FAKT | 05.03.2019 Wie Pflegeheime Angehörigen den Zutritt verwehren

Henriette Herder darf ihren Vater nicht im Pflegeheim besuchen. Weil sie Pflegemängel ansprach, erhielt sie Hausverbot. Und sie ist nicht die Einzige. Rund 13 solcher Hausverbote werden pro Monat gemeldet.

Henriette Herder ist verzweifelt. Ihr Vater, Reinhard Herder, lebt in einem Pflegeheim. Doch seine Tochter darf ihn dort nicht mehr besuchen; sie hat Hausverbot. "Es ist furchtbar, traurig. Wie kann man so herzlos sein, dass eine Tochter nicht zu seinem Vater darf?", sagte sie. Sie hat nur eine Chance den Vater zu sehen, wenn ihre Schwester Ariane ihn mit dem Rollstuhl auf die Straße holt. Bei schlechtem Wetter "bleibt nur der Kontakt übers Handy".

Die beiden Schwestern hatte sich, so berichteten sie FAKT, mehrfach kritisch über die Betreuung ihres Vaters in einem Heim geäußert. Der Vater kann sein linkes Bein und den rechten Arm nicht bewegen. Er ist auf Bett und Rollstuhl angewiesen. In einer früheren Pflegeeinrichtung hatte er sich durch Wundliegen extreme Wunden zugezogen – einen sogenannten Dekubitus. Er musste sogar auf der Intensivstation behandelt werden.

Als Reinhard Herder in die neue Einrichtung kam, verlangten die Schwestern, künftig über jede weitere Druckwunde informiert zu werden. Diese Auskünfte erhielten sie jedoch nicht. Die Beschwerden häuften sich, die Situation wurde angespannter. Deshalb planten die Schwestern, während der Pflege ihres Vaters im Zimmer zu bleiben. Das Pflegepersonal fühlte sich gestört.

Heimaufsicht stellte sich gegen Angehörige

Pflegeheim-Bewohner Reinhard Herder mit Tochter Ariane Herder
Pflegeheim-Bewohner Reinhard Herder mit seiner - nicht ausgeperrten - Tochter Ariane. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Heim schaltete außerdem die Heimaufsichtsbehörde ein. Diese prüft Pflegeheime auf Mängel und sollte in erster Linie ein Ratgeber für Pflegebedürftige sein. Laut Heimgesetz sollen sie die Würde sowie die Interessen und Bedürfnisse der Heimbewohner schützen. Doch im Fall der Familie Herder schlichtete die Behörde den Streit nicht, sondern verhängte stattdessen eine Verfügung gegen die Töchter: Beide müssen nun während der Pflege das Zimmer verlassen.

Ein Einzelfall ist Familie Herder nicht. Bei einer bundesweiten Interessenvertretung für Pflegebedürftige werden  im Schnitt monatlich 13 Hausverbote gegen Angehörige gemeldet.

Rechtsanwalt Axel Foerster
Rechtsanwalt Axel Foerster Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diese ganzen Fälle nehmen zu. Immer dann wenn es irgendwie zu einer stressbelastenden Situation kommt, wo auch immer das herkommt. Das sind Dinge die es eigentlich nicht geben darf.

Axel Foerster, Rechtsanwalt

Ein Hausverbot ist die höchste Eskalationsstufe

Für Heimleiterin Andrea Schüler-Tecklenburg aus Leipzig bedeutet ein Hausverbot die höchste Eskalationsstufe. Sie musste in den 25 Jahren, in denen sie in der Altenpflege arbeitet, noch nie ein Hausverbot gegen Angehörige verhängen.

FAKT-Hausverbot
Heimleiterin Andrea Schüler-Tecklenburg Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wichtig ist in solchen Fällen höchstmögliche Transparenz, dass ich die Angehörigen in die Pflege mit einbeziehe, und nicht als Feinde betrachte.

Auch Altenpfleger Olaf Gey spricht sich für Toleranz aus. Er weiß, dass manche Angehörige die Arbeit der Pflegekräfte genau beobachten und Fragen stellen würden. Gerade dann müsse man mit den Leuten reden, sagt er. Zumal im Fall der Familie Herder, der zu pflegende Vater sich ausdrücklich die Anwesenheit beider Töchter wünscht.

Heimaufsichtsbehörden, die im Interesse der Heime und nicht der Pflegebedürftigen handeln. Axel Foerster kennt einige solcher Fälle. "Die Aufsichtsbehörden sind aus irgendwelchen Gründen auf die Seite der Heime gerutscht", sagte der Anwalt. Als er angefangen habe als Anwalt zu arbeiten, habe er noch relativ häufig die Heimaufsicht in Streitfällen hinzugezogen, die auch schlichtend eingegriffen hätte. Doch mittlerweile erwarte er keine Hilfe mehr seitens der Behörde.

Am Ende stellte sich sogar heraus: Die Behörde hätte diese Verfügung gegen die Töchter nicht erlassen dürfen. Inzwischen darf Ariane Herder wieder bei der Pflege im Zimmer bleiben. Doch das vom Heim ausgesprochene Hausverbot gegenüber ihrer Schwester besteht weiter.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 05. März 2019 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. März 2019, 22:32 Uhr

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3 Kommentare

06.03.2019 09:48 Rita Schubert 3

FRAGE: Was machen "Alte" im Pflegeheim, die keine Angehörigen mehr haben ?
ANTWORT: Es kümmert sich niemand um sie. Um es ganz drastisch zu formulieren "sie gammeln vor sich hin".
Ich bin 77 Jahre, krank mit fortschreitendem "Verfall". Was soll ich tun, außer einen Ausweg in der Schweiz, Luxemburg, Belgien oder den Niederlande zu suchen.
Übrigens 45 Jahre habe ich gearbeitet, vorsorgen konnte nicht , da ich alleinstehend ein Kind zu versorgen hatte. Mit meiner Rente komme ich klar!
ABER in ein deutsches Pflegeheim gehe ich nicht, so dass ich in den o. gen. Ländern vorsorgen muss. Es ist sooooooooooooo traurig!
Der letzte Talk bei Fr. Maischberger zeigte ja auch, wie hierzulande in erster Linie die Behörden versagen, um Misstände aufzukären geskchweige sie zu beseitigen!
Mit herzlichen Grüßen
Rita Schubert

05.03.2019 22:15 Heike Brandt 2

Sehr geehrte Damen und Herrn,
Ihr Beitrag über die Angehörigen des Pflegebedürftigen war einfach nur eine Unverschämtheit und zeugt von absolut dilettantischem Bildzeitung-Journalismus.
Ich arbeite seit fast 30 Jahren im Altenpflegesektor und weiß also wie ich Ihren Beitrag beurteilen muss. Einfach nur traurig !! Bitte versuchen Sie doch ordentliche Arbeit abzuliefern, sonst hat man Mühe, Ihrem Sender noch zu glauben.
Wir haben wirklich extrem große Probleme im Pflegesektor. Greifen Sie bitte diese auf und nutzen Sie Ihren Einfluss als Massenmedium, um die Situation zu verbessern. Verzichten Sie in Zukunft auf solche halbherzigen und sicher weniger als halbwahren Berichte!

Besten Dank!
Heike Brandt, PDL stationär

05.03.2019 21:56 Levin Krüger 1

Es ist schlimm, daß so etwas vorkommt. Mein Opa ist auch leider im Heim in Gotha. Ich bin so froh, dass er so liebevoll dort betreut wird mit seiner Alzheimer Demenz. Wir feierten erst kürzlich seinen 89. Geburtstag und alle in unserer Familie machen nur gute Erfahrungen mit dem Personal. Trotz allem Stress gibt es nichts zu meckern. Das muss sich mal gesagt und gewürdigt werden.

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