exakt | 05.12.2018 Hausverbot für Angehörige

Die Töchter eines Heimbewohners klagen wiederholt über Pflegemängel. Die Einrichtung reagiert mit Restriktionen, sogar ein Hausverbot wird ausgesprochen. Die Heimaufsicht wird eingeschaltet. Doch anstatt zu schlichten, entscheidet die Behörde gegen die Interessen des Pflegebedürftigen. Ein Anwalt kritisiert das als nicht hinnehmbar.

Der Rechtsanwalt Axel Foerster beklagt eine mangelhafte Unterstützung der Heimaufsichtsbehörden für die Angehörigen von Heimbewohnern. Der Jurist berichtete dem MDR-Magazin "exakt" von einer wachsenden Zahl von Fällen, in denen die staatliche Heimaufsicht im Interesse der Heime handelte und nicht im Interesse der Pflegebedürftigen. "Die Aufsichtsbehörden sind aus irgendwelchen Gründen auf die Seite der Heime gerutscht", sagte er.

Rechtsanwalt Axel Foerster
Rechtsanwalt Axel Foerster Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als er angefangen habe als Anwalt zu arbeiten, habe er noch relativ häufig die Heimaufsicht in Streitfällen hinzugezogen, die auch schlichtend eingegriffen hätte. "Ich bin ehrlich: Ich mache es inzwischen nicht mehr." Foerster macht seine Position noch deutlicher: "Ich erwarte mir keine Hilfe mehr von der Heimaufsichtsbehörde, wenn Angehörige ein Problem mit der Einrichtung haben."

"Wie kann man so herzlos sein?"

Nach Angaben des Pflegeschutzbundes, einer bundesweiten Interessenvertretung für Pflegebedürftige, werden durchschnitllich 13 Hausverbote gegen Angehörige pro Monat gemeldet. Einer davon ist der Fall von Familie Herder. Henriette Herder klingt verzweifelt. Ihr Vater, Reinhard Herder, lebt in einem Pflegeheim. Doch eine seiner Tochter darf ihn dort nicht mehr besuchen; sie hat Hausverbot in der Einrichtung. "Es ist furchtbar, traurig. Wie kann man so herzlos sein, dass eine Tochter nicht zu seinem Vater darf?", sagte sie. Sie hat nur eine Chance den Vater zu sehen, wenn ihre Schwester Ariane ihn mit dem Rollstuhl auf die Straße holt. Bei schlechtem Wetter "bleibt nur der Kontakt übers Handy".

Henriette Herder mit Schwester Ariane (von r. nach l.)
Die Töchter bemängelten Nachlässigkeiten bei der Versorgung des Vaters. Der Konflikt spitze sich zu. Das Heim erließ schließlich ein Hausverbot gegen Henriette Herder (l.). Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die beiden Schwestern hatte sich, so berichteten sie "exakt", mehrfach kritisch über die Betreuung ihres Vaters in einem Heim geäußert. Der Vater kann sein linkes Bein und den rechten Arm nicht bewegen. Er ist auf Bett und Rollstuhl angewiesen. In einer früheren Pflegeeinrichtung hatte er sich durch Wundliegen extreme Wunden zugezogen – einen sogenannten Dekubitus. Er musste sogar auf der Intensivstation behandelt werden.

Als Reinhard Herder in die neue Einrichtung kam, verlangten die Schwestern, künftig über jede weitere Druckwunde informiert zu werden. Diese Auskünfte erhielten sie jedoch nicht. Die Beschwerden häuften sich, die Situation wurde angespannter. Deshalb planten die Schwestern, während der Pflege ihres Vaters im Zimmer zu bleiben. Das Pflegepersonal fühlte sich gestört.

Heimaufsicht stellte sich gegen Angehörige

Das Heim schaltete außerdem die Heimaufsichtsbehörde ein. Diese prüft Pflegeheime auf Mängel und sollte in erster Linie ein Ratgeber für Pflegebedürftige sein. Laut Heimgesetz sollen sie die Würde sowie die Interessen und Bedürfnisse der Heimbewohner schützen. Doch im Fall der Familie Herder schlichtete die Behörde den Streit nicht, sondern verhängte stattdessen eine Verfügung gegen die Töchter: Beide müssen nun während der Pflege das Zimmer verlassen.

Dies erfolgte unter Einbeziehung aller Beteiligten, nachdem mehrere Deeskalationsversuche erfolglos verliefen und Gefährdungen für die Gesundheit dieses Bewohners […] zu befürchten waren.

Stellungnahme der Heimaufsichtsbehörde
Pflegeheim-Bewohner Reinhard Herder mit Tochter Ariane Herder
Pflegeheim-Bewohner Reinhard Herder mit seiner - nicht ausgeperrten - Tochter Ariane. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Familie Herder ging gegen die Verfügung gerichtlich vor, die Behörde nahm sie zurück. Doch das zusätzlich vom Heim ausgesprochene Hausverbot gegen Henriette Herder besteht weiter. Dabei wünschte sich ihr Vater, dass seine Tochter "wiederkommen darf." Er sagte weiter: "Sie ist mit dem Mund ein bisschen voreilig, aber das was sie sagt, ist die Wahrheit. Und dafür wird sie bestraft."

Rechtsanwalt Foerster, der die Familie Herder vertritt, verwies darauf, dass Hausverbote immer dann zunehmen, wenn es zu einer stressbelastenden Situation kommt. "Das sind Dinge die es eigentlich nicht geben darf."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 05. Dezember 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Dezember 2018, 11:48 Uhr

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47 Kommentare

14.12.2018 08:52 anne 47

Wie schon gesagt wurde,das Verbot entstand bestimmt nicht aus Lust und laune, es müssen mehre Vorfälle padsiert sein,jedoch sollten man als gutes Heim eine Lösung finden gemeinsam.Oder wie gesagt die freie wahl nutzen für Heime.Es ist schwer den das Personal ist meist unter dauer Stress und haben kaum Privatleben.Ich habe auch oft überlegt den Beruf auszugeben, jedoch kann ich mir keinen schöneren vorstellen, wo man den direkten Kontakt hat zum Hilfebedürftigen und die Dankbarkeit so zu spüren bekommt sowie das Vertrauen.Leider ist es nicht möglich eine 1zu1Betreung anzubieten ,ausser Selbstpflege von zuhause.

12.12.2018 22:23 Anna 46

Man sollte auch die andere seite hören nicht nur das was von Angehörigen erzählt wird.In vielen fällen sind die Angehörigen schlimmer als die Pflegenden überhaupt.Sie beschweren sich immr wieder um alles,wenn es so schlecht ist nimmt eure Eltern unter Arm und holt sie mit nachause Pflegt sie selber,da kommt wieder das gleiche nein geht nicht wir sind selber krank,alt usw.Aber die Pfleger/rinen versteht auch keiner,wir machen fast nie pause da wir keine Zeit dazu haben,und 12 Tage in stück arbeiten ist ja auch was,man hat ja fast kein Privat leben mehr.Wir sind immer das ob es We/Feiertag usw.ist stehen wir immer auf dem Matte,aber leider versteht uns keiner.Ich arbeite auch lange in den Beruf,aber oft denke ich unter welchen Rahmenbedinungen wir arbeiten das ist ja echt wahnsinn.Man muss froh sein das es Leute wie uns Gibt.Wenn es einen nicht gefählt sollte er den Heim wechseln oder sich eine 24std.Pflege besorgen oder selber Pflegen.Wir sind auch Menschen !

07.12.2018 21:10 Ralph Kräft 45

Auch ich könnte zig Seiten füllen als Angehöriger .
Sicher ein zweischneidiges Schwert. Oft ist aber auch die Einrichtungsleitung (nicht PDL damit gemeint) nicht ganz unschuldig dass slche situationen entstehen.
Das was mir hierbei als einzig klare Aussage wichtig ist bei den bisherigen 44 Kommentaren ist in Kommentar 16 der letzte Satz.

Wenn der Bewohner es will, dass bei Pflegetätigkeiten Dritte anwesend sind ist es wenig professionell, wenn Fachkräfte sich dann weigern in deren Beisein ihre Arbeit zu machen.
Frage stellt sich warum wohl? Wenn ich Profi bin können mir 1000 Leute bei meiner Arbeit zusehen, weil ich sie kann und alle Vorgaben der Ausführung beherrsche und auch mache.
Wenn schon Vorkommnisse bestanden, aufgezeigt und nachgewiesen sind dann hat ein "bitte Verlassen Sie den Raum" mehr als einen bitteren Beigeschmack .

07.12.2018 14:24 Reinhard Leopold 44

MITEINANDER statt GEGENEINANDER

Es ist lange überfällig, dass sich Pflegekräfte mit Pflegebetroffenen und ihren Angehörigen SOLIDARISIEREN und sich GEMEINSAM gegen die unerträglichen Situationen im Pflegebereich wehren!

Aktionsbündnisse wie "Pflege-am-Boden", "Pflege-steht-auf" etc. zeigen, dass es GEMEINSAM GUT GEHEN kann und dass sich damit auch politisch was bewegen läßt!

Auch Pflegekräfte haben bzw. sind Angehörige. Insofern wünsche ich mir, dass mehr Pflegekräfte - und auch Angehörige - einsehen und verstehen, dass es nur EINEN WEG geben kann:

MITEINANDER statt GEGENEINANDER

07.12.2018 10:28 Sabine Günther 43

Die Diskussion ist einigermaßen sachlich.Trotzdem kommt die Verachtung gegenüber Pflegekräfte auch hier wieder zum tragen
In einem Beitrag, beschwert sich eine Angehörige daß die faulem Schwestern ständig auf dem Balkon sitzen und rauchen.Die Pause,, die eigentlich gemacht sollte, kann man nicht machen,weil man sonst nicht fertig wird.Also gönnt uns doch die Zigaretten, geht schneller als Essen.

gemacht werden sollte

07.12.2018 09:59 Reinhold N. Schlosser 42

Zusatz zu meinem Kommentar 41.
Ich bin nicht verbittert. Ich bin nur enttäuscht, wie man es in vielen Pflegeheimen unter den Teppich kehrt. Ein Lob den pflegenden, die geben alles. Nur von unseren Politikern wird alles kaputt geredet. Traurig. Ich erzähle ja nichts neues.

07.12.2018 08:51 Reinhold N. Schlosser 41

Geht endlich mal gegen die Pflegeheime vor und bestraft die endlich mal. Es gibt auch schwarze Schafe unter dem Personal. Ich habe eine Frau die MS krank ist. Wir hatten die beste Pflege in Bad Hersfeld gehabt. Sind leider 2012 nach Gütersloh gezogen, wo sie in einigen Einrichtungen versaut wurde, ja sie haben schon richtig gelesen, ja versaut wurde. Wissen diese Menschen überhaupt, was eine intensivpflege ist? Ich habe meine Frau 24 Std, man kann auch 48 Std sagen, zu pflegen. Ich kann durch die Erfahrung, einige Institutionen durch den Dreck ziehen. Das ist noch leise gesagt, freundlich. Ich habe diese meine Frau wie mein Augapfel gehütet, dann wird sie über Nacht zum Krüppel (ich muss es einfach so nennen) gemacht. Diese Geschichte müsste ich erzählen, viele Betroffene und Angehörige würden ganz anders gegen diese Einrichtungen vorgehen.
Besten Dank
Reinhold N. Schlosser

06.12.2018 22:18 Pfleger mit Herz 40

Oh Wunder, ein total objektiver Beitrag zum Thema Altenpflege /ironieaus. Eine regelrechte Frechheit, dass von einem öffentlich rechtlichem Sender ein so schlechter Bericht verfasst wird in dem nicht beide Seiten beleuchtet werden. Ich arbeite nun seit 10 Jahren in der Pflege und 7 davon in der Altenpflege. Natürlich gibt es Leute, die absolut nichts in der Pflege verloren, und auch das arbeiten nicht erfunden haben. Aber die Mehrheit der Pflegekräfte versucht mehr als nur satt und sauber zu pflegen. Oft arbeiten wir nur in einer Besetzung, die nicht mal den Minimalanforderungen gerecht wird. Zu dritt in einer Frühschicht für 43 Personen zuständig zu sein ist kein Zuckerschlecken. Und wenn man mal Pause machen will, kann man das in den meisten Fällen auch vergessen da man ständig unterbrochen wird durch Angehörige, Klingel, toilettengang mit Bewohner xy, oder Dokumentation während man seine Stulle isst.

06.12.2018 22:17 Sarah 39

Ich kann es wirklich nicht mehr hören...wir bezahlen sooo viel Geld.Hat sich jemand gedanken gemacht wie wenig es überhaupt für eine 24 Std rundum Versorgung ist? Z.B 3000€÷ 30 Tage= 100€ pro Tag.Dafür gibt es nichtmal ein Mittelklasse Hotel!Wir,die Pfleger hetzen von Bew zu Bew(Min sind es 15)..betreuen zwischendurch noch Angehörige mit offensichtlich schlechtem Gewissen das Mutter/Vater im Heim ist. Versucht es doch mal eine Woche selbst! Aber nein,lieber drückt man den wirklich hart arbeitenden einen rein.Übrigens sind Pausen auch sehr selten..aber notwendig.Diese UNBEZAHLTE Zeit steht uns zu.Und da muss ggf auch mal 5 min jemand warten.Wir sind auch nur Menschen!!

06.12.2018 22:10 Margit Schramm-Brunnet 38

Finde sehr schade, dass das Hausverbot für die Schwester soviel Zustimmung erhält. Ich bin selber Krankenschwester, dazu freiberufliche Betreuerin aber auch Angehörige einer 88-jährigen Mutter.
Als Pflegekraft war und ist es für mich nie ein Problem gewesen, wenn Angehörige - sofern dies dem Pat. auch wirklich recht und nicht unangenehm war - bei Pflegetätigkeit mit im Zimmer waren. Als Pflegefachkraft sehe ich es sogar als eine meiner Aufgaben Angehöhrige die Interesse an der Pflege ihrer Verwandten haben mit einzubinden, natürlich immer in Absprache mit dem Patienten. Und besonders nach neg. Erfahrung im Vorfeld, ist der Wunsch dabei zu bleiben doch nachvollziehbar. Ich habe chts zu verbergen, also warum sollte mich stören, wenn mir jemand auf die Finger schaut. Als Betreuerin und Angehörige muss ich aber auch feststellen, dass es Pflegekräfte und Heime gibt, welche es mit der qualitativen ganzheitlichen Pflege nicht ganz so genau nehmen und manches in Heimen im Argen liegt.

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