exakt | 16.01.2019 Falsche Enthüllungen?

Der Enthüllungsjournalist Shams Ul-Haq arbeitete undercover in Moscheen und beschreibt bedrohliche Zustände. Jetzt kommen Zweifel an einigen seiner Recherchen auf.

Er ließ sich einen Bart wachsen und gab sich als Geschäftsmann aus Pakistan aus. So schleuste sich der Extremismus-Experte und Enthüllungsjournalist Shams Ul-Haq in Graz, Genf, Essen, Berlin und Hamburg in Moscheen ein. Auch in der Leipziger  Al-Rahman Moschee gab er sich als neues Gemeindemitglied aus und bekam so nach eigenen Aussagen „Schlimmes“ mit. Von „Hasspredigten gegen Ungläubige“ ist da die Rede.

Sham Ul-Haq
Shams Ul-Haq Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der gebürtige Pakistaner Shams Ul-Haq, der 1990 als Flüchtling nach Deutschland kam, hatte vorher unter anderem als Schweißer, Autoverkäufer und Detektiv gearbeitet. 2007 begann er seine journalistische Karriere bei der Welt. Seine Herkunft sowie seine Fremdsprachenkenntnisse in Arabisch oder Farsi nützten ihm dabei. 2015 recherchierte er zum ersten Mal undercover in Asylunterkünften.

Seine Beobachtungen treffen in Deutschland und in den Nachbarländern auf fruchtbaren Boden. Er berichtete für mehrere deutsche (N24, ARD), schweizer und österreichische Medien aus Afghanistan oder Libyen. Auch in der BILD-Zeitung und der Leipziger Volkszeitung beschrieb er extreme Gefahren, die von der sächsischen Salafisten-Szene ausgehen würden. In der Bild-Zeitung behauptet er, der Leipziger Imam Hassan Dabbagh würde Kinder zum Terrorkampf verführen.  MDR exakt gegenüber bezeichnete er die Leipziger Al-Rahman-Moschee als Hotspot des Salafismus, in der Salafisten zu Imamen ausgebildet werden. 

Der sächsische Verfassungsschutz hegt Zweifel

Der sächsische Verfassungsschutz beobachtet die Al-Rahman-Moschee seit Jahren und kann diese Behauptungen nicht bestätigen. Im Bericht des Verfassungsschutzes heißt es, dass sie einen Schwerpunkt salafistischer Bestrebungen in Sachsen bildet. Vor allem ihr Vorstand und Imam Hassan Dabbagh, ein salafistischer Prediger, steht unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Denn – und darin sind sich alle einig – ist der Salafismus eine radikale gefährliche Form des aktuellen politischen Islamismus in der Bundesrepublik Deutschland und im Freistaat Sachsen. Doch man dürfe nicht dramatisieren, sagt Martin Döring, Sprecher des  Landesamts für Verfassungsschutz Sachsen.

Denn deutschlandweit gibt es laut Informationen der Verfassungsschutzbehörden rund 11.000 Salafisten, 3.000 allein in Nordrhein-Westfalen. Im Freistaat Sachsen werden nur rund 200 Salafisten gezählt.

In diesem Zusammenhang von einer Hochburg des Salafismus in Deutschland zu sprechen, erscheint uns nicht angemessen zu sein.

Martin Döring, Sprecher Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen

Er verstrickt sich in Widersprüche

Was ist also dran an Ul-Haqs Aussagen? Bei Erklärungen verstrickt er sich in Widersprüche. Zweifel gibt es zum Beispiel auch an einem angeblichen Treffen mit der wegen Blasphemie  zum Tode verurteilte Christin Asia Bibi.  Bei Vatican News behauptete er im Dezember 2018, er habe sie in Pakistan persönlich besucht. Ihr pakistanischer Anwalt Saif Ul-Malook erklärt auf Anfrage des Hessischen Rundfunks: Kein Journalist durfte Asia Bibi während ihrer Jahre in der Todeszelle in Pakistan besuchen. Und auch jetzt, wo sie freigesprochen unter Polizeischutz an einem geheimen Ort lebt, sei das nicht möglich.

Warum aber wurde dem Journalisten Ul-Haq  geglaubt? Für Tom Bioly vom Orientalischen Institut der Universität Leipzig spielt sein muslimischer Hintergrund eine große Rolle, der ihm viel Glaubwürdigkeit verleihe. Zudem seien „steile Thesen“ gern gesehen, vor allem aber herrsche eine generelle Unwissenheit zum Thema vor.

Die Öffentlichkeit weiß einfach ganz wenig über Moscheen und Moscheegemeinden in Deutschland, insbesondere hier in Sachsen  und nimmt dann jede Aussage, die irgendwie getroffen wird, sehr sehr gerne hin und schnell für bare Münze.

Tom Bioly, Orientalisches Institut der Universität Leipzig

Dieses Thema im Programm: MDR exakt | 16. Januar 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Januar 2019, 19:13 Uhr

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