Auf einem Fußweg stehen unzählige Kerzen und Blumen. Auf einer Grabschleife steht 'Unvergessen! Lieber Daniel'
Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Exakt aktuell | 13.02.2019 Neue Details zum Tod von Daniel H. - Wichtiger Zeuge bedroht

Mehr als fünf Monate nach dem gewaltsamen Tod des 35-Jährigen Daniel H. in Chemnitz werden neue Details über das Tatgeschehen bekannt. Nach Informationen von NDR, WDR, MDR und „Süddeutscher Zeitung“ stand der Hauptverdächtige Farhad A. unter Drogeneinfluss. Der wichtigste Zeuge der Anklage wurde inzwischen von mehreren Männern bedroht.

Auf einem Fußweg stehen unzählige Kerzen und Blumen. Auf einer Grabschleife steht 'Unvergessen! Lieber Daniel'
Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Der Tod des Chemnitzers Daniel H. versetzte die Stadt Ende August vergangenen Jahres in einen Ausnahmezustand: Rechten Demos mit Hitlergrüßen folgten Gegendemos, ausländisch aussehende Menschen wurden angepöbelt, mutmaßliche Neonazis attackierten ein jüdisches Restaurant und am Ende stürzte gar der Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, über die Bewertung der Unruhen in Chemnitz.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zum Tod von Daniel H. gestalteten sich seither schwierig: Zwar haben die Ermittler bis heute mehr als einhundert Zeugen vernommen, viele davon mehrfach. Doch kaum einer konnte brauchbare Angaben zum Tatgeschehen machen.

Anklage gegen Alaa S.

Ende Dezember hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den syrischen Flüchtling Alaa S. erhoben, einen der beiden Tatverdächtigen. Der andere, Farhad A. ist auf der Flucht. Die Anklage berichtet, dass Farhad A. nach Zeugen-Aussagen in der Tatnacht offenbar unter dem Einfluss von Drogen gestanden habe, als er gegen 3 Uhr nachts das spätere Opfer Daniel H. ansprach und nach einer „Karte“ fragte, wobei er sich mit einem Finger an die Nase fasste und hörbar einatmete, wie es in der Anklage heißt. Mehrere Zeugen gaben an, dass Farhad A. ständig Drogen konsumierte. Bei Daniel H. haben die Ermittler ebenfalls einen akuten, nicht übermäßig hohen Konsum von Kokain festgestellt.

Farhad habe demnach, wie in der Anklage zu lesen ist, Daniel H. umarmt und etwas mit ihm besprochen. H. jedoch habe ihm geantwortet, dass er sich "verpissen" solle, worauf Farhad ihm eine Ohrfeige verpasst habe. Daraufhin sei es zu lautstarken Handgreiflichkeiten zwischen den beiden gekommen, in deren Folge Farhad am Boden lag. Alaa S., so die Anklage, sei Farhad daraufhin zur Hilfe geeilt und gemeinsam hätten sie dann, jeder mit einem Messer, auf Daniel H. eingestochen.

Polizei findet Tatwaffe

Tatsächlich fand die Polizei ein einziges Messer mit DNA-Spuren des späteren Opfers Daniel H. Auf diesem Messer finden sich allerdings keine Spuren des nun angeklagten Alaa S. Nach einem Gutachten der Gerichtsmedizin könnten zudem alle Stiche, die dem Opfer zugefügt wurde, von ein und demselben Messer stammen.

Alaa S. bestreitet die Tat. Sein Anwalt hatte bereits im September 2018 Haftprüfung beantragt und darauf hingewiesen, dass keiner der Zeugen konkrete, detaillierte Angaben über das eigentliche Tatgeschehen abgeben konnte. Das Gericht lehnte damals jedoch eine Entlassung von Alaa S. aus der Untersuchungshaft ab, weil unter anderem der Hauptbelastungszeuge den Tatverdächtigen Alaa S. auf Fotos eindeutig identifiziert hatte und aus etwa fünfzig Meter beobachtete, wie er Stichbewegungen gegen das Opfer ausführte. Ein Messer habe er allerdings nicht gesehen, sagte der Zeuge der Polizei.

Auf seine Aussagen stützt sich die Anklage gegen Alaa S. im Wesentlichen. Auf diesen Zeugen, so ist in der 26 Seiten umfassenden Anklage zu lesen, wurde inzwischen allerdings von verschiedenen Personen Druck ausgeübt, damit er seine Aussagen bei der Polizei revidiere.

Zeuge wird bedroht

Nach Informationen von NDR, WDR, MDR und SZ hat der Zeuge bereits im September Anzeige bei der Polizei erstattet. Bekannte des inzwischen angeklagten Verdächtigen hätten ihn an seiner Arbeitsstelle aufgesucht und ihm ausgerichtet, dass er im Sarg in seine Heimat zurück geschickt werde. Unter anderem sei er mit einem Stuhl geschlagen worden, wie er gegenüber den Ermittlungsbeamten angab. Auch habe er einen Faustschlag gegen den Kopf erhalten. Gegenüber der Polizei gab er an, dass er große Angst habe und in Panik lebe.

Der zunächst ebenfalls tatverdächtige Yousif A. wurde im September 2018 aus der Untersuchungshaft entlassen, weil kein dringender Tatverdacht mehr gegen ihn bestand, im Januar 2019 wurde das Ermittlungsverfahren gegen ihn eingestellt, wie sein Berliner Anwalt Ulrich Dost-Roxin auf seiner Internetseite mitteilt.

Nach Informationen von NDR, WDR, MDR und SZ gab Yousif A. bereits einen Tag nach der Tat, am 27. August 2018, in einer Vernehmung bei der Polizei an, dass Farhad R. ihm gegenüber eingeräumt hatte, mit einen Messer zugestochen zu haben. Laut der Anklage setzte sich Farhad drei Tage später, am 30. August 2018, vermutlich ins Ausland ab. Erst seit dem 4. September sucht die Polizei mit internationalem Haftbefehl nach Farhad.

Entscheidung über Anklageerhebung gegenüber Alaa S. steht aus

Derzeit liegt die Anklage der Staatsanwaltschaft gegen Alaa S. beim Landgericht in Chemnitz, das nach Angaben von Gerichtssprecherin Marika Lang "in den nächsten Tagen" entscheiden wird, ob es die Anklage zulässt und den Prozess eröffnet. Falls es dazu kommt, will das Gericht am 18. März in Chemnitz mit der Hauptverhandlung beginnen.

Alaa S. wird vor Gericht neben seinem Pflichtverteidiger aus Berlin auch noch von drei Wahlverteidigern aus Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen verteidigt. Unter ihnen ist auch die Anwältin Ricarda Lang, die nach Informationen von NDR, WDR, MDR und SZ diese Woche die Verlegung des Prozesses in ein anderes Bundesland beantragt hat, weil sowohl in Sachsen als auch in Thüringen oder Brandenburg die öffentliche Sicherheit gefährdet sei, wenn der Prozess in einem der drei Länder eröffnet werde.

Wahlverteidigerin befürchtet "massive" Proteste in Chemnitz 

Die Anwältin wollte sich auf Anfrage nicht äußern. In ihrem Schriftsatz ans Landgericht argumentiert sie, dass es zu "massiven Protestaktionen" kommen könnte, wenn der Prozess wie geplant in Chemnitz stattfinde. Rechte Gruppierungen und Parteien würden den Prozess gegen den tatverdächtigen syrischen Asylbewerber Alaa S. dazu benutzen, Wahlkampf für die Bundesländer Sachsen, Thüringen und Brandenburg zu betreiben.

Alaa S.s Pflichtverteidiger Oliver Marson wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Antrag der Kollegin äußern. Die Sprecherin des Landgerichts Chemnitz, Marika Lang, wollte den Antrag ebenfalls nicht bewerten und bestätigte lediglich den Eingang und dass das Gericht sich damit befassen werde.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV MDR Sachsenspiegel | 18.01.2019, 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. April 2019, 15:36 Uhr