exakt | 24.10.2018 Einer der letzten seiner Art: Peter, der Kohlenmann

Zu DDR-Zeiten haben zwei Drittel der Sachsen mit Kohlen geheizt. Inzwischen sollen es noch zwei Prozent sein. Das macht das Überleben für "Kohlen-Peter" schwer – doch er nimmt Dreck, Plackerei und wenig Geld mit Humor.

Das Gesicht verrußt, die Hände schwarz, der Bauch gewölbt. Kohlen-Peter erledigt "Drecksarbeit". Er liefert Kohle. Dieses Mal 20 Säcke á 50 Kilo. Die schleppt Peter Bosse in den Speicher. Er ist einer der letzten Kohlenmänner.

Seit 40 Jahren ist er dabei. Sein Werdegang: speziell. Mit 16 büxt er von zu Hause aus, wird kurzzeitig obdachlos. Bei Kohlenmännern findet er Anschluss. "Die haben gesagt: 'Mensch, Kleiner. Willst du nicht auch mal 'ne Runde geben'", erzählt Peter Bosse. Er hatte kein Geld. Darauf haben sie ihm angeboten: Komm mit.

Sein Vater war damals ein angesehener Musiker im Gewandhaus. Der hatte sich das alles ganz vorgestellt. "Ich bin ein bisschen aus der Norm geschlagen - ja. Aber ein guter Kerl", sagt Peter Bosse.

Auf die Kohle lässt Peter nichts kommen

Sein Tag als Kohlen-Peter beginnt um 7 Uhr morgens in Grimma. Dort lädt er die Ware beim Brennstoffhändler ein. "Das ist doch noch das Preiswerteste von allem", sagt der 56-Jährige und spricht über den Vergleich zu anderen Heizarten. "Und mit dem ganzen Umweltmist … Totaler Schwachsinn ist das."

Kohlen-Peter
Knie kaputt, Rücken kaputt: Der harte Job hat seine Spuren am Körper von Kohlen-Peter hinterlassen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auf seine Kohle lässt der Peter nichts kommen. Er selbst kann sie allerdings nicht ausfahren – kein Führerschein. Nicht sein einziges Defizit. "Knie kaputt, Rücken kaputt", sagt er. Auch die Lunge ist durch den Kohlenstaub geschädigt. Die Arbeit hinterlässt nicht nur äußerlich Spuren.

Für das Fahren hat er einen Angestellten. Die erste Fuhre geht nach Kühren – einem Ortsteil von Wurzen. Hier wohnt eine ältere Frau mit ihrem Sohn. Ihre Bestellung: 2,5 Tonnen Briketts und Anzündholz.

Die Wege sind viel länger geworden

Zu DDR-Zeiten sollen in Sachsen über 70 Prozent aller Haushalte mit Kohle geheizt haben. Jetzt sind es nur noch rund 2 Prozent. Das Überleben ist nicht einfach. Doch Peter ist zufrieden, "solange wie ich meinen Sohn und mich noch sattkriege. Millionäre werden wir nicht mehr."

Peter Bosse hat vier Kinder, sein 13-jährger Sohn wohnt noch bei ihm zu Hause. 1997 hatte er sich selbstständig gemacht - zu einer Zeit, als die ersten Kohlenhändler aufgaben. "Wenn man bloß ums Viereck gefahren ist, wie früher in Leipzig, das funktioniert nicht", erklärt er. Jetzt liefert er bis nach Halle, Chemnitz und Dresden.

Der Transport bis ins Haus kostet extra. Stammkundin Ursula Schubert hat gleich ein paar Tassen Kaffee für die Männer vorbereitet – wie immer. Die 68-Jährige wohnt seit Geburt in diesem Haus. Eine moderne Heizung kann sie sich nicht leisten. Sie hat nur Öfen. "Wir sind noch nicht erfroren. Da gehen wir ins Bett, wenn es kalt ist", sagt die Rentnerin. Denn da sei noch niemand erfroren.

Die Gesundheit ist ruiniert

So liebt Peter Bosse seine Kundschaft. Nach einer Stunde Arbeit geht es ans Abkassieren. Kohle gegen Kohle. "So, jetzt wollen wir mal das große Geld rausholen", sagt Ursula Schubert. Für 870 Euro kann sie ein halbes Jahr Kochen und Heizen. 20 Euro Trinkgeld gibt die Rentnerin obendrauf.

Peter Bosse hat auch andere Kunden - die haben ihre Öfen, weil sie die Wärme des Kamins angenehm finden und beheizen damit nur teilweise ihre Häuser. Für Kohlen-Peter ist es gerade die Hauptsaison. Mehrmals am Tag muss er beim Großhändler nachladen – alles Handarbeit.

Kohlen-Peter hat mit dem Ruß und der Plackerei seine Gesundheit ruiniert, ein Nachfolger ist auch nicht in Sicht. Dennoch: er bereut keinen Tag. "Ich habe mein Leben gelebt. Und wenn ich die Sache bis 70 weitermache. Mensch - da rostet man nicht ein."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 24. Oktober 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2018, 20:38 Uhr

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3 Kommentare

25.10.2018 16:54 Andreas 3

Ja der Kohlen-Peter ein Unikat oder ein Unikum - er hat von beiden etwas. Wer ihn nicht kennt hat viel verpasst. Ehrlichkeit ist eine der besten Eigenschaften von ihm - ich kann mit stolz behaupten ihn persönlich zu kennen. Ein Exzellenter Skatspieler - ich freue mich schon ihn wieder bei meinem Turnier begrüßen zu dürfen.

24.10.2018 17:32 Jens 2

Ja, das ist die Quittung. Kaputter Rücken, kaputte Knie. Halte durch, so lange wie es geht. Ich habe auch 25 Jahre körperlich schwer gearbeitet und mein Körper hat sich laufend gemeldet. Dann habe ich die Reißleine gezogen.

24.10.2018 13:34 Atze 1

Ein sympathischer Typ!
Erinnert mich an die Kohlenhändler zu DDR - Zeiten im Berliner Prenzlauer Berg. Sind ja irgendwie auch im Kultfilm " Paul und Paula" verewigt. Zeitzeugen.
Alles Gute Peter! MfG

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