exakt | 08.08.2018 Gekündigte Erzieher

Die Sozialwerk GmbH hatte Mitte Mai allen Mitarbeitern seiner drei Leipziger Kitas gekündigt. Auslöser soll die Gründung eines Betriebsrates gewesen sein. Der Träger wurde dafür stark kritisiert. Zu Recht?

Claudia Gründel Richter und ihre Kinder haben Glück gehabt. Ihre Kita in Leipzig Mölkau fand in letzter Minute einen neuen Träger. Ihr Sohn ist einer von rund sechshundert Kindern, die ab August sprichwörtlich auf der Straße gestanden hätten. Mitte Mai hat der Betreiber angekündigt, sich von seinen Kitas zu trennen. „Ich hatte wirklich die Angst von heute auf morgen dazustehen und das Kind irgendwo unterbringen zu müssen“, sagt die zweifache Mutter.

Die offizielle Erklärung, die das Sozialwerk bekannt gibt: Man wolle sich aus dem Standort Leipzig zurückziehen. Dabei gab es schon lange Probleme. Seit Jahren klagten Kindergärtnerinnen und Mitarbeiter in den verschiedenen Einrichtungen über schlechte Löhne. Die finanzielle Lage sei undurchsichtig gewesen. „Es gab nie wirkliche Transparenz“, erinnert sich Erzieherin Karoline Frentzel. Zudem forderten die Mitarbeiter der Sozialwerke mehr Mitbestimmungsrecht und wollten deshalb Mitglied im Eigentümerverein im 450 km entfernten Iserlohn werden. Denn der Eigentümer der Firma ist ein Gemeinnütziger Verein: das Internationale Bildungs- und Sozialwerk mit Hauptsitz in Nordrhein-Westfalen.

Angehörige besetzen wichtige Posten

Doch die Mitarbeiter scheiterten mit ihrem Plan, als Vereinsmitglieder mehr Einfluss zu gewinnen und besser informiert zu sein. Eine Anwesenheitsliste von 2016 verrät, wer im Verein das Sagen hat: Es ist die Familie des Managers und Vorstands: Heinrich Schnatmann. Angehörige besetzen Schaltstellen in Unternehmen und im Verein. 

Ein Mann mit Brille
Heinrich Schnatmann, Geschäftsführer des Sozialwerks, weist alle Vorwürfe zurück. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Leipziger Rechtsanwalt Dirk Feiertag, der die Mitarbeiter des Sozialwerks vertritt, geht davon aus, dass die Beteiligten, die den Internationalen Bildungs- und Sozialwerk e.V. gegründet haben, ganz bewusst keine neuen Mitglieder aufgenommen und so wenig wie möglich über ihr Geschäftsmodell informiert hätten. Heinrich Schnatmann, Geschäftsführer des Sozialwerks, aber versichert, bis heute keinen einzigen Antrag auf Aufnahme von den Mitarbeitern erhalten zu haben.

Die Fronten sind verhärtet

Dabei berichteten mehrere Mitarbeiter von dem Versuch, Mitglied zu werden. Als letztes Mittel, um Mitbestimmungsrechte doch noch durchzusetzen, wollen die Leipziger Angestellten einen Betriebsrat gründen. Das war schon im Frühjahr 2013. Dabei soll der Betreiber vor dem Haus gestanden und beobachtet haben, wer an der Wahl teilgenommen habe. 

Intransparenz und zweifelhafte Methoden? Danilo Raaymann, Betreuuer einer Kita des Sozialwerks, hat es selbst erfahren. Seine Stelle wurde trotz extremen Personalmangels nicht verlängert. Also schrieb er einen Brief an seinen Arbeitgeber, um dem entgegen zu wirken.

Ein Mann mit Basecap
Danilo Raaymann, Betreuuer: "Ich bekam Hausverbot." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es hat nicht lange gedauert, da stand die Regionalleitung vor meiner Haustür und hat mir ein Hausverbot ausgesprochen.

Doch die Mitarbeiter lassen sich nicht einschüchtern. Anfang Mai wählen sie, unterstützt von der Gewerkschaft, dann doch ihren Betriebsrat. Kurz darauf wurden alle Mitarbeiter der Sozialeinrichtungen bis Ende Juli 2018 gekündigt. Ging es dem Eigentümerverein darum, Mitsprache zu verhindern? Vorstandsmitglied und Liquidator Schnatmann streitet alles ab.

Zum Glück fand sich am Ende ein neuer Betreiber für die Kitas, sodass alle Kinder weiter betreut werden können.  Eltern und Erzieher hoffen, dass der sich als zuverlässig erweist.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 08. August 2018 | 20:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. August 2018, 17:52 Uhr

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1 Kommentar

09.08.2018 11:13 Ole S. Galen 1

Immer wieder das gleiche Theater bei versuchten Betriebsratsgründungen. Dabei ist das Gesetz ziemlich eindeutig: "In Betrieben mit in der Regel mindestens fünf ständigen wahlberechtigten Arbeitnehmern, von denen drei wählbar sind, werden Betriebsräte gewählt."
Im Paragraph fehlt ein "können", er ist damit verbindlicher gesetzlicher Auftrag.
In der täglichen Praxis wird aber von allen Seiten dieses "können" hineininterpretiert, denn:
Wo ist die Aufsichtsbehörde die regelmäßig bei Unternehmen ohne BR unangenehm nachfragt, wann er denn kommt - ggf. mit Auflagen?
Welche Politiker machen diese offensichtliche massenhafte Nichteinhaltung eines Gesetzes zum Thema?
Jetzt werden viele argumentieren, es sei schließlich Sache der Mitarbeiter dieses zu tun - auch wenn das Gesetz dieses nicht festlegt. Doch zeigt die Erfahrung, dass es immer schwer, aufwändig und gefährlich ist, aus einer Abhängigkeitsposition Rechte einzufordern. Hier wäre mehr Druck von außen eine große Hilfe.