exakt | 06.02.2019 Enttäuschte Hinterbliebene

Angehörige von Gewaltopfern fühlen sich oft allein gelassen - von der Polizei, von den Behörden. Zu wenig Aktion, zu wenig Unterstützung, zu wenig Mitgefühl lauten die Vorwürfe. Das hat persönliche und politische Folgen.

Die Leipziger Studentin Sophia Lösche war am 14. Juni 2018 auf dem Weg zu einer Familienfeier nach Amberg in Bayern – per Anhalter. Ihr Vater wollte sie vom Bahnhof abholen, doch sie kam nie dort an. Ihr Bruder Andreas erinnert sich. „Daraufhin hat er versucht sie am Telefon zu erreichen, doch das war ausgeschaltet.“ Die Angst, dass etwas Fürchterliches passiert sein könnte, wächst schnell. Am nächsten Tag schaltet die Familie die Polizei ein.

Der Hinweis, es könne sich um ein Gewaltverbrechen handeln, wird aus Sicht von Andreas Lösche dort nicht ernst genug genommen. Sophia wird wie jeder andere Vermisstenfall registriert. Ab dem Zeitpunkt werden Freunde von Sophia aktiv. Noch am selben Wochenende finden sie heraus: Sophia Lösche stieg in einen LKW. Auf Überwachungsvideos einer Tankstelle wird die junge Frau identifiziert.

Andreas Lösche nahm die Suche nach seiner Schwester Sophia selbst in die Hand.
Andreas Lösche nahm die Suche nach seiner Schwester Sophia selbst in die Hand. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Polizei reagierte laut Andreas Lösche nicht angemessen: „Sie sagten uns, dass sie die Zuständigkeit zwischen Bayern und Sachsen am Montag auf höherer Ebene klären müssten. Zudem hätten sie alles getan, was in ihrer Macht steht. Sie würden jetzt nichts mehr tun.“

Obwohl also Lkw, Fahrer und Kennzeichen bekannt waren, passierte nichts. Für die Familie eine niederschmetternde Auskunft. Sie machen sich allein auf die Suche, kleben Plakate an Raststätten, eröffnen eine Facebook-Seite mit dem Titel: „Find Sophia“, die innerhalb kürzester Zeit 10.000 Follower hat. Schnell bildet sich ein Suchteam mit rund 90 Leuten.

Frustration über Behörden ist kein Einzelfall

Enttäuschung von der Arbeit der Behörden sind keine Einzelfälle, sagt die Soziologin Judith Albrecht von der Freien Universität Berlin. Sie hat Angehörige von Gewaltopfern befragt und herausgefunden, dass sich die meisten Betroffenen allein gelassen fühlen. Schon bei der Überbringung der Nachricht, so erzählen die meisten von ihnen, sei die Polizei überfordert.

Das heißt Polizisten wissen nicht, wie sie das machen sollen. Diese Soforthilfsmaßnahme, dass die Polizei auch einen Seelsorger zur Seite stellt oder irgendjemanden der diese Familie oder Angehörigen begleitet, findet häufig nicht statt.

Judith Albrecht Soziologin an der Freien Universität Berlin

Deshalb fordert Albrecht einen Standard in der Notfallsicherung und eine bessere Kommunikation zwischen allen beteiligten Organen.

Das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, kennt auch Karsten Hempel. Sein Sohn zog sich bei einer Auseinandersetzung mit einem jungen Syrer in Wittenberg eine Kopfverletzung zu, an der er später verstarb. Der Vater erzählt, er habe keine Ansprechpartner bei den Behörden. Dazu kommen Zweifel an der  juristischen Aufarbeitung. Sein Vorwurf: Der Fall würde herausgezögert. Bis zur Erhebung der Anklage im November 2018 dauerte es über ein Jahr.

Die AfD nutzt die Lücke

Einzig von der AfD fühlt er sich unterstützt. Ein Wittenberger Abgeordneter der AfD meldete sich und fragte, ob er helfen könne. Die Partei bringt den Fall in den Landtag. Karsten Hempel spricht auf Demos, die AfD organisierte die Trauerfeier zum Todestag. Karsten Hempel ist dankbar für die Hilfe.

Karsten Hempels Sohn starb nach einer Schlägerei mit einem Syrer.
Karsten Hempels Sohn starb nach einer Schlägerei mit einem Syrer. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Rechtspopulisten füllen diese Lücke und bieten ein Netzwerk. Und das muss man ernst nehmen

Judith Albrecht Soziologin an der Freien Universität Berlin

Andreas  Lösche machte seiner Enttäuschung über die Arbeit der Behörden in einem Brief an die Innenminister von Bayern und Sachsen Luft.

Im Fall seiner  Schwester gab ein polnischer Trucker, der den Aufruf im Netz gelesen hatte, den entscheidenden Hinweis. Die private Suchgruppe ging dem nach. Konkrete Daten holt sich die Polizei dann nur noch ab. Der Lkw-Fahrer wurde daraufhin von der spanischen Polizei gefasst. Auf eine Antwort aus Sachsen wartet Andreas Lösche bis heute.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 06. Februar 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2019, 18:41 Uhr