerien und Atelierhäuser, in denen lokale und internationale Künstler ihre Projekte realisieren können. Neben Konzerten gibt es auch Theateraufführungen und Vorträge, die sich mit den Rechten Strukturen in Sachsen beschäftigen. Fassmanns Café blieb auch von Übergriffen nicht verschont.

Die Politikerin: Hanka Kliese

Eine blonde Frau bei einer Demonstration
Die Landtagsabgeordnete Hanka Kliese Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die 38jährige ist Landtagsabgeordnete und engagiert sich seit Jahren gegen rechts. Gerade zu Beginn ihrer Laufbahn im Jahr 2009, geriet sie immer wieder in den Fokus rechter Aktivisten, hatte Zigarettenstummel im Briefkasten oder man beschmierte ihr Wohnhaus. Die gebürtige Pasewalkerin lebt seit 1988 in Chemnitz, pendelt dreimal die Woche nach Dresden. Dass Rechte versuchen, das Gewaltverbrechen beim Stadtfest zu instrumentalisieren, macht sie wütend. Ängste kann sie zwar nachvollziehen. Dennoch dürfe man nun nicht alle Ausländer unter Generalverdacht stellen.

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2018, 12:10 Uhr