exakt | 04.07.2018 Blechlawinen vor der Haustür

Im letzten Herbst sackte die Autobahn A20 bei Tribsees ein. Seitdem werden die Automassen durch zwei kleine Ortschaften umgeleitet - für die Anwohner eine extreme Belastung.

PKW, Laster, Busse - seit einem Dreivierteljahr bietet sich Erika Baumgart jeden Tag das gleiche Bild. Rund 17.000 Autos pro Tag rollen an ihrem Haus vorbei. Das bedeutet nicht nur Lärm, Dreck und Abgase. Zu Hochzeiten ist es quasi unmöglich, die Straße  vor der Haustür zu überqueren. "An manchen Tagen ist man wirklich der Verzweiflung nahe. Sie können ja kein Fenster aufmachen, Sie können nichts. Das ist kein schönes Leben", sagt die Wirtin. Auch die kleine Gaststätte, die sie seit fast 40 Jahren betreibt, leidet: Ab und an halten zwar Autofahrer auf der Durchreise zum Mittagessen an. Doch die Stammgäste, die vor allem am Wochenende kamen, bleiben aus.

Als hätte es ein Erdbeben gegeben

Ostseeautobahn
Erika Baumgart vor ihrer Haustür: Autos dicht an dicht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Katastrophe begann im letzten Herbst. Die Autobahn 20 sackte bei Tribsees ein, als hätte es ein Erdbeben gegeben. Vermutlich waren die Stützstreben zu schwach, die beim Autobahnbau im torfigen Boden eingesetzt wurden.Seitdem wird der gesamte Verkehr in Richtung Stralsund, Rügen und Usedom durch Langsdorf und Böhlendorf umgeleitet. Wenn dann noch die Urlauber dazu kommen, ist die Grenze der Belastbarkeit erreicht. Die Anwohner sind in Aufruhr. Denn trotz Blitzer rasen Autos mit hundert Sachen durch die kleinen Ortschaften.

Wir sehen hier wirklich eine Gefahr für Leib und Leben für unsere Kinder, für unsere älteren Menschen und auch für uns selbst, wenn mal wirklich ein LKW außer Kontrolle gerät.

Anwohner Günter Gregori

Die Nerven liegen bei den Anwohnern blank

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Kay Beutel hat mit weiteren verkehrsgeplagten Anwohnern eine Bürgerinitiative gegründet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Deshalb haben er und Kay Beutel eine Bürgerinitiative für die verkehrsgeplagten Bewohner gegründet.  Mitte Juni lud sie Einwohner aus Böhlendorf und Langsdorf zur Bürgerversammlung ein. Anwohner erklärten ihre Situation, Verantwortliche von Straßenbauamt, Ordnungsamt und der Polizei hörten sich die Sorgen und Nöte an. Reagieren aber konnten sie kaum. Derzeit fehlt es an Personal. Das Ordnungsamt hätte zwar extra neue Leute eingestellt, doch die müssten erst geschult werden, um noch zusätzliche Messungen im mobilen Bereich machen können. Die Einwohner können dann hoffen, dass zusätzliche Blitzer die Autofahrer disziplinieren.

Bisher sind die Anwohner aufgebracht. Die tagtäglichen Zumutungen durch den Verkehr hinterlassen Spuren. Die Nerven liegen blank.Vielleicht hat der Verkehrswahnsinn bald ein Ende? Ende des Jahres, so heißt es, soll eine Behelfsbrücke fertig gestellt werden. Dann soll der umgeleitete Autoverkehr nicht mehr durch die beiden Dörfer führen. Bis dahin müssen die Einwohner damit leben, dass sich Blechlawinen durch ihre Orte wälzen, jeden Tag aufs Neue.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 04. Juli 2018 | 20:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juli 2018, 19:43 Uhr

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