exakt | 31.01.2018 Gewalt durch Betreuer im Flüchtlingsheim

Schlagen, anschreien, einschüchtern - es sind verstörende Taten, die unsere Recherchen offenlegen. In Flüchtlingsunterkünften sollen Betreuer immer wieder Bewohner angegriffen haben. Kaum ein Opfer zeigt die gewalttätigen Übergriffe an, Mitarbeiter und Heimbetreiber leugnen die Anschuldigungen.

Immer wieder gibt es Meldungen über gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Heimbewohnern in Asylunterkünften. Kaum öffentlich werden dagegen Vorfälle, in denen die Gewalt von Betreuern ausgeht. Auch, weil die Opfer diese Taten so gut wie nie anzeigen.

Der ehemalige Betreuer in einer Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Bad Suderode, Lutz Drescher, benachrichtigte die Polizei, als er von einem Heimbewohner per Sprachnachricht erfuhr, dass ein Kollege gewalttätig gegen einen Flüchtlingsjungen gewesen sei.

Anruf bei der Polizei kostete den Job

Ein dunkelhaariger Mann mit rotem Pullover und schwarzer Weste
Der ehemalige Heimmitarbeiter wies die Heimleitung mehrfach auf Vorfälle hin. Trotzdem änderte sich nichts. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Ich habe die 110 gewählt und gefragt, wie ich mich verhalten soll", berichtete Drescher. Die Polizei bestätigte ihm, er verhalte sich richtig. Sein Arbeitgeber, das VHS-Bildungswerk, sah das offenbar anders: Lutz Drescher verlor seinen Betreuerjob. Er hatte die Gewalt im Betreuerstab immer wieder kritisiert, mehrfach die Heimleitung auf Vorfälle hingewiesen und die Polizei gerufen. Unter anderem deshalb wurde er entlassen.

Lutz Drescher berichtete MDR-exakt von einem Gewaltereignis Ende Januar 2017. Nachts sei es zwischen zwei Jungen zum Streit gekommen. Ein Betreuer sei dazwischen gegangen. Drescher hatte zeitgleich Dienst: "Carsten hat Bascha angeschrien, er möchte jetzt endlich den Mund halten. Er hat ihm hier nichts zu sagen und er hat das letzte Wort. In dem Moment schnappt er ihn am Hals, dann höre ich es die Treppe runterpoltern. Unten durch den ganzen Raum, dann hat er ihn nochmal durch den Nachbarraum gezogen und hat ihn dort zur Strecke gebracht."

Ein Mann würgt einen jugendlichen Flüchtling (Szene nachempfunden)
Ein Betreuer soll einen minderjährigen Flüchtling in Bad Suderode gewürgt haben. (Szene nachempfunden) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der belastete Betreuer und die Heimleiterin streiten die Vorwürfe ab, erklären sich aber bereit zum Interview. Der Betreuer sagt zu dem Vorfall im Januar 2017, als er den Jugendlichen in einen kleinen Raum hinuntergeführt habe, seien auch andere Jugendliche dabei gewesen. "Die dürften es bezeugen, dass es dort kein Würgen gab. Dass es aber durch Sprachbarrieren zu einem großen Missverständnis kam."

Flüchtlinge zeigen Gewalttaten so gut wie nie an. Stefanie Mürbe vom Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt meint: Die Hürden für Anzeigen nach Gewaltvorkommnissen durch Personal in Unterkünften seien zu hoch. Abhängigkeitsverhältnisse und das fehlende Vertrauen in staatliche Stellen seien ein Problem.

Weitere gewalttätige Übergriffe im Harz

Übergriffe von Betreuern soll es auch in einem Flüchtlingsheim in Wendefurth gegeben haben. Mehdi Shirazifar, ein ehemaliger Bewohner des Heims, der heute in einer eigenen Wohnung in Magdeburg lebt, berichtet von seinen Gewalterfahrungen durch das Heimpersonal. "Sie haben sofort angefangen, mich zu schlagen, es waren zwei bis drei Leute von der Security, sie haben mich so heftig geschlagen, dass ich nicht mehr aufstehen konnte." Der Heimleiter soll Shirazifar mit Kabelbindern fixiert und versucht haben, die Verletzungen zu verdecken. Der vermeintliche Auslöser des Gewaltexzesses: Mehdi Shirazifar wollte mit zwei Flaschen Bier in seiner Tasche den Speisesaal betreten. Ein anderer Bewohner informierte die Polizei.

Ein Mann schlägt auf einen am Boden liegenden ein (Szene nachempfunden)
Bei dem Vorfall in der Unterkunft in Wendefurt soll Heimpersonal auf einen Flüchtling eingeschlagen haben. (Szene nachempfunden) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Geflüchtete, die noch in der Unterkunft in Wendefurth wohnen, bestätigen die Berichte. Sie möchten zu ihrem Schutz anonym bleiben. Ein Opfer sagt, "ich bin seit zwei Jahren in Deutschland. Aber ich habe nie mitbekommen, dass die Polizei in Deutschland jemanden schlägt. Er [der Heimleiter] ist eine Privatperson. Außerdem benutzt er oft Kabelbinder, wenn jemand ihn schubst oder bei leichten Auseinandersetzungen, um jemanden einzuschüchtern."

Der belastete Heimleiter will zu den konkreten Vorwürfen keine Stellung beziehen. Er teilte lediglich mit: Seiner Ansicht nach habe es keine Gewalt gegen Flüchtlinge gegeben.

Von der zuständigen Aufsichtsbehörde, dem Landratsamt des Landkreises Harz in Halberstadt, heißt es schriftlich, sie sehe das Gewaltpotential nicht bei Mitarbeitern der Unterkunft. Stattdessen verweist die Behörde auf "immer wieder" auftretende "körperliche Auseinandersetzungen" zwischen Bewohnern. "In solchen Auseinandersetzungen müssen dann Heimmitarbeiter und auch Sicherheitsleute eingreifen, um Schlimmeres zu vermeiden."

Bei solchen Maßnahmen kann es durchaus auch dazu kommen, dass die streitbeteiligten Parteien härter angepackt werden müssen.

Landkreis Harz

Gegenüber Mitarbeitern sei es jedoch nie zu einer Anzeige gekommen.

Die Heimleiterin in Bad Suderode behauptet, sie habe von den strittigen Vorfällen nichts gewusst. Gegenüber MDR-exakt sagt sie: "Ich war weder dabei, dass ich mich selber erinnern kann, so etwas gesehen zu haben. Ich kann mich erstmal nur darauf verlassen, was ich sehe oder was mir jemand zuträgt und wirklich sagt, da gab es ein Problem."

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 31.01.2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2018, 19:20 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

14 Kommentare

02.02.2018 21:04 Udo K 14

@ Username vergeben 9
Es war die Initiative „Cottbus schaut hin“, die laut Aussagen der Flüchtlinge behauptet hatte, der Wachschutz habe die Angreifer bewusst ins Haus gelassen, nur zögerlich die Polizei alarmiert und den Schlägern die Flucht ermöglicht habe.

In der heutigen Ausgabe der LR online wird dazu folgendes geschrieben:
"Wie Oberstaatsanwältin Petra Hertwig betont, werde nicht gegen Angehörige des beteiligten Wachschutzes ermittelt. Es hat sich kein Anfangsverdacht ergeben.“
..............
Somit verbreiten Sie, werter User, Vermutungen als Tatsachen, also Fake News.

02.02.2018 08:49 Günter Kromme 13

Was soll dieser Bericht der vor "soll" und ähnlichen Möglichkeitsformen strotzt? Bekannt ist allerdings gerade von den unbegleiteten Jugendlichen, besonders aus dem arabischen Raum, das sie inzwischen Jugendbanden bilden (siehe Düsseldorf) und sich mehr und mehr kriminalisieren obwohl die staatliche Fürsorglich gerade für diese Klientel besonders hoch ist. Und mit "Tutu" und "das darfst du nicht machen" ist bei Respektlosigkeit nichts auszurichten. Doch wir können das auch nicht weiter dulden. Kinder gehören zu ihren Eltern und nicht die Eltern zu ihren Kindern. Familiennachzug würde alles noch schlimmer machen da dann diese Menschen gar keinen Grund mehr haben zurück zu kehren und ihr zerstörtes Land wieder aufzubauen!

01.02.2018 21:17 Harzkristall 12

Ich weiß nicht, was ich von dem skandalisierenden Bericht halten soll. Man kennt die politische Richtung des MDR und des Magazins im Besonderen. Erstmal sehe ich bei einigen Migranten, dass es gar keine Minderjährige sein können - das erkennt man schon am Bartwuchs. Des Weiteren werden die Sachverhalte nicht klar aufgeklärt. Was haben Migranten getan? Wie war ihr Auftreten? Haben sie zu einer möglichen Eskalation beigetragen? Für die Pädagogen ist es ein sehr harter Job. Wie man inzwischen weiß, sind nicht alle mit friedlichen Absichten hier. Ich möchte diesen harten und nervenaufreibenden Job nicht mache.

01.02.2018 17:53 Maria A. 11

Über die banale Realität mit den MUFlis gab es vor etlichen Monaten einen interessanten Auszug aus dem Hamburger Polizeibericht in der Fernsehzeitschrift "auf einen Blick". Aus diesem Grund bin ich sehr skeptisch, dass es hier nicht Gründe dafür gab, dass die Nerven der Betreuer blank lagen. Und danach auch mal über reagiert worden ist. Wie hieß es immer? "Höre beide Seiten, ehe du scheltend die Stimme erhebst"...

31.01.2018 18:20 Beweise? 10

Das sind harte Anschuldigungen, die jedoch, wenn man den Artikel gelesen hat, nicht bewiesen und somit als unbewiesene Anschuldigungen zu werten sind. Gibt es gerichtsverwertbare Beweise dafür ? Offensichtlich nicht, obwohl zuweilen fast jede Situation miot dem Smartphone dokumentiert wird.
Ein solches Video gab es doch auch, als es zu den Übergriffen von Migranten auf Sicherheitsleute in der Suhler Unterkunft kam? Warum gibt es das zu diesen Fällen nicht, da selbst die Polizei vor Ort war und den " Geschädigten" in Augenschein nehmen konnte? Sie wäre auf jeden Fall (würgen?)tätig geworden und hätte einen Arzt hinzugezogen, zumal es sich um "Minderjährige" handeln soll. Dies wäre ein Offizialdelikt und die Polizei hätte hier kein Ermessen, ob eine Strafverfolgung stattfindet oder nicht.
Ist der hier zitierte Zeuge glaubwürdig?

31.01.2018 12:51 Username vergeben 9

Als Geflüchteter ist mensch nicht nur in Ostdeutschland Freiwild. Das hat nicht zuletzt der Fall aus Cottbus gezeigt, wo kurz nach Neujahr der "Sicherheitsdienst" (dessen Betreiber auf Facebook Sympathien für AFD und Neo-Nazis bekundet) rechte Angreifer nicht nur in die Unterkunft ließ, sondern sie auch rechtzeitig warnte, bevor die Polizei, wie gewohnt viel zu spät, eintraf.
Das der MDR angesichts solcher Meldungen Kommentare wie den von "Jochen" freischaltet, in denen Straftaten und Gewalt gegen Flüchtlinge legitimiert werden, lässt einen nur noch sprachlos zurück.

31.01.2018 12:05 jochen 8

[Wegen des Verstoßes gegen unsere Richtlinien (http://www.mdr.de/service/kommentarrichtlinien100.html) wurde dieser Kommentar entfernt. Die MDR.de-Redaktion]

31.01.2018 11:00 Wo geht es hin? 7

Wer nicht nur hier liest, weiss, dass das weit verbreiteter Alltag ist - nur mit umgekehrten Vorzeichen. Aber danach sucht man hier vergeblich - passt wohl nicht ins Weltbild...

31.01.2018 10:36 Corinna 6

Packende, gemalte Bilder. Nicht sehr seriös nach dem Motto "nur was ich sehe, das glaube ich". Keine seriöse Berichterstattung.

31.01.2018 10:13 kio 5

Die armen Flüchtlinge !