exakt | 13.02.2019 Unterschätztes Problem: Analphabetismus in Deutschland

Eine Fahrkarte für die Bahn zu kaufen wird schon zum Problem. Etwa 7,5 Millionen Analphabeten gibt es in Deutschland. Oft beginnt es mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche.

Korrektur: Im anhängenden Film wird behauptet, Thüringen biete spezielle Klassen für Kinder an, die an einer Lese-Rechtschreib-Schwäche leiden. Das ist nicht der Fall. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

Jochen Hofmann hat Angst vor Terminen bei Ämtern oder der Krankenkasse. Der 56-jährige kann weder lesen noch schreiben. Er schämt sich.

Ich habe da so ein komisches Angstgefühl. Ich geh zwar hin zu den Behörden, aber kann denen das nicht ins Gesicht sagen. Ich sage dann, ich habe die Brille vergessen, lesen Sie mir das mal vor.

Jochen Hofmann Analphabet

Noch können viele Analphabeten mit solchen Tricks ihren Alltag meistern. Doch in Zeiten des Internets und mit dem Vormarsch der digitalen Kommunikation wird es für sie immer schwerer. Hofmann besucht inzwischen einen Alphabetisierungskurs, um gemeinsam mit anderen Betroffenen aus der Isolation herauszufinden.

Für Jochen Hofmann ist schon die Bedienung eines Fahrkartenautomaten eine Herausforderung
Für Jochen Hofmann ist schon die Bedienung eines Fahrkartenautomaten eine Herausforderung Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

42.000 Kinder in Sachsen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche

Viele Experten sehen eine Wurzel für Analphabetismus in der Kindheit. Kinder, die an einer Lese-Rechtschreib-Schwäche leiden, seien besonders gefährdet.

Noten auf einem Zeugnis
Kinder mit LRS müssen früh gefördert werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Sachsen leben gut 340.000 Kinder zwischen sechs und 15 Jahren. 42.000, also über 12 Prozent von ihnen, haben eine solche Lese-Rechtschreib-Schwäche. Aufmerksame Grundschullehrer seien wichtig, damit die Kinder richtig gefördert werden können, sagt die Pädagogin Sonja Anskat.

Ich denke, dass diejenigen, die eine ausgeprägte Lesestörung haben und das dann nicht weiter trainiert wird nach der Schule, nicht weitergefördert wird, dass die zurück in den Analphabetismus fallen können.

Sonja Anskat LRS-Lehrerin

Wer einmal durchs Raster gefallen ist, hat es später schwer. Jochen Hofmann und seine Mitstreiter lernen nun von Montag bis Freitag sechs Stunden täglich, um aufzuholen, was sie in der Schule verpasst haben. Der Bedarf an Alphabetisierungskursen in Sachsen ist immens. 300.000 Analphabeten gibt es im Freistaat – die meisten von ihnen bleiben unsichtbar.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 13. Februar 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Februar 2019, 18:40 Uhr

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