exakt | 06.03.2019 Traumziel Terrorstaat

Martin Lemke und Leonora Messing aus Sachsen-Anhalt gingen freiwillig nach Syrien, um sich dem sogenannten IS anzuschließen. Nun wollen sie zurück. Doch das ist derzeit unmöglich.

Martin Lemke sitzt in einem kargen Gefängnisraum im Nordosten Syriens. Er hustet, ist abgemagert, mit den Nerven am Ende. Anfang Februar hatten ihn kurdische Kräfte gefangen genommen. Anderthalb Jahre hatte er sich da schon mit seiner Familie versteckt. „Immer wenn ich eingeschlafen bin, habe ich nicht damit gerechnet, dass ich wieder aufwache“, sagt der Vater von 5 Kindern. „Wir haben jeden Tag dafür gekämpft, irgendetwas zu essen für unsere Kinder zu bekommen.“

Bevor er freiwillig zur Terrormiliz IS ging, führte Martin Lemke ein scheinbar ganz gewöhnliches Leben. Er stammt aus einem kleinen Ort bei Zeitz in Sachsen-Anhalt. Jahrelang arbeitete der gelernte Schweißer bei der MIBRAG. 2011 muss Martin Lemke mit dem Islam in Berührung gekommen sein, zeigte sich mit Käppi, Gebetsschal und seiner vollverschleierten Frau.

Martin Lemke
Lemke vor der Moschee in der Roscherstraße in Leipzig Bildrechte: Die Zeit

Später zog er mit ihr nach Leipzig, ging in der Moschee in der Roscherstraße ein und aus, die als Zentrum von Salafisten gilt und vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Im Sommer 2014 zog er in die Islamisten-Hochburg Hildesheim, wo er den radikalen Prediger Abu Walaa traf. Der steht momentan vor Gericht, weil er Kämpfer für den sogenannten IS rekrutiert haben soll. „Bei uns in Deutschland gab es Probleme, wenn die Frau vollverschleiert ist. Am Ende sind wir gegangen“, sagt Lemke im Interview. 2014 reiste Martin Lemke mit seiner zweiten Frau und dem gemeinsamen Sohn nach Syrien, in die IS-Hauptstadt Rakka .

Ein hohe Position beim sogenannten IS

Dort angekommen, soll er zunächst bei der IS-Polizei gearbeitet haben, die die Einhaltung der strengen religiösen Regeln kontrolliert. Später soll er zum Geheimdienst des sogenannten IS gehört haben. Es soll sogar Zeugen geben, die ihn bei Folterungen und Hinrichtungen gesehen haben wollen. Der 28-Jährige streitet diese Vorwürfe ab.

Martin Lemke
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich war nie an Hinrichtungen beteiligt, noch war ich dort. Ich war in einem technischen Büro, habe Laptops, Handys und Festplatten formatiert - ganz normale Arbeit.

Martin Lemke

Das technisches Büro gehörte zum IS-Geheimdienst. Martin Lemke hatte im Terrorstaat des sogenannten IS Privilegien: drei Frauen, mehrere Kinder und drei Wohnungen. All das spreche für den IS-Experten Sebastian Lange dafür, dass er eine höhere Position innerhalb des Kalifates hatte. „Es klingt sehr danach, dass Lemke entweder seine Rolle drastisch herunterspielt oder dass er eine Fehlwahrnehmung hat, dass der Islamische Staat Lemke für wichtig hielt“, sagt Sebastian Lange von der Humboldt Universität in Berlin.

Drei Ehefrauen

Leonora Messing
Leonora Messing mit ihrer Tochter in einem kurdischen Lager Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch Martin Lemkes Drittfrau, Leonora Messing aus einem Dorf in Sachsen-Anhalt, kam vor 4 Jahren nach Syrien. Die damals 15-Jährige war Lemke versprochen, drei Tage nach ihrer Ankunft heirateten sie. „Ich stand unter dieser Total-Propaganda. Ich hab mir wirklich alles kaputt gemacht“, sagt sie heute. Alle Versuche vor dem sogenannten IS zu fliehen scheiterten. Mittlerweile hat sie zwei Töchter von Martin Lemke.

Heute lebt sie mit Lemkes zweiter Frau, die aus der russischen Teilrepublik Dagestan stammt, und einem Teil seiner Kinder unter sehr schwierigen Bedingungen in einem kurdischen Lager. Insgesamt 70 IS-Anhänger aus Deutschland vermutet das Bundesinnenministerium dort. Ob die deutschen IS-Anhänger nach Deutschland ausgeliefert werden, ist unklar. Martin Lemke jedenfalls hat Sehnsucht. „Aber ich würde gern die Leute von meinem Fußballverein treffen, meine ehemaligen Kollegen und meinen ehemaligen Chef. Ich denke, was diese Leute angeht, werde ich offen empfangen.“

Doch in Zeitz sieht man das anders. Was soll er denn hier?, fragt eine Bewohnerin. „Er hat genau gewusst, was er tut. Einfach so wird man nicht zum IS-Kämpfer.“

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 06. März 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2019, 18:26 Uhr

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3 Kommentare

08.03.2019 13:56 Opa 3

Die Erwachsenen sollen die gerechte Strafe für ihr Verhalten bekommen, möglichst lange im Knast schmoren. Aber mir tun die Kinder unendlich leid. Wenn die nicht bald einen geregelten Ablauf, Bildung, Liebe und Geborgenheit bekommen, dann sehe ich für deren Zukunft schwarz und sie rutschen auf einen schiefe Bahn. Schrecklich!

08.03.2019 11:47 Ex-Anhaltinerin 2

Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise wollte ich mich im Internet über den Islam informieren und fand Seiten, die vor Demokratiefeindlichkeit und Menschenverachtung trieften und auf denen die Schriften des im Text genannten Predigers angepriesen wurden. Da ich im Ausland studiert habe und dort völlig andere Muslime kennenlernte, merkte ich, dass etwas faul sein muss. Eine Denic-Abfrage erbrachte Hildesheim als Server-Standort. Jetzt können wir also einem dieser IT-Leute ins Gesicht schauen. Haben Menschen, die hierzulande zum Islam konvertieren, wirklich nur Extremisten als Anlaufpunkte? Die anderen müssen lauter werden! Und vor allem müssen Politik und Kirche sich die Dialogpartner aussuchen, aber hier herrscht ja tlw. die Meinung vor, Stimme geben hilft gegen Radikalisierung. Wer gibt den friedliebenden eine Stimme?

08.03.2019 11:25 Halligalli 1

Läßt sie alle dort ihre Strafen in Syrien, Irak verbüßen, dort haben sie ihre Taten vollbracht, hier sorgen Sie nur zu Unmut, Gefahr. Sie sind so o. so verlorene „Kinder“, nur jetzt jammern sie um den Rechtsstaat, wohl wissend, hier bekommen sie nur Streicheleinheiten u. ein Leben mit Rundumversorgung!