exakt | 04.07.2018 Schlechte Arbeit - Macht der Staat mit?

Der Wettbewerb unter den Gebäudereinigern ist hart. Zu spüren bekommen das vor allem die Mitarbeiter. Viele müssen Überstunden machen. Denn: Die Vorgaben, wie viel in einer bestimmten Zeit zu leisten ist, sind nicht machbar. Darunter leidet auch die Sauberkeit. Mitverantwortlich für diesen Zustand ist auch die öffentliche Hand, die das wirtschaftlichste Angebot annehmen muss.

Mit ihren lilafarbenen Handschuhen reinigt Evelin Struck routiniert ihr heimisches Badezimmer. Bei der 67-Jährigen sitzt jeder Handgriff. Mit dem Putzen kennt sie sich aus - das dachte sie bisher eigentlich. Doch als die Rentnerin im vergangenen Jahr anfing, in einer Kindertagesstätte zu putzen, um sich etwas dazu zu verdienen, merkte sie schnell: Mit dem Putzen, wie sie es kannte, war die professionelle Gebäudereinigung nicht zu vergleichen. "Das war etwas ganz anderes. Zu Hause putzt man relativ kleine Räume. Da war eben alles großflächig", sagt Evelin Struck.

"Kindergarten war purer Stress"

Insgesamt 700 Quadratmeter groß sind die beiden Häuser der Kindertagesstätte in Hötensleben in Sachsen-Anhalt, die die Rentnerin sauber machte. Nach den Vorgaben des Arbeitgebers sollte sie 3,5 Stunden dafür brauchen. Wenn sie aber gründlich putzen wollte, brauchte sie länger, als in ihrem Vertrag stand: "Kindergarten war Stress. Purer Stress." Um alles bewältigen zu können und auch aus Pflichtbewusstsein sei sie von sich aus oft länger geblieben. Für die Überstunden habe sie aber nie Geld verlangt. Und wirklich sauber sei es trotzdem nie gewesen, sagt die 67-Jährige.

Unrealistische Normen bei der Reinigung

Evelin Struck
Um sich im Alter noch etwas leisten zu können, fing Evelin Struck neben der Rente an, zu putzen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

3,5 Stunden für 700 Quadratmeter und sechs Bäder mit Toiletten für die Kinder, plus Erziehertoiletten: Evelin Struck hatte sich beeilt, doch in der Zeit hatte das nicht hingehauen. Dabei hatte die 67-Jährige ein gutes Gefühl – von einer öffentlichen Einrichtung wie einer Kindertagesstätte hatte sie erwartet, fair behandelt zu werden. "Ich dachte, ist ja gesteuert von der Gemeinde. Wenn, dann kann man sich ja da mal hinwenden, aber das war dann alles nichts."

Angestellt war die Evelin Struck bei einer privaten Putzfirma. Die hatte eine öffentliche Ausschreibung der Gemeinde gewonnen. Ein Modell, das in den meisten Kommunen und Kreisen üblich ist. Auch in Pößneck in Thüringen. Dort hatte eine private Reinigungsfirma den Zuschlag für eine Grundschule erhalten. Die Schulleiterin Silke Neupert sagt, mit der Firma hätte es von Anfang an Probleme gegeben. Ihre Schule sei einfach nur dreckig gewesen, jeden Tag hätten sich ihre Lehrerkollegen bei ihr beschwert.

Man ist ohnmächtig in einer gewissen Weise. Den Reinigungskräften wirfst Du vor, Du hast Dein Pensum nicht geschafft, zum anderen weiß man aber, die Reinigungskräfte sind hier schwitzend, flitzend durchs Schulhaus gerannt. Haben versucht, ihr Bestmöglichstes zu geben.

Silke Neupert, Leiterin der Staatlichen Grundschule Pößneck
Silke Neupert, Leiterin der Staatlichen Grundschule Pößneck
Silke Neupert, Direktorin der Grundschule Pößneck kennt den Zeitdruck der Putzkräfte und die dadurch entstehende mangelnde Sauberkeit. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Um sich einen Eindruck vom Zeitdruck zu verschaffen, wurde die Direktorin selbst aktiv. "Ich hab' mal eine Reinigungskraft beobachtet und dachte ... mmhmmm ... und dann habe ich selbst versucht, in acht Minuten so einen Klassenraum zu reinigen. Also ich brauch mehr, deutlich mehr Zeit." Viele der Putzfrauen in ihrer Schule blieben länger. Sie wisse von Reinigungskräften, die manchmal am Tag zwei oder drei Stunden mehr gearbeitet hatten, nur um das Pensum zu schaffen. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Reinigungsfirma bestätigt MDR-exakt: Es wurde länger gearbeitet.

Kommune: Kein Einfluss auf Arbeitsbedingungen

Inzwischen ist die Reinigungsfirma nicht mehr für das Schulgebäude in Pößneck zuständig. Der Saale-Orla-Kreis hat ihr im vergangenen Jahr gekündigt. Mit der öffentlichen Ausschreibung habe die Kommune jedoch keinen Einfluss auf die Details in Arbeitsverträgen, sagt Andrè Jahn vom Landkreis, der die Reinigungsfirmen für die Schulen beauftragt. Er sagt: "In der Ausschreibung wird uns eine Stundenanzahl angeboten. Die bezahlen wir auch. Aber der Arbeitsvertrag mit der Reinigungskraft sieht dann unter Umständen was anderes vor."

Laut dem Vergabegesetz für öffentliche Ausschreibungen bekommt der wirtschaftlichste Anbieter den Zuschlag. Diese Firma ist vielleicht günstig, aber unter Umständen auf Kosten der Angestellten. Aber warum schreiben Kreise und kreisfreie Städte Reinigungs-Dienstleistungen weiter öffentlich aus? Die Hauptgründe: Es sei wirtschaftlicher und man brauche kein eigenes Personal mehr.

Nicht per se gegen öffentliche Ausschreibungen

Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Beate Müller Gemmeke, kritisiert, dass bei billigen Angeboten das Soziale hinten runterfalle. "In dem Moment, wenn es ausgeschrieben wird, wenn Betriebe dazukommen, dann geht natürlich dieser Wettbewerb los und viel zu viele Kommunen gehen dann wirklich nach den billigsten Anbietern - was nicht richtig ist, man muss natürlich wirtschaftlich günstig schauen. Aber da muss die Qualität stimmen und vor allem muss es auch sozial gerecht zugehen."

Die Einheitsgemeinde Tangerhütte hat einen Mittelweg gefunden. Hier gibt es sowohl einige private Firmen als auch 14 fest angestellte Reinigungskräfte. Bürgermeister Andreas Brohm ist von seinen festen Mitarbeitern überzeugt: "Wir haben hier Personal was möglicherweise aus dem Dorf kommt oder mit dem Fahrrad aus dem Nachbardorf. Das ist eine ganz andere Einstellung, die Tätigkeit auszuüben."

Preiskampf geht vor Qualität

Evelin Struck
Evelin Struck putzt heute nur noch zu Hause. In ihrem Nebenjob als Putzkraft in einer kommunalen Kita vermisste die 67-Jährige faire Bedingungen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Reinigungskräfte im öffentlichen Dienst wie es sie in Tangerhütte gibt, sind zur Ausnahme geworden: Auf komplett eigenes Personal setzen in Mitteldeutschland überhaupt nur zwei Landkreise. So war auch Evelin Struck statt bei der Kommune bei einer privaten Putzfirma angestellt. Von der Firma fühlte sie sich vor allem gehetzt und nicht gerecht behandelt. Ihr Vertrag ist zwar ausgelaufen, doch noch streitet sie sich mit der Reinigungsfirma um Urlaubsgeld. In einem ist sich die 67-Jährige sicher: Den Putzlappen will sie nur noch zu Hause in die Hand nehmen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 04. Juli 2018 | 20:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Juli 2018, 21:25 Uhr

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6 Kommentare

05.07.2018 16:14 Pfingstrose 6

Diese Akordarbeit ist Ausbeutung von den durch den Menschen. Wer solche Arbeitszeiten vorgibt sollte sie erst einmal selbst verrichten. Ich kenn dies, ich habe auch Unterhaltsreinigung in einen Klinikum ein halbes Jahr gemacht. Die Zeit ist einfach für gründliches und sauberes reinigen zu kurz, keine Pausen und 8 Stunden geschindert. Wer es nicht geschfft hat mußte länger arbeiten o9der bekam statt damals 7,50 Euro die Hälfte des Stundenlohnes abgezogen.

05.07.2018 13:14 Sr.Raul 5

Komplett richtig, @04 (Logo). Kenne selber noch die goldenen Zeiten, wo jede KiTa, Schule oder sonstige öffentliche Einrichtung ihre eigenen im ÖD angestellten Reinigungskräfte hatte. Da lief das Ganze aber so was von besser. Schon allein weil die MA täglich 8h vor Ort gewesen sind. Aber Privat kann ja Alles besser und viiiieeeel schneller sowie günstiger noch dazu. Wie viele andere Sparten, Welche dem Ausgliederungswahn zum Opfer fielen. Meine Erfahrung: Es wurde damit Nix besser und preisgünstiger. Eher das komplette Gegenteil ist der Fall.

05.07.2018 07:30 Logo 4

Dieser abwitzige Druck wurde doch erst erzeugt, als die Finanzminister meinten, sie müssten im öffentlichen Dienst alle Reinigungskräfte (u. a.) entlassen, um Geld einzusparen. Im gleichen Atemzug haben die Behörden sie wieder über billige Verträge "eingekauft". Durch die Unterarbeitsverhältnisse - nichts anderes ist es - konnte die öffentliche Hand seine Hände in Unschuld waschen. Dem Volk und den Medien konnte Stellenabbau verkauft werden. Die Folgen waren absehbar, sie interessieren nur nicht. Der Staat gibt ein schlechtes Vorbild ab, wenn nur die Ausgaben der Maßstab aller Dinge sind und die menschliche Leistungsfähigkeit auf der Strecke bleibt.

04.07.2018 22:59 part 3

Alles hängt in der BRD am Mindestlohn, mit dessen Unterschreitung zur Inflationsrate auch Austeritätspolitik gegenüber anderen EU- Mitgliedern betrieben wird. Mehr Einkommern im Niedriglohnbereich würde aber sofort die Binnenwirtschaft gewaltig ankurbeln, da Niedriglöhner nicht sparen oder spekulieren. Oder die gesetzmäßige zyklische Krise durch noch mehr Geiz- ist- Geil - Mentalität.

04.07.2018 21:37 Leserin 2

Eine solche Überschrift im Kapitalismus ist der Witz an sich.
Alle müssen hart arbeiten und teilweise unter noch schlechteren Bedingungen.
Ich war neulich als Zeuge in einer Polizeidienststelle und fühlte mich in die 1970er Jahre zurück versetzt.

04.07.2018 21:03 Detlev 1

Welche sind denn die beiden Landkreise in Mitteldeutschland, die mit eigenem Personal arbeiten? Wäre sehr interessant gewesen, über deren Erfahrungen mehr Infos zu bekommen. Ich kann mir gut vorstellen, sehr positiv in der Gesamtbetrachtung. Kostet vielleicht 2 Euro mehr, aber dafür bessere Qualität, Arbeitsmoral, Motivation und sozialer Mehrwert für die Einrichtung und Region. Der Bürgermeister von Tangerhütte deutete ja so etwas an. Vielleicht kann der MDR ja noch nachlegen. Danke.