Exakt - Die Story | MDR FERNSEHEN | 07.02.2018 | 20:45 Uhr Pflegechaos trotz Reform

Zu wenig Personal, zu wenig Zeit für Patienten

Oschersleben im Dezember 2017: Die Bewohner eines Pflegeheims und ihre Angehörigen werden mit einer unerfreulichen Nachricht konfrontiert. Die Einrichtung kündigt an, dass die Kosten für die Unterbringung und Pflege um 550 Euro monatlich steigen sollen. Grund sind nach Angaben des Betreibers gestiegene Personalkosten. Für die Bewohner und ihre Familien ist die Preissteigerung kaum zu stemmen.

Ab Januar 2017 sollte in der Pflege vieles besser werden - damals trat die bedeutendste Pflegereform der letzten Jahre in Kraft. Demenzkranke haben seitdem den gleichen Anspruch wie dauerhaft körperlich Erkrankte. Außerdem sollen Menschen Pflegeleistungen bekommen, die nur einen geringen Hilfebedarf haben. Die Pflegestufen wurden von Pflegegraden abgelöst. Etwa fünf Milliarden Euro zusätzlich stehen durch die Reform zur Verfügung, damit Pflegebedürftige und deren Angehörige besser unterstützt werden.

Eine auf Demenzkranke spezialisierte Pflegerin begleitet 2013 eine ältere Frau.
Pflegerin und Bewohnerin in einem Pflegeheim Bildrechte: dpa

Doch in der Praxis hakt es an vielen Ecken. Dass die Reform auch eine bessere Bezahlung der Beschäftigten in der Branche ermöglichen soll, finden auch Pflegebedürftige und deren Angehörige richtig. Doch Mehrkosten werden von der gesetzlichen Pflegeversicherung nicht übernommen. So müssen die Pflegebedürftigen zur Kasse gebeten werden.

Auch die Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK), die über die Pflegegrade von Betroffenen entscheiden, haben seit 2017 erheblich mehr zu tun. Das gesamte Begutachtungssystem hat sich verändert. Deshalb wurden bundesweit 300 neue Mitarbeiter eingestellt. 304.000 Menschen bekommen seit der Reform zusätzliche Leistungen.

Wie läuft es bei den Pflegediensten? An deren Personalengpass hat sich auch durch die Reform nichts geändert. In Sachsen Anhalt kommen auf 105 arbeitssuchende Pflegekräfte 401 freie Stellen - also ein Verhältnis von 1:4. In Sachsen ist das Verhältnis 1:10, in Thüringen sogar 1:12. Das heißt: Pflegekräfte sind Mangelware.

Der Pflegewissenschaftler Dr. Klaus Wingenfeld von der Universität Bielefeld fordert deshalb, dass der Pflegeberuf attraktiver werden muss. Denn derzeit sei das "Knochenarbeit, das kann man ruhig mal so sagen".

Das ist richtig anstrengende Arbeit.

Dr. Klaus Wingenfeld

Der Gesundheitspolitiker Erwin Rüddel (CDU) sieht durchaus Mängel in der Reform. Politik sei nicht unfehlbar, jedoch müsse sie erkennen, "wenn man vielleicht nicht alles bis zu Ende durchdacht hat". Und da müsse reagiert werden.

"Man kann sich vorstellen, dass es einen Steuerzuschuss gibt in die Pflegeversicherung", sagt er. "Oder wir haben im Sondierungspapier stehen, dass wir die Beiträge für die Arbeitslosenversicherung um 0,3 Punkte senken wollen. Und dann kann man sich im Gegenzug auch vorstellen, ohne dass die Gesamtbelastung für Arbeitgeber und Arbeitnehmer größer wird, vielleicht die Pflegeversicherungsbeiträge nochmal um 0,2 Prozent zu erhöhen."

Pflegestufen Im kommenden Jahr tritt das Zweite Pflegestärkungsgesetz in Kraft. Darin ist unter anderem festgelegt, dass die bisher geltenden drei Pflegestufen durch fünf Pflegegrade ersetzt werden. Diese sind wie folgt definiert:

Pflegegrad 1: geringe Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten

Pflegegrad 2: erhebliche Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten

Pflegegrad 3: schwere Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten

Pflegegrad 4: schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten

Pflegegrad 5: schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - Die Story | 07. Februar 2018 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2018, 20:40 Uhr