exakt | 21.11.2018 27 Jahre und kein Ende: Ortsumgehung für Coswig

Tausende LKW fahren täglich durch Coswig. Eine Umgehung sollte Entlastung schaffen. 1991 wurde diese erstmals beantragt. Inzwischen haben die Planungen etwa 1 Million Euro gekostet - eine Straße gibt es immer noch nicht.

Autos auf einer Straße 7 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein LKW nach dem anderen quält sich tagtäglich durch Coswig in Sachsen-Anhalt. Die Bürger leiden und ein Bürgermeister nach dem anderen kämpfte um eine Ortsumgehung. Bisher vergebens. Coswig hat knapp 12.000 Einwohner und liegt zwischen Dessau-Roßlau und Lutherstadt Wittenberg. Und genau zwischen diesen beiden Orten verläuft auch die Bundesstraße 187 – ein Zubringer zur Autobahn 9 und entsprechend stark befahren. Rund 12.000 Fahrzeuge rollen täglich durch Coswig.

Vier Bürgermeister – 27 Jahre - keine Entlastungsstraße:

Ortsumgehung Coswig
Vier Bürgermeister: Manfred Ertelt (v.l.n.r.), Dieter Stahmann, Doris Berlin und Axel Clauß. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

1991 bis 1994: Schon 1991 beantragt der damalige Bürgermeister Manfred Ertelt von der SPD die Ortumgehung für Coswig. Das Vorhaben schafft es sogar in den Bundesverkehrswegeplan und ist dort als vordringliche Maßnahme gelistet. Die Entlastungsstraße B187n soll nördlich an Coswig vorbei führen. Zuvor allerdings, erinnert sich Manfred Ertelt, stand der Naturschutz an erster Stelle: "Frühling, Sommer, Herbst und Winter müssen die entsprechenden Untersuchungen gemacht werden, um genau festzustellen, welche Populationen, von welchem Tier, in welcher Zeit besonders aktiv ist. Deswegen sage ich immer, wir haben  fünf Mal Frösche gezählt."

1994 bis 2000: 1994 wird der parteilose Dieter Stahmann Bürgermeister von Coswig. Während seiner Amtszeit beginnt das sogenannte Linienbestimmungsverfahren. Es gibt drei Varianten. Vorzugsvariante wird die am weitesten von der Stadt entfernte. Doch weit weg vom Ortskern heißt auch, dass die neue Trasse durch Wald und ein Naturschutzgebiet führen soll. Die Planer von der Straßenbaubehörde Ost Sachsen-Anhalt geben dennoch grünes Licht. Heute sagt Oliver Grafe von der Behörde,  dass Anfang der Neunziger Jahre vieles noch anders war. Die Schutzgebiete, auf die man heute Rücksicht nehmen müsse, habe es damals noch gar nicht gegeben.

Die Natur entwickelt sich, lebt, so dass das, was heute richtig ist, morgen vielleicht schon falsch sein kann.

Oliver Grafe
Ortsumgehung Coswig
Die erhoffte Ortsumgehung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

2000 bis 2017: Es kommt ein neuer Plan. Als Doris Berlin (parteilos) im Jahr 2000 Bürgermeisterin in Coswig wird, steht Variante 4 zur Debatte. Diese soll nah an einem See vorbei führen und direkt durch ein Feriendorf. Dessen Betreiber Manfred Bühnemann hatte das Gelände gerade erst gekauft,  renovierte gerade die Bungalows und staunte nicht schlecht, als auf seinem Hof plötzlich ein Vermesser stand. Bühnemanns Bungalowdorf wäre mit dieser Trassenführung durch eine 8,50 Meter breite Schneise zertrennt worden – die restlichen Häuschen hätten dann direkt an einer stark befahrenen Fernverkehrsstraße gestanden. Manfred Bühnemann erhebt Einspruch und bekommt Recht.

Ortsumgehung Coswig
Keine Umgehung an dieser Stelle aufgrund geschützter Tiere wie dem Rotmilan, der Schlingnatter und dem Mittelspecht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Darauf gibt es eine neue, fünfte Variante. Auch die mit einer Trassenführung durch den Wald und das Naturschutzgebiet. Doris Berlin hofft, dass der Bau jetzt endlich losgeht. Doch 2009 heißt es dann erneut: Planänderung. Denn nun  ist der Bau einer Straße durch ein Natur - und Landschaftsschutzgebiet nicht mehr möglich. Denn zwischenzeitlich haben sich auf dem Areal der geplanten Trasse geschützte Tiere angesiedelt: unter anderem der Rotmilan, die Schlingnatter und der Mittelspecht. Das ehemalige Naturschutzgebiet ist zum sogenannten Flora-Fauna-Habitat aufgestiegen – und da gelten strengere Regeln.

Ab 2017: Seit 2017 ist Axel Clauß (parteilos) das Stadtoberhaupt von Coswig. Er glaubt fest daran, dass nun die Ortsumgehung bald kommt. Auf dem Tisch liegt mittlerweile Planungsvariante sechs.

Nach 27 Jahren Planung gibt es noch immer keine Ortsumgehung für die geplagten Coswiger – aber die Straße hat trotzdem schon gut eine Million Euro gekostet. So viel haben die Planungen bisher gekostet.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 21. November 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. November 2018, 19:19 Uhr

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2 Kommentare

22.11.2018 19:40 Enttäuschter 2

Ein trauriges Beispiel für Entscheidungswege, oder besser "Nichtentscheidungswege" in den letzten Jahren von CDU Ministern (Ramsauer, Dobrindt, Schmidt, Scheuer) dominierten Verkehrspolitik der Bundesrepublik. Ich behaupte mal, mit der Ortsumgehung in Roßlau (B184) wird es nicht anders werden. Oder: Gott hilf mir mit Schmalz und Einsicht.

21.11.2018 20:51 Fuhrmann Roswitha 1

Es ist sehr traurig ,das es so lange dauert. Warum kann mann da kein LKW verbot veranlassen .Und wo bleibt da die Feinstaub Messung .
Mit freundlichen Grüßen
Fuhrmann Roswitha