exakt | 18.07.2018 Staatliche Tierschutzkontrollen oft mangelhaft

Kadaver im Stall, erschlagene Ferkel - in einigen Großviehbetrieben in Sachsen-Anhalt herrschen katastrophale Zustände. Die Behörden tun nichts.

Ein Schweinezuchtbetrieb in Sachsen-Anhalt. Eine Angestellte schlägt offenbar Ferkel tot. In einem Milchviehunternehmen liegen wochenlang tote Rinder zwischen den lebenden. Ein unerträglicher Anblick.

Aufgedeckt hat diese Missstände der Tierschützer Friedrich Mülln. Er arbeitet für "Soko Tierschutz", einem gemeinnützigen Verein, der sich für Tierrechte und Verbraucherschutz einsetzt. Durch seine Arbeit ist er einiges gewohnt, doch die Zustände auf dieser industriellen Milchviehfarm sind schon besonders, sagt er: "Man muss im Metertakt über Kadaver steigen und nicht nur von Kälbern, die nach der Geburt getötet oder totgeboren wurden, sondern auch von ausgewachsenen Kühen."

Vorwürfe gegen den Landkreis

Tierschützer Friedrich Mülln, Soko Tierschutz
Tierschützer Friedrich Mülln Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mülln hatte das zuständige Veterinäramt in Stendal über die desaströsen Verhältnisse informiert. Insgesamt hätte er 17 tote Tiere auf dem Betriebsgelände entdeckt, erinnert er sich. Doch erst sechs Tage nach der ersten Anzeige kontrolliert das Veterinäramt nach Aussagen des Landkreises vor Ort. Das Ergebnis: keine Verstöße, keine toten Tiere, heißt es von offizieller Seite.

Drei Tage nach dieser Äußerung dokumentiert die "Soko Tierschutz" wieder, die Lage ist weiterhin desaströs. Die Tierschützer werfen der Behörde Versagen vor.

Claudia Dalbert (Grüne), Landwirtschaftsministerin von Sachsen-Anhalt
"Nichts unter den Teppich kehren", sagt Claudia Dalbert (Grüne), Landwirtschaftsministerin von Sachsen-Anhalt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Claudia Dalbert, grüne Landwirtschaftsministerin von Sachsen-Anhalt, hingegen beteuert, dass immer wieder unangekündigte Kontrollen mit Tierschutzdienst, durch die obere Behörde durchgeführt werden. "Das ist das normale Prozedere, weil es mir wichtig ist, dass wir nichts unter den Teppich kehren", sagt Dahlbert.

Wie aber kann es dann soweit kommen? Auch im umstrittenen "Schweinehochhaus" in Maasdorf herrschen schreckliche Zustände. Die Tiere sind in engen Kästen gefangen, Käfige sozusagen. "Hier werden kranke Tiere auf den Boden geschlagen, bis sie tot sind. Die hygienischen Zustände sind eine Katastrophe und aus diesem Grund  stellen wir auch permanent Strafanzeigen, die immer wieder eingestellt werden", sagt Jan Peifer vom Tierschutzbüro. Selbst die übergeordnete Behörde, das Landesverwaltungsamt, hatte den zuständigen Veterinär mehrfach zu härterem Vorgehen gegen den Betreiber aufgefordert.

Überforderte Ämter

Durch Zufall erfahren die Tierschützer, dass der zuständige Veterinär bei Vernehmungen der Polizei eine hohe Arbeitsbelastung einräumt und zugeben hat, dass er seine Überprüfungen im Schweinehochhaus stets angekündigte. So habe der Betreiber mindestens zwei Tage Zeit gehabt, sich vorzubereiten. Die Tierschützer sind entsetzt. Es könne nicht sein, dass, "weil der Amtsveterinär überfordert ist, oder keine Zeit oder keine Lust hat, hier Tausende von Tieren leiden", so Pfeifer weiter.

Tierwohl gegen politische Interessen

Schweinehochhaus in Maasdorf, Sachsen-Anhalt
"Kranke Tiere auf geschlagen, bis sie tot sind": Schweinehochhaus in Maasdorf bei Köthen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Inzwischen hat das Landesverwaltungsamt verfügt, dass die Kontrollen im "Schweinehochhaus" vierteljährlich und unangekündigt erfolgen müssen. Matthias Wolfschmidt von Foodwatch, der Verbraucherorganisation für Nahrungsmittel, aber sieht die staatlichen Tierkontrollen bundesweit als Problem.

Veterinärämter seien politisch von den Landräten abhängig und Landräte hätten eben andere Interessen als Tierschützer, da gehe es um Gewerbesteuer und Arbeitsplätze und nicht um Tierwohl. "Das zentrale Problem in der staatlichen Tierschutzüberwachung ist, dass wir keine politisch unabhängige Kontrolle haben", sagt Wolfschmidt.

Die aber wären seiner Meinung nach dringend nötig. Veränderungen müssten also von oberster politischer Ebene kommen. Doch die Signale von dort sind andere. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) fordert, dass sogenannte Einbrüche in Ställe künftig als Straftatbestände geahndet werden sollen. Sie wollte MDR-exakt zu diesem Thema keine Auskunft geben. Klar aber ist: Der Kampf um die Bilder verschärft sich, so lange die Kontrollen zu lasch sind.

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Illegales Ferkeltöten + Video
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 18. Juli 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Juli 2018, 19:56 Uhr

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9 Kommentare

20.07.2018 16:13 Gwyneth 9

Deswegen werden die Tiere immer eine Sache bleiben um sie weiter quälen und ausbeuten zu können! Es ist eine Schande von unseren Politikern soetwas zu unterstützen. Hochachtung vor den Leuten die diese Misstände aufdecken!

20.07.2018 14:53 MD 8

Das solche Artikel und Kommentare etwas bewirken, habe ich heute im E-Center im Bördepark Magdeburg gesehen. Es könnte auch Zufall gewesen sein, aber das glaube ich nicht, denn jedenfalls war dort wo ich die Gammelbananen gekauft habe plötzlich extrem viele Bananen weg, nur leider habe ich vergessen auch mal beim Fleisch zu schauen, ob das auch noch Baden geht. MDR, ich bitte darum, noch mehr solcher Berichterstattungen mit Kommentarfunktion, damit man an diesen Zuständen etwas ändern kann, denn schlechte Berichterstattung ist schlecht für E-Center und Co, und für Ekelbauern und Ekelgemüsehändler usw.

20.07.2018 08:29 Karl- Fred Müller 7

Hier liegen nicht irgendwelche Zustände vor, sondern strafrechtlich hochrelevante, systematische Tierquälerei. Dass hier nicht ermittelt wird, ist kein Zufall. Massentierhaltung basiert in allererster Linie auf dem Vorsatz die Tiere zu quälen, sonst würden die Täter nicht explizit dafür sorgen, dass grundsätzlich ein Drittel der sogenannten Milchkühe mittels künstlicher Dauerschwangerschaft zu Tode geschunden werden und Schweine mittels künstlicher Dauerschwangerschaft zu Tode gemästet werden. Massentierhalterfilz in allen Ebenen zur Durchsetzung von Geldinteressen sehr weniger, auf Kosten der Resourcen und der Würde von uns allen. Massentierhaltungsverbot ist der einzige Weg und gangbar, denn zur gesunden Ernährung der Bevölkerung müssen nicht knapp eine Milliarde Tiere jährlich geschlachtet werden. Eu- Richtlinien zum Tierschutz bieten eine erste Handhabe. Man muss sie nur nutzen WOLLEN.

20.07.2018 07:29 Antonietta 6

Die Tierhaltung, und damit der Konsum tierischer Produkte, ist einer der Hauptverursacher für die größten Probleme unserer Zeit: vom Klimawandel über die Rodung der Wälder, bis hin zur Ressourcenverschwendung und Trinkwasserproblematik. Wenn Ihnen etwas an unserem Planeten liegt, leben Sie vegan.

19.07.2018 23:44 MD 5

Wie soll sich in dem Land etwas ändern im Tierschutz, wenn das Interesse des Volkes fehlt. 4 Kommentare bloß. Dann esst doch alle weiter euer Gammelfleisch.

19.07.2018 13:48 Thomas Wagner 4

Guten Tag !
Sowohl der Fernsehbeitrag bei FAKT als auch dieser Artikel, der den Beitrag zusammenfasst, sind meiner Meinung nach wichtig in der Debatte um Tierwohl und die Diuskussion um Behördenversagen in diesem Zusammenhang.
Zu der im Artikel getroffenen Aussage:
"Veterinärämter seien politisch von den Landräten abhängig..." würde mich wietergehend interessieren wie diese Abhängigkeit denn konkret aussieht?

vielen Dank ! T.W.

19.07.2018 12:19 Tatjana Bühn 3

Desaströse Zustände und die Verantwortlichen in den zuständigen Vet. Ämtern schauen zu. Solche Betriebe müssen sofort geschlossen werden, für die untätigen Mitarbeitern der Behörden muss ein Disziplinarverfahren eingeleitet werden.

19.07.2018 11:43 MD 2

Das ist ein Skandal, und zeigt das in diesem Land der Kapitalismus und dessen Geldgier seines gleichen sucht. Ich esse schon gar kein Fleisch und Wurst mehr, aber selbst beim Gemüse muss man schon Angst haben sich zu Vergiften mit Listerien usw. Ich kaufe oft schon Bio, aber Bio ist meistens zu teuer. Mit der Lebensmittelüberwachung ist es das gleiche, die machen auch nichts, oder nur wenn man die Anruft. Aber das hält in den Läden nicht lange, und dann gibt es wieder Gammelgemüse zu kaufen. Ich habe gestern von 6 Bananen 5 weggeworfen weil die nur noch Matschig waren. Gekauft im E-Center Magdeburg Bördepark. Und Fleisch ist dort auch nicht grade Appetitlich anzusehen, das Schwimmt immer im Saft, das ist Eklig.

19.07.2018 10:06 red fighter 1

Solange Tiere nach der so genannten Verfassung (GG) als Sache betrachtet werden und die Profitmaximierung das oberste Ziel ist wird sich daran nicht´s ändern. Die Politiker haben wahrscheinlich Scheuklappen mit dem €-Symbol vor den Augen oder kriegen ihren Hintern nicht vom bequemen Amtssessel hoch. Pfui!