Badewanne in einem Pflegeheim
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Exakt aktuell Experte befürchtet Zunahme von Verbrühungsunfällen in Pflegeheimen

In einem Dessauer Pflegeheim wurde ein Rentner beim Baden so stark verbrüht, dass er an seinen Verletzungen starb. Zu solchen Verbrühungen von Pflegebedürftigen kommt es immer wieder. Experte Roland Lapschieß sieht zwei Entwicklungen, die das Problem noch verschärfen könnten.

Badewanne in einem Pflegeheim
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Wir haben schon 2017 über das Thema Qualitätsmanagement beim Baden und Verbrühschutz berichtet. Gab es seitdem Verbesserungen?

Lapschieß: "Seit dem Unfall im März 2017 hat es meines Wissens keine weiteren Verbesserungen in dieser Hinsicht gegeben. Ob die Heimaufsichtsbehörden bei ihren Begehungen auf die Gefahr durch heißes Wasser hinweisen und prüfen, ob Temperaturbegrenzer installiert oder zumindest Thermometer in den Sanitärräumen vorhanden sind, ist mir nicht bekannt."

Roland Lapschieß
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Interview mit Roland Lapschieß

Dozent für Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen,
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

Wird das Thema aus Ihrer Sicht ernst genug genommen?

Lapschieß: "Nein! Wenn sich ein Verbrühungsunfall in einer Pflegeeinrichtung ereignet, sind die Schuldigen schnell gefunden. Fast immer werden die Pflegekräfte, die für die Durchführung und Überwachung der Pflegemaßnahmen zuständig waren, strafrechtlich haftbar gemacht. Meistens ist das schuldhafte Verhalten auch ein Kündigungsgrund.

Eine Aufarbeitung des Unfalls bleibt den Juristen überlassen, sofern es zu einer Anklage kommt. Eingehende Analysen der Verbrühungsunfälle in den betroffenen Einrichtungen finden in der Regel nicht statt. Dabei sind alle Pflegeeinrichtungen gesetzlich verpflichtet, ein internes Qualitätsmanagement einzuführen und weiterzuentwickeln. Eine wesentliche Aufgabe des Qualitätsmanagements ist es, aus Fehlern zu lernen. Dazu ist eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der Entstehungsgeschichte des Unfallereignisses notwendig. Dazu müssen die Risikofaktoren identifiziert werden, die den Verbrühungsunfall begünstigt haben, um anschließend wirksame Vorbeugungsmaßnahmen zu ergreifen."

Nun gab es wieder einen tödlichen Verbrühungsfall in Dessau. Was zeigt diese Häufung?

Lapschieß: "Ich glaube nicht, dass man auf Grund der öffentlich bekannten Verbrühungsunfälle von einer Häufung sprechen kann. Allerdings berichten die Medien regelmäßig über Verbrühungsunfälle, die zu schwersten Verletzungen geführt haben. Wie oft es tatsächlich zu Verbrühungen in Pflegeeinrichtungen kommt ist nicht bekannt, weil diese Unfälle nicht erfasst werden. Im Rahmen von Qualitätsmanagementschulungen erzählen mir Pflegekräfte immer wieder von Verbrühungsunfällen in Pflegeeinrichtungen. Die Presse berichtet nur, wenn sich besonders schwere Unfälle ereignet haben oder sich Pflegekräfte vor Gericht verantworten müssen.

Inzwischen habe ich eine etwa 40-jährige Pflegebedürftige kennengelernt, die auf Grund einer Hirnverletzung ambulante Pflege in Anspruch nehmen muss. Auch sie hat vor einiger Zeit beim Duschen durch eine Pflegekraft schwere Verbrühungen erlitten, die Hauttransplantationen nach sich gezogen haben. Vermutlich sind die öffentlich bekannten Fälle nur die Spitze des Eisbergs."

Was fordern Sie? Was müsste passieren?

Lapschieß: "Die wirksamste Maßnahme zur Verhinderung von Verbrühungsunfällen wäre es, die Installation von Temperaturbegrenzern für Dusch- und Badearmaturen in Pflegeeinrichtungen in allen Bundesländern gesetzlich vorzuschreiben und die Umsetzung zu überprüfen. Außerdem ist es notwendig ein Thermometer zu verwenden, um die Wassertemperatur zu messen. Die Ansicht, man könnte die Wassertemperatur durch Fühlen mit der Hand oder dem Unterarm kontrollieren, ist ein großer Irrtum. Vielen Pflegenden ist nicht bewusst, wie gefährlich heißes Wasser sein kann. Es ist daher notwendig, dass Pflegekräfte im Rahmen ihrer Ausbildung auf die potentiell tödlichen Gefahren durch heißes Wasser hingewiesen werden. Leider fehlen auch in den meisten Lehrbüchern für Pflegende Hinweise auf die Verbrühungsgefahr.

Ich befürchte, dass es in Zukunft häufiger zu Verbrühungen in Pflegeeinrichtungen kommen wird, weil es zwei wesentliche Risikofaktoren für die Entstehung von Verbrühungsunfällen gibt, die wir nicht beeinflussen können, nämlich die zunehmende Zahl dementiell erkrankter Bewohner, die einen erhöhten Betreuungsaufwand benötigen und die gleichzeitig bestehende Personalnot in der Pflege, die zu Stress bei der Versorgung Pflegebedürftiger führt."

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 01. März 2019 | 09:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. März 2019, 13:44 Uhr