exakt | 05.12.2018 Krankenkasse verweigert Krebs-Patienten lebenswichtige Untersuchung

Seit bei Wieland Stöckl eine seltene Form von Schilddrüsenkrebs diagnostiziert wurde, geht er regelmäßig zur Nachsorge. Ihn belastet nicht nur die Angst vor weiteren Metastasen. Seine Krankenkasse verweigert die Kostenübernahme für eine Untersuchung, die seine Ärzte für dringend notwendig halten. Mediziner beklagen, dass die unterschiedliche Erstattungspraxis zu einer Zwei-Klassen-Medizin führt.

Wieland Stöckl erkrankte an einer eher seltenen Form von Schilddrüsenkrebs. Mittlerweile hat er vier Jahre Behandlung und mehrere Operationen hinter sich. Hoffnung setzt er auf eine besondere Untersuchungsmethode. Doch seine Krankenkasse lehnt die Übernahme der Kosten ab: "Man ist auf der einen Seite mit der Krankheit und der Diagnose konfrontiert und blickt nicht so richtig optimistisch in die Zukunft", sagt der Mann aus Thüringen. Auf der anderen Seite "muss man mit Krankenkassen Briefwechsel führen und sich um die Kosten streiten."

Krankenkasse übernimmt PET/CT-Nachsorge nicht

Seine Krankenkasse will für eine spezielle Untersuchung, die seine Ärzte für dringend erforderlich halten, nicht bezahlen und lehnt auch nach mehrmaligen Bitten und ärztlichen Schreiben ab. Stöckl belastet das: "Was ich bis heute nicht nachvollziehen kann, auch nicht verstehe, und was bei mir eine Verbitterung auslöst ist, dass die Ärzte sagen: Am PET-CT führt kein Weg vorbei. Und die Kasse das nicht übernimmt."

Zur Vorgeschichte: Die Ärzte wollten mittels der sogenannten PET/CT feststellen, ob bei Wieland Stöckl eine erneute Operation nötig ist. Als die Kostenübernahme abgelehnt wird, appellieren sie an die Krankenkasse:

Da eine zeitliche Verzögerung der Diagnostik zu einer lebensbedrohlichen Situation für Herrn Stöckl führen kann, bitten wir um nochmalige Prüfung der Möglichkeit der Kostenübernahme für die FDG-PET-Diagnostik. Bei erneuter Ablehnung behalten wir uns vor, sozialgerichtliche Schritte zu prüfen.

Schreiben der behandelnde Ärzte
Eine PET/CT-Aufnahme des Brustkorbs.
Eine PET/CT-Aufnahme des Brustkorbs. Der Patient bekommt ein radioaktives Mittel, das im Körper zerfällt. Mit der freiwerdenden Strahlung wird krankes Gewebe sichtbar gemacht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was ist eine PET/CT? Die PET/CT ist die Kombination aus der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und Computertomographie (CT). Es ist ein bildgebendes Verfahren, mit dem Metastasen aufgespürt und die Tumoraktivität sichtbar gemacht werden kann. Die Strahlenbelastung ist vergleichsweise gering.

Bei Krebserkrankten wird häufig eine PET/CT-Untersuchung durchgeführt, um die Lage eines Tumors und seine Aktivität zu erkennen. Mithilfe der Aufnahmen kann erkranktes Gewebe lokalisiert und das Krankheitsstadium besser bestimmt werden.

Bei einer PET werden Stoffwechselvorgänge und Signalwege im Körper sichtbar gemacht, die bei Tumoren und anderen Krankheiten bereits im Frühstadium verändert sind. Diese Bildgebung wird durch die CT ergänzt, bei der Röntgenstrahlen Organ- und Knochenstrukturen in hoher Auflösung darstellen. Mithilfe der übereinandergelegten Aufnahmen aus beiden bildgebenden Verfahren, entsteht eine dreidimensionale Landkarte des Körpers, auf der erkranktes Gewebe wie leuchtende Punkte auftaucht.

Prof. Hans-Joachim Schmoll, Universitätsklinikum Halle
Hans-Joachim Schmoll, Krebsexperte Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Stöckl und seine behandelnden Ärzte setzen auf dieses bildgebende Verfahren. Allerdings gehört die Methode PET/CT nur bei wenigen Krebserkrankungen zur Regelleistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Der Schilddrüsenkrebs gehört nicht dazu. Aber: Wieland Stöckl gehört zu der kleinen Anzahl von Patienten, deren Tumorherde kein Jod einlagerten. Was diese schwer erkennbar macht. Vor zwei Jahren hatte deshalb die Kasse diese Untersuchung bezahlt, als neue Tumorherde auftraten.

Für den Krebs-Spezialisten Professor Hans-Joachim Schmoll ist das Verhalten der Krankenkasse nicht nachvollziehbar. "Es ist selbstverständlich, dass man diese Untersuchung anwenden muss", sagt der Herausgeber eines Standardwerks der medizinischen Onkologie. "Jetzt kann die Krankenkasse sagen: Erst musst du wieder mal bei Null anfangen und beweisen, dass die einfachen Untersuchungen, preiswerten Untersuchungen, das nicht bringen. Aber das ist medizinischer Unsinn! In der Situation gibt es gar keine Alternative als erneut ein PET/CT!"

Unterschiedliche Erstattungspraxis der Krankenkassen

Nach Angaben des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen ist beim Schilddrüsenkrebs die Studienlage sehr schlecht – ein besseres Überleben der Patienten nach Anwendung des PET/CT ist bislang nicht nachgewiesen. Deshalb befürchten Mediziner wie Professor Markus Essler bei diesen speziellen Diagnostikverfahren eine Zwei-Klassen-Medizin. "Obwohl wir Ärzte schon seit Jahren PET anwenden und bei Privatpatienten auch ganz erfolgreich einsetzen, wird sich auch in der nahen Zukunft für viele Patienten die Lage nicht ändern", sagt der Leiter der Nuklearmedizin an der Universitätsklinik Bonn.

Wieland Stöckl
Wieland Stöckl kämpft für die Kostenerstattung seiner Krebsuntersuchungen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Solange sich an der Studienlage nichts ändert, werden Essler zufolge weiterhin meist nur Privatpatienten ambulante PET-Untersuchungen bekommen können. Kassenpatienten wie Wieland Stöckl, die nicht stationär in einer Klinik sind, könnten weiterhin nicht profitieren. Dabei haben die Krankenkassen gerade bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung wie Krebs einen gesetzlichen Spielraum. Doch diesen Spielraum nutzen längst nicht alle Kassen.

In Deutschland besteht nach Ansicht von Markus Essler ein Flickenteppich. Kassen reagierten vollkommen unterschiedlich auf die Anfrage, eine PET/CT-Untersuchung zu übernehmen. In manchen Regionen schickten Kassen die Patienten zu wenigen Praxen, mit denen sie einen Vertrag haben. Andere Kassen kämen dagegen direkt für die Kosten auf. Oder aber die dritte Möglichkeit, bestimmte Kassen verweigerten die Erstattung durchweg.

Bei Wieland Stöckl hatte die Kasse schon einmal die PET/CT-Untersuchung übernommen. Jetzt jedoch, bei erneut steigenden Tumormarkern, also dem Risiko neuer Herde, verweigert sie ihm das. An Krebs erkrankt zu sein, ist allein schon eine schwere psychische Belastung für die Betroffenen; schlimm, wenn dann noch ein Kampf ums Geld dazukommt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 05. Dezember 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Dezember 2018, 20:04 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

4 Kommentare

12.12.2018 01:06 HB 4

Warum nennen Sie im Beitrag nicht den Namen der Kasse, welche nicht zahlt? Das fände ich interessant zu erfahren.

05.12.2018 21:36 Brennabor 3

21.000.000.000 € Überschuss, in Worten 21 Milliarden
Euro Überschuss. Damit kann keinen geholfen werden, es fehlen noch 34 Cent.

05.12.2018 19:57 part 2

Zu viele Krankenkassen in der BRD deren Vorstände manchmal monatlich mehr bekommen als unsere Bundekanzlerin für ihre harte Arbeit. Auf der anderen Seite eine börsenorientierte Gesundheitsindustrie, die nur an kranken Menschen ausreichend Profit schöpft und die Erwartungen der Wettgeschäftigen erfüllen möchte. Ob nun Klinikkonzern oder der Arzt als Freelancer auf der einen Seite und keine einheitliche staatliche Gesundheitsversicherung auf der anderen Seite, das System Shizophren wird die Gesundheit des Volkers nicht befördern.

05.12.2018 19:35 Alf 1

Gerade heute wieder in den Nachrichten von Milliarden-Überschüssen bei den Krankenkassen gehört. Raff, raff, raff... Armes Deutschland :-(