exakt | 01.08.2018 Ostbeauftragter trifft den Osten

Manche wissen gar nicht, dass es ihn gibt - den Ostbeauftragten der Bundesregierung. Er ist zuständig für die Belange von rund 16 Millionen Ostdeutschen. Seit März ist das CDU-Politiker Christian Hirte aus Thüringen. Was treibt ihn um, was will er erreichen? Wir haben ihn auf seiner Sommertour begleitet.

Christian Hirte will wissen, was los ist im Land. Er ist auf Sommerreise durch den Osten. Eine Sommerreise wie bei fast jedem Politiker - und doch anders. Es ist die erste Reise als neuer Ostbeauftragter der Bundesregierung. Die Aufgabe hat der Thüringer Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium vor einigen Monaten übernommen.

Der Christdemokrat ist 42 Jahre jung, katholisch, gelernter Jurist und dreifacher Familienvater. Als neuer Interessensvertreter für den Osten möchte er einiges anders machen. Er möchte, wie er selbst sagt, als Ostbeauftragter einen "neuen Sound" setzen. Er, der in Bad Salzungen aufgewachsen ist, sagt: "Ich bin der festen Überzeugung, dass man mit mehr Selbstbewusstsein die eigenen Stärken hervorstellen kann." Dem Klischee des obersten "Jammerossis" kann Hirte nichts abgewinnen. Stattdessen will er sich um positive Ausblicke für den Osten bemühen.

Austausch mit "normalen" Menschen

Ostbeauftragter Christian Hirte (CDU) mit einer Dozentin der Hochschule Schmalkalden
Christian Hirte während seiner Sommerreise im Gespräch mit einer Dozentin der Hochschule Schmalkalden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als Parlamentarischer Staatssekretär ist Hirte vor allem für den Mittelstand zuständig. Das Feld der Wirtschaftspolitik besetzt er auch am Tag seiner Sommertour, bei der ihn MDR-exakt begleitet. Hirte ist an die Hochschule Schmalkalden gekommen. Er soll vor angehenden Wirtschaftswissenschaftlern eine Gastvorlesung halten. Thema: "Der Osten - Abstellgleis oder Zukunftslabor?".

Was verspricht sich Hirte von dem Tag? Er sagt, die Zeit sei wichtig, um mit „normalen“ Menschen ins Gespräch zu kommen. „um rückzukoppeln, wie die Gemengelage in der Bevölkerung ist, und um Politik zu erklären, vielleicht auch zu rechtfertigen." Das sei in diesen Tagen nicht einfach. Hirte zählt auf, mit welchen Themen der Osten aus seiner Sicht allzu oft in den Schlagzeilen steht: "Der Osten als Hochburg der AfD oder fremdenfeindlicher Übergriffe, als Niedriglohnland, als entvölkerter, als vergreister Landstrich." Was für ihn in der Debatte viel zu kurz kommt, sei die andere, positive Sicht auf den Osten: "Der Osten als Hochburg der Selbstständigen, als Ort, an dem mehr Kinder geboren werden, der Arbeitsmarkt, wie etwa hier in der Region [Anm. d Red. Schmalkalden-Meiningen] praktisch bei Vollbeschäftigung ist."

Doch Vollbeschäftigung bedeutet für viele im Osten noch lange nicht, dass sie auch von ihrer Arbeit leben können. Ein starkes Selbstbewusstsein ist ohne gleichzeitiger Wirtschaftskraft nicht viel wert. Daran will Hirte arbeiten. Aber auch er sagt, es sei nicht realistisch, "eine zweite Siemens- oder Daimlerzentrale in Schmalkalden oder Suhl oder Erfurt zu haben." Man müsse "mit den bestehenden Strukturen - mit den mittelgroßen Unternehmen - leben und diese beim Wachstumsprozess unterstützen", so der CDU-Politiker.

Hirte will "Stimme der Ostdeutschen" sein

Ostbeauftragter Christian Hirte (CDU) als Kassierer in einem Thüringer Supermarkt
Ostbeauftragter Christian Hirte (CDU) kassiert für einen guten Zweck. So will er mit den Menschen ins Gespräch kommen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hirtes Job wird oft belächelt. Ein Job, von dem so mancher gar nicht weiß, dass er existiert. Ostbeauftragter? Die Einwohner in Dermbach in der Rhön geben sich verhalten auf die Reporterfrage, wie notwendig es sei, dass es jemanden im Bundestag gibt, der sich ausschließlich um den Osten kümmert. Ein Mann sagt: "Ob er der Richtige ist? Das weiß ich nicht. Keiner kann etwas ändern dran, das ist eben so. Ob ich nun dieses Jahr die wähle oder das nächste Mal die anderen. Ändern tut sich nichts." Eine Frau sagt: "Ich glaube nicht, dass was rauskommt."

Christian Hirte macht sich daran, das Gegenteil zu beweisen. Er versteht sich als "Stimme der Ostdeutschen" und will ihre Interessen vertreten. Gelegenheit dazu hat Hirte beim Termin mit Mittelständlern und Wissenschaftlern aus der strukturschwachen Rhönregion. Dort hoffen sie auf mehr Arbeitsplätze - und auf die Unterstützung durch den neuen Ostbeauftragten. Zu wenig Kapital, Niedriglöhne oder Langzeitarbeitslosigkeit - diese Probleme begleiten Christian Hirte nicht nur in der Rhön, sondern überall im Osten. Hirte sagt, man müsse es "hinnehmen, dass die Leute ihrem Protest Ausdruck verleihen." Aufgabe der Politik sei es, "nicht den populistischen Schreiern am rechten Rand nachzugeben, sondern die Probleme, die sie teilweise berechtigt adressieren, anzugehen und einer vernünftigen Lösung zuzuführen." Deshalb sei es gut, dass es zum ersten Mal seit 17 Jahren wieder einen Kabinettsausschuss "Neue Länder" geben wird. "Der Bugschuss hat geholfen bei den Wahlen. Das muss man sagen, dafür war's gut", fasst der Ostbeauftragte aus Thüringen zusammen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 01. August 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. August 2018, 19:49 Uhr

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4 Kommentare

02.08.2018 07:26 Britta 4

Und wo ist der Westbeauftragte? Von Bayern oder B-W mal abgesehen, gibt es bspw. in NRW ähnliche Probleme wie in Thüringen: rechte Szene in Dortmund, Arbeitslosigkeit, Kinderarmut. Es ist immer die Rede von Angleichung der Verhältnisse in Ost und West. Die Menschen in Duisburg-Marxloh oder Herne freuen sich bestimmt, wenn ihre Verhältnisse bald wie bspw. in Jena sind.

Es muss Schluss sein mit dem Vergleich von Ost und West! Was wir brauchen ist ein klarer Blick auf die strukturschwachen Regionen in Gesamtdeutschland. Und die gibt es nicht nur im Osten und sicherlich auch nicht in der Mehrheit!

01.08.2018 23:07 REXt 3

Was man 30J vernachlässigt hat, kann man nicht mit ein paar Löffel Honig um,s Maul schmieren, wegwischen! Moralapostel gibt es genug in diesem Land, außerdem haben die Leute im Osten noch ein Gespür von Demokratie, was unseren „satten „Schwestern u. Brüdern im Westen schon lange abhanden gekommen ist. Das Maß ist voll, eine andere Politik muß her, für Deutsche zu erst, und nicht Milliarden von € in der Welt verstreuen, um mit „Heiligenschein“ in die Geschichtsbücher einzugehen!

01.08.2018 21:27 Ichich 2

Wenn man sich die Schulergebnisse ansieht, dann hat "Ostdeutschland" eine gute Zukunft. Ich sehe drei Haupthindernisse: 1. Die wichtigsten Firmen- und Konzernzentralen sitzen in Westdeutschland und sorgen dort für Beschäftigung und "Landschaftspflege", 2. Aufgrund der SED-Wirtschaftspolitik gibt es historisch und nun fortwirkend zu wenige mittelständische(!) Unternehmen. 3 Die ostdeutschen Unternehmen müssen sich daran gewöhnen, höhere Löhne zu zahlen, um die thüringer, sächsischen etc. Ingenieure, Chemiker usw. im Lande zu halten.

01.08.2018 21:13 Axel 1

Oh,

der Beauftragte besucht das Protektorat. :-)))

"Er versteht sich als "Stimme der Ostdeutschen" und will ihre Interessen vertreten." ist geradezu lächerlich!

Ich glaube bis heute NICHT, das nur eine OSTdeutsche oder ein OSTdeutscher möchte, dass das die eigenen Kinder in Armut aufwachsen!
DANKE für NIX, OBER-Hirte!